Archiv für die Kategorie „Wissenschaft“

Presseposse um die Denkfest-Finanzierung

Dienstag, 10. Oktober 2017

Die dritte Ausgabe des Denkfests steht vor der Tür. Vom 2. bis 5. November heisst es wieder vier Tage Wissenschaft, kritisches Denken und intelligente Unterhaltung. Dass es mit einem umfangreichen Programm mit 15 Referaten, 5 Podien, einem künstlerischen Rahmenprogramm und neu auch mit Kinderbetreuung über die Bühne gehen kann, verdanken die Denkfest-Partnerorganisationen auch massgeblich dem Verein Ref500, der den Anlass mit rund 80’000 Franken unterstützt.

Diese Förderung, die indirekt auch Mittel der Reformierten Kirche umfasst, war in den letzten Tagen Thema in einzelnen Medien, ausgelöst durch einen Artikel im Magazin bref, das von der Reformierten Presse herausgegeben wird. So hilfreich der Beitrag von CHF 80’000 für das Zustandekommen des breit gefächerten Denkfest-Programms auch ist, es ist in zweierlei Hinsicht wichtig, ihn in den Gesamtkontext zu stellen: 86% der Mittel, die über den Trägerschaftsverein Ref500 an gut 50 Projekte ausbezahlt werden, stammen von den drei weltlichen Quellen: Dem Lotteriefonds des Kantons Zürich, der Stadt Zürich und Zürich Tourismus. Und das Denkfest erhält knapp 6 Promille des Ref500-Etats von insgesamt 13.8 Millionen Franken (siehe Abbildung). 


Woher die Ref500-Mittel stammen und wie viel an das Denkfest geht

Auf die Denkfest-Zuwendungen umgerechnet stammen also rund 69’000 Franken von den weltlichen und rund 11’000 Franken von den kirchlichen Trägern – angesichts des Programms, bei dem auch Religionsvertreter zu Wort kommen, ein durchaus gesundes Mischverhältnis. 

 

Der Anfang: Eine Anfrage an die Freidenker

Dass die Freidenker und die anderen Denkfest-Partnerorganisationen mit ihrer Veranstaltung ins Reformationsjubiläumsprogramm integriert sind, geht auf eine Anfrage ganz zu Beginn der Planung des Jubiläums zurück. Die Freidenker wurden als Veranstalter des Welthumanistentages angefragt, ob sie einen eigenen Beitrag leisten möchten. Sie nahmen den Vorschlag sehr positiv auf, kamen aber zum Schluss, dass das Denkfest, dessen nächste Durchführung für 2017 geplant war, als mehrtägige Veranstaltung den geeigneteren Rahmen bieten würde. Sie reichten bei der damaligen Jury eine Ideenskizze eines Denkfests zum Leitthema «Reformationen des Denkens» ein. Es sollte die Reformation als geschichtliches Ereignis aufnehmen, aber auch Reformationen des Denkens beispielsweise in der Wissenschaft beleuchten und einen Blick in die Zukunft wagen: Welche Reformationen des Denkens kommen wohl noch auf uns zu? Die Idee wurde für gut befunden. So wurde das Denkfest wurde so eines der 31 von ursprünglich rund 100 Projekten, das zur Unterstützung durch den Lotteriefonds empfohlen wurde.

Die Gesamtplanung des Jubiläums geriet danach zunächst etwas ins Stottern, da der Regierungsrat ein erstes Gesuch abgelehnt hatte: Zu teuer und über einen zu langen Zeitraum verteilt lautete die Kritik. Darauf folgte eine weitere Prüfung der Projekte, mehrere fielen, teils aus terminlichen Gründen, weg, das Denkfest blieb. Die Freidenker und ihre Partnerorganisationen veranstalten also einen Anlass, welcher die Reformation von aussen beleuchten will und soll als solcher eine sinnige Ergänzung zum Gesamtprogramm «500 Jahre Reformation» sein. Wir wissen es sehr zu schätzen, dass es zu keinem Zeitpunkt Versuche gegeben hat, Einfluss auf das Programm zu nehmen.

Trotz international bekannter ReferentInnen und Referenten wie Seyran Ates, Philipp Blom. A. C. Grayling oder Julia Shaw und ReligionsforscherInnen wie Susan Karant-Nunn oder Jörg Stolz blieb das mediale Interesse für das Programm leider bescheiden. Das änderte sich erst mit einem Artikel im Magazin bref, das von der Reformierten Presse herausgegeben wird. Der Autor interessierte sich aber nicht für die Inhalte sondern nur für das Fehlen der Logos auf der Denkfest-Website. Diese fehlten tatsächlich am Tag der Anfrage, dem 3. Oktober noch. Bis Mitte September waren wir davon ausgegangen, dass sich die Trägerorganisationen zwar im Verein Ref500 zur Koordination und dem Bilden gemeinsamen Jury zusammengeschlossen hatten, die Unterstützung der einzelnen Projekte aber jeweils über einen der Träger laufen würde – das Denkfest eben durch den Lotteriefonds, da wir im Vorfeld mehrfach über die Ergebnisse des dort durch den Verein Ref500 eingereichten Gesuchs orientiert worden waren.

Von bref erfundene Differenzen

Im bref-Bericht ist von einem Missverständnis und von Differenzen zwischen dem Verein und der Denkfest-Organisation die Rede. Das Missverständnis bezüglich der Finanzierungsquelle gab es, die Differenzen sind frei erfunden. Von dem Moment an, als den Denkfest-Trägern bewusst war, dass die Mittel aus dem gemeinsamen Pool stammten, war für sie auch klar, die Logos der Trägerschaftsorganisationen abzubilden. Auf den 26. September hatte das Denkfest zu einer Medienorientierung eingeladen und in der dafür vorbereiteten Medienmappe alle Logos abgedruckt. Bei der Website dauerte die Aktualisierung allerdings tatsächlich länger, da die Denkfest-Vorbereitungen in Freizeit durch ein kleines Team erfolgen. Unser Versprechen war, bis zur Ref500-Lancierungsfeier am 4. Oktober einen aktualisierten Text für die Website zh-reformation.ch abzuliefern und unsere eigene Website mit den Logos zu ergänzen. Beides haben wir eingehalten. Diese Ausführungen hatte der bref-Redaktor von Andreas kyriacou bereits mündlich erhalten, als er sich entschieden hatte, einen Artikel mit nicht autorisierten Zitaten abzudrucken und online zu stellen. Das bref-Magazin, betreibt durchaus auch guten Journalismus. Es enttäuscht im vorliegenden Fall jedoch, dass es seiner Leserschaft nichts über die Zielsetzungen und Programminhalte des Denkfests kommunizieren will. Das ist aber selbstredend Ermessenssache der Redaktion. Es wäre allerdings redlicher gewesen, wenn Redaktor Heimito Nollé bei der telefonischen Anfrage am 3. Oktober transparent angekündigt hätte, dass er nur über die Logos und die Finanzierung schreiben wolle, statt ein generelles Interesse am Denkfest zu suggerieren. Und dass aus der am 4. Oktober per Mail erfolgten Bitte «Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre korrigierte Stellungnahme bis 13 Uhr schicken könnten» nachträglich eine minutengenaue Deadline wurde und ein Mail, das um 13.37 bei ihm einging, in der Berichterstattung nicht berücksichtigt wurde, ist journalistisch schlechter Stil.

Einen Vorteil hat diese Posse: das Denkfest wurde von mehr Medienschaffenden als bisher wahrgenommen. Wir freuen uns darauf, dass sie sich nun auch für die Inhalte interessieren… 

“Atheisten werden als gefährlich betrachtet” – Weltweite Studie zu Vorurteilen gegenüber Konfessionsfreien

Freitag, 11. August 2017

Artikel auf heise.de – Florian Rötzer, 09. August 2017

Intuitiv, so eine Untersuchung, werden Verbrechen eher Atheisten zugeschrieben, die mangels Religion als moralisch haltlos gelten – was selbst Atheisten zu glauben scheinen.

Religion, so glaubt man vielfach, sei wichtig, um Gesellschaften zusammenzuhalten und für moralisches Verhalten zu sorgen. Dabei spielen Religionen immer eine wichtige Rolle bei der Ausgrenzung von Andersgläubigen und der Gewalt gegen diese, um die Glaubensgemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Zu den verschiedenen, im Heilsanspruch miteinander konkurrierenden, mehr oder weniger extremen Religionen und Sekten kommen nun aber immer mehr Atheisten, die das religiöse Grund- und Gemeinschaftsgefühl zu gefährden scheinen. Sie können deswegen in sehr religiösen Gesellschaften gefährlich leben, auch deswegen, weil sie Ziel von Vorurteilen sind. Wissenschaftler haben nun in einer Umfrage mehr als 3000 Menschen, darunter neben Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten auch Atheisten, in 13 sehr religiösen und eher säkularen Ländern befragt, wie sie Atheisten wahrnehmen.

Die Autoren der Studie, die in Nature Human Behavior veröffentlichte wurde, gingen von einem kulturevolutionären Verständnis der Religion aus, nach dem Religion mit der Kooperation und dem Vertrauen in einer Gruppe verbunden ist. Das kann sich auch auf Angehörige anderer Religionen erweitern, aber nicht auf Nichtgläubige. Aus der kulturevolutionären Verschmelzung von Religion und Gruppe könnten Vorurteile gegen Atheisten auch in säkularen Gesellschaften weiter bestehen und selbst bei Atheisten zu finden sein.

Die Hypothese scheint dadurch bestätigt zu werden, dass mehrheitlich in allen Ländern, auch in vielen säkularen, Atheisten als amoralische Menschen betrachtet werden, die eher Verbrecherisches machen, weil sie keine Angst vor Bestrafung durch einen Gott haben. Religiöser Glauben wird “intuitiv als notwendiger Schutz gegen die Versuchungen eines amoralischen Verhaltens” verstanden. Weithin werden Atheisten daher als “moralisch niederstehend und gefährlich” angesehen, wie die Wissenschaftler schreiben.

Die Versuchsteilnehmer wurden nicht direkt gefragt, ob Atheisten amoralischer oder krimineller sind. Ihnen wurde die Geschichte eines Bösewichts vorgelegt, der als Kind bereits Tiere quälte und als Erwachsener, als ihm Tiere nicht mehr genügten 5 Obdachlose entführte und ermordete, die verstümmelten Leichen liegen in seinem Keller. Jeweils die Hälfte einer Gruppe wurde gefragt, ob der Bösewicht eher entweder ein Lehrer oder ein Lehrer ist, der gläubig ist, bzw. ein Lehrer, der an keinen Gott glaubt. Insgesamt wird der Mörder doppelt so viel als Atheist denn als Gläubiger eingestuft. Intuitiv würden die Menschen annehmen, dass Verbrecher eher Atheisten sind. Das war auch so in überwiegend säkularen Ländern wie in den Niederlanden, Hongkong oder in China, noch viel stärker in hochreligiösen Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Vereinigten Staaten oder Indien.

In den USA bezeichnen sich nur 4 Prozent als Atheisten und 5 Prozent als Agnostiker. In China sind 75 Prozent, in Hongkong 60 Prozent atheistisch oder agnostisch. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind Atheisten mit 0,6 Prozent praktisch nicht vorhanden, während in Tschechien fast 50 Prozent atheistisch oder agnostisch sind.

Auch einem Priester, der Kindesmissbrauch betrieben hat, wird unterstellt, nicht an Gott zu glauben

Um zu prüfen, ob der Verdacht nur auf Atheisten stärker bei schweren Verbrechen fällt, wiederholten die Wissenschaftler den Test bei einer kleineren Gruppe von Amerikanern, die mit Amazon Mechanical Turk angeworben wurden. Ihnen wurde beispielsweise die Geschichte einer 42-jährigen Frau vorgelegt, die auf Urlaub ist, in einem Restaurant isst und dann dieses ohne zu zahlen verlässt. Auch wenn es nur um Zechprellerei geht, sagten fast doppelt so viele, die Frau glaube nicht an Gott.

Bei einem anderen Test ging es um einen angesehenen Mann, der Kindermissbrauch begangen hat. Gefragt, ob es ein Priester oder ob es ein Priester ist, der an Gott glaubt bzw. nicht glaubt, blieb den Antwortenden nichts anderes übrigen, als den Priester zu nennen, sie hätten aber vorgezogen, dass es nicht an Gott an glaubt, also ein Atheist im Gewand eines Priesters ist.

Allerdings gibt es Ausnahmen. So fanden sich keine wirklichen Mehrheiten etwa in Finnland und Neuseeland, die Atheismus stärker mit Verbrechen verbanden, was allerdings auch bedeuten würde, dass die kulturevolutionäre Hypothese zumindest Brüche hat und dass in säkularen Gesellschaften Vorurteile gegenüber Atheisten abgebaut, während sie in hochreligiösen gefördert werden. Finnland und Neuseeland sind deutlich weniger säkular als etwa China, Tschechien oder Großbritannien. Man müsste natürlich auch fragen, inwieweit religiöse Menschen in stark säkularen Ländern mit Vorurteilen konfrontiert sind, sich hier also das Vorzeichen umdrehen könnte und man eher religiöse Extremisten für Untaten verantwortlich macht.

Das kümmert die Autoren offenbar nicht wirklich, die zum Schluss kommen, dass “unter Gläubigen und Atheisten in religiösen und säkularen Gesellschaften ein extrem intuitives moralisches Misstrauen weltweit evident” sei, auch wenn es stark zwischen säkularen und religiösen Gesellschaften variiert. Auch wenn Atheismus die Religiosität von Gesellschaften zurückdrängt, habe die Religion “offensichtlich eine tiefe und bleibende Spur in den menschlichen moralischen Intuitionen hinterlassen”.

“Die große Harari-Ver(w)irrung” – Kommentar von Michael Schmidt-Salomon

Donnerstag, 3. August 2017

Humanistischer Pressedienst Deutschland (hpd), 01. August 2017 mit einer ausführlichen und lesenswerten Buchkritik von Michael Schmidt-Salomon:

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari hat mit seinen Büchern “Eine kurze Geschichte der Menschheit” und “Homo deus” internationale Bestseller vorgelegt. Tragischerweise sind ihm in der Analyse haarsträubende Fehler unterlaufen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Ein Kommentar von Michael Schmidt-Salomon.

Normalerweise verzichte ich darauf, Bücher anderer Autoren zu kritisieren. Allzu schnell entsteht der Eindruck, man wolle seine eigenen Werke über die Abwertung Anderer aufwerten. Doch nachdem Hararis Bücher Millionenauflagen erreicht haben, nachdem ernstzunehmende Denker wie Daniel Kahneman den Autor über den Klee lobten und nachdem sogar der Humanistische Pressedienst (!) eine unbedingte Leseempfehlung für Hararis “Kultbücher” aussprach (Thomas Hummitzsch am 28.6.2017: “Hararis kluges, anregendes und aufwühlendes Buch ist ein Weckruf, in dem er das Heute analysiert, um die Möglichkeit einer menschlichen Zukunft zu bewahren. Wenn Sie nur ein Buch mit in den Koffer packen wollen, dann nehmen Sie dieses!”), sehe ich mich gezwungen, meine selbstauferlegte “Abstinenzregel” zu brechen. Denn vor einem Autor, der so sehr in ideologischen Denkschablonen gefangen ist, dass er den Nationalsozialismus (!) als “humanistische Religion” (!) beschreibt, kann nur gewarnt werden.

Wohlgemerkt: Bei dieser ungewöhnlichen Charakterisierung des Nationalsozialismus bzw. des Humanismus handelt es sich keineswegs um einen einmaligen, nebensächlichen Ausrutscher des Bestsellerautors, sondern um ein Kernelement seiner Weltsicht. Um dies verständlich zu machen, muss ich etwas weiter ausholen: In beiden Büchern, sowohl in “Eine kurze Geschichte der Menschheit” als auch in “Homo deus”, beschreibt Harari den Aufstieg des Humanismus, der die alten theistischen Religionen abgelöst habe, sowie den bevorstehenden Untergang des Humanismus, der durch neue technologische Ideologien (“Posthumanismus” bzw. “Dataismus”) ersetzt werde. In beiden Büchern meint Harari auch, den Humanismus als eine “Religion” charakterisieren zu müssen (eine Differenzierung zwischen “Religionen”, “Weltanschauungen” oder “Philosophien” sucht man vergeblich), die in drei verfeindete “humanistische Sekten” zerfällt, nämlich in die Konfessionen des “liberalen Humanismus”, des “sozialistischen Humanismus” und des “evolutionären Humanismus”.

Als “liberale Humanisten” lässt Harari dabei merkwürdigerweise nur jene gelten, die “auf den Schöpfergott und die Untersterblichkeit der Seele” zurückgreifen (“Eine kurze Geschichte der Menschheit”, S. 282), womit er unterschlägt, dass gerade auch Nicht-Theisten und Nicht-Idealisten (also Atheisten, Agnostiker, Materialisten und Naturalisten) für die zentralen Werte des “liberalen Humanismus”, nämlich Menschenrechte, Demokratie und die Prinzipen der offenen Gesellschaft, gestritten haben. Nicht weniger kurios: Als “sozialistische Humanisten” bezeichnet Harari nicht Autoren wie Ernst Bloch oder Erich Fromm, die sich selbst als “sozialistische Humanisten” verstanden haben, sondern kommunistische Diktatoren wie Josef Stalin, die den Begriff “Humanismus” nur als Schimpfwort gebrauchten und “Humanisten”, die sich auf die Frühschriften von Marx beriefen, als Vertreter eines “bürgerlichen Revisionismus”, das heißt: als Hochverräter an der parteikommunistischen Doktrin, verfolgten.

Als sei all dies nicht schon absonderlich genug, schießt Harari mit seiner Charakterisierung des “evolutionären Humanismus” dann endgültig den Vogel ab: Denn der Autor lässt uns sowohl in “Eine kurze Geschichte der Menschheit” (S. 281) als auch in “Homo deus” (S. 337) wissen, dass der evolutionäre Humanismus eine “Sekte” ist, “dessen bekannteste Vertreter die Nationalsozialisten waren”. Ja, Sie haben richtig gelesen: Für Yuval Noah Harari war Adolf Hitler nicht nur Diktator, Nationalist, Rassist und Massenmörder, sondern in Personalunion auch noch einer der führenden Vertreter des evolutionären Humanismus!

Adolf Hitler – ein “humanistischer” Massenmörder?

Wie kommt der Autor auf diesen verwegenen Gedanken? Nun, Harari zufolge teilen alle humanistische Konfessionen die Gemeinsamkeit, dass sie den “Glauben an Gott” durch einen “Glauben an den Menschen” ersetzen – was zunächst einmal nicht zu beanstanden ist (selbst wenn man Hararis Formulierung, Humanisten würden den Menschen “anbeten”, schwerlich folgen kann). Im Hinblick auf diesen “Glauben an den Menschen” – meint Harari weiter – müsse man den Nationalsozialismus als eine besonders konsequente Variante des Humanismus betrachten, da er sich “als einzige humanistische Sekte” vom “traditionellen Monotheismus losgesagt hat”. Dies klingt schmissig (und erinnert an Predigten katholischer Hardliner wie Dyba, Meisner und Müller), hat aber mit der geschichtlichen Realität wenig zu tun. Denn die NS-Ideologie war keineswegs von einer diesseitig-humanistischen Weltsicht geprägt, sondern vom Konzept der “heiligen Führung”, dem sich jeder Teil des “Volkskörpers” unterwerfen musste. Es hatte seinen Grund, dass die deutschen Soldaten “mit Gott und dem Führer” in den Krieg zogen und dass Hitler bei jeder Gelegenheit die “göttliche Vorsehung” herbeizitierte. Nazideutschland war einer der wenigen Staaten im 20. Jahrhundert, in denen es “Gottlosigkeit” offiziell gar nicht geben durfte. Wer nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft war, wurde von den Nazis in der amtlichen Kategorie “Gottgläubiger” geführt, denn “Atheismus” galt als Ausdruck einer “kulturzersetzenden, jüdisch-bolschewistischen Gesinnung”, die in keiner Weise geduldet wurde.

Harari verkennt allerdings nicht nur den theistisch-religiösen (mitunter auch okkulten) Charakter der NS-Ideologie, sehr viel gravierender ist, dass er sämtliche Kriterien unterläuft, mithilfe derer sich humanistische von antihumanistischen Weltanschauungen sinnvollerweise unterscheiden lassen. Allen (modernen) Humanismen gemeinsam ist nämlich der Imperativ, “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, verlassenes, verächtliches Wesen ist”. Dieser Formulierung von Karl Marx stimmen in der Regel auch bürgerlich-liberale Humanistinnen und Humanisten zu – selbst wenn diese meist deutlich andere Vorstellungen davon haben, wie sich dieses Ziel gesellschaftlich realisieren lässt. Aus diesem Grund kann der Nationalsozialismus, der große Gruppen von Menschen von vornherein radikal ausgrenzte, der sie in unvorstellbarem Maße erniedrigte, knechtete, vernichtete, unter gar keinen Umständen als “humanistisch” bezeichnet werden, wenn dieser Begriff noch irgendeine strapazierfähige Bedeutung haben soll.

Harari versucht nun sein Konzept zu retten, indem er dem vermeintlichen “Humanismus” der Nationalsozialisten das Attribut “evolutionär” voranstellt. Begriffslogisch ist dies allerdings unsinnig. Denn wenn das Attribut “evolutionär” dazu führen würde, dass ein Humanismus zum Antihumanismus mutiert, so müsste man von “evolutionärem Antihumanismus” sprechen – statt von “evolutionärem Humanismus”. Aber sei‘s drum. Harari verteidigt seine kuriose Begriffswahl damit, dass er behauptet, die Nationalsozialisten hätten sich von “anderen Humanisten” (sic!) dadurch unterschieden, dass ihr Menschenbild “stark von der Evolutionstheorie beeinflusst war”. Das klingt nach einem gewichtigen Argument, doch ist es wahr?

Dachten die Nazis “evolutionär”?

Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein! Denn es lässt sich leicht zeigen, dass auch der “sozialistische Humanismus”, der auf die Darwin-Verehrer Marx und Engels zurückgeht, auf der Evolutionstheorie fußt. Und auch bei den “liberalen Humanisten” des 20. Jahrhunderts wird man (selbst wenn man Hararis unbegründete Limitierung des Begriffs akzeptiert) nur sehr wenige Vertreter finden, die der Evolutionstheorie ablehnend gegenüberstanden. Tatsächlich haben sich “sozialistische Humanisten” wie Erich Fromm oder “liberale Humanisten” wie Karl Popper in ihren Schriften sehr viel stärker auf die Evolutionstheorie berufen als nazistische Ideologen wie Hitler, Streicher oder Rosenberg.

Ohnehin ist es falsch zu meinen, die Evolutionstheorie habe das nationalsozialistische Menschenbild in besonderer Weise geprägt. In dessen Zentrum standen nämlich keine wissenschaftlichen Konzepte wie die Evolutionstheorie, sondern antiwissenschaftliche sowie antihumanistische Mythen wie die Vorstellung von der Überlegenheit der “Europäer/Weißen/Arier” (ein Erbe des Kolonialismus) und der “kulturzersetzenden Kraft der Juden” (ein Überbleibsel des christlichen Antijudaismus). Vermischt mit einem übersteigerten Autoritarismus (eine Folge der über Generationen antrainierten Gehorsamstechniken vor allem in Preußen) sowie einem überbrodelnden Nationalismus, der durch die Niederlage im ersten Weltkrieg weiter angeheizt wurde, entwickelte sich daraus eine brandgefährliche politische Ideologie, die mithilfe selektiv ausgewählter “evolutionstheoretischer Befunde” allenfalls ausgeschmückt wurde.

Diese evolutionistischen Versatzstücke in der Naziideologie fußten allerdings nicht auf “der” Evolutionstheorie, sondern auf einer hochgradig verzerrten Interpretation derselben. So widersprach die nazistische Vorstellung vom “Kampf aller gegen alle” diametral den Erkenntnissen, die Darwin vor allem in seinem zweiten evolutionstheoretischen Hauptwerk “Die Abstammung des Menschen” dargelegt hatte. Schon damals hatte Darwin an unzähligen Beispielen aufgezeigt (was Peter Kropotkin Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem berühmten Buch über die “Gegenseitige Hilfe im Tier- und Menschenreich” noch einmal eindrucksvoll untermauerte), dass auch Liebe, Fürsorglichkeit, Kooperationsbereitschaft, Altruismus und Sanftmut evolutionär erfolgreiche Strategien sind.

Halten wir fest: Das Weltbild der Nazis war weder “humanistisch” noch “evolutionär”, wenn man diese Begriffe in einer halbwegs seriösen Weise gebraucht. Harari hätte dies selbst leicht erkennen können, wenn er darauf eingegangen wäre, was der seit Jahrzehnten in die internationale Debatte eingeführte Begriff “evolutionärer Humanismus” tatsächlich bedeutet. Aber eben dies ist das Befremdliche an Hararis Büchern: Obwohl das Konzept des evolutionären Humanismus als zusätzliche Bedrohungskulisse eine wichtige Rolle in seinen Büchern spielt, erwähnt er nirgends auch nur mit einer Silbe, dass dieser Begriff Mitte des 20. Jahrhunderts von dem bedeutenden Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, geprägt wurde.

Was der Begriff “evolutionärer Humanismus” tatsächlich bedeutet

Huxley ging es nach den Gräueln des 2. Weltkriegs, des Nazismus und Stalinismus darum, mit dem evolutionären Humanismus ein traditionsübergreifendes, offenes Rahmenmodell (nicht zuletzt auch für die UN-Organisationen) zu entwickeln, das alte humanistische Werte mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang bringt. Dabei verband Huxleys Konzept die Prinzipien der Freiheit (nach Harari ein Exklusivgut des “liberalen Humanismus”) mit den Prinzipien der Gleichheit (nach Harari das Alleinstellungsmerkmal des “sozialistischen Humanismus”) und es berücksichtigte natürlich auch in besonderem Maße die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie. “Evolutionär” war dieser “neue Humanismus” allerdings noch in einer anderen bedeutsamen Hinsicht: Denn Huxley wusste als erfahrener Forscher, dass wissenschaftliche Erkenntnisse stets fehleranfällig und somit korrekturbedürftig sind und dass auch ethisch-politische Normen einem historischen Entwicklungsprozess unterliegen. Hieraus leitete Huxley ab, dass der evolutionäre Humanismus sich selbst evolutionär weiterentwickeln müsse und somit absolute Autoritäten wie unveränderliche Dogmen mit allergrößter Entschiedenheit abzulehnen sind – ein schärferer Kontrast zur radikal-autoritären, dogmatisch erstarrten Ideologie des “Tausendjährigen Reichs” ist kaum denkbar.

Ist es wirklich möglich, dass Yuval Noah Harari bei der Niederschrift seiner Bücher keine Ahnung davon hatte, dass der Begriff “evolutionärer Humanismus” etwas komplett anderes bedeutet als das, was er seinen Leserinnen und Lesern unter diesem Stichwort verkaufte? Ich habe diesbezüglich arge Zweifel. Immerhin findet man auch im englischsprachigen Wikipedia einen Eintrag zum “Evolutionären Humanismus”, der selbstverständlich nicht auf die Nazis, sondern auf Julian Huxley verweist. Zudem gibt es in “Homo deus” eine Stelle (S.349), welche die Interpretation naheliegt, dass Harari sehr wohl wusste, wie leicht sich sein Verständnis von “evolutionärem Humanismus” zerpflücken lässt. Allerdings macht diese Passage seine haarsträubende Interpretation keineswegs erträglicher, sondern setzt ihr die Krone auf. Harari schreibt nämlich: “Es sei allerdings erinnert, dass Hitler und die Nationalsozialisten nur eine Extremform des evolutionären Humanismus darstellen. (…) Nicht alle evolutionären Humanisten sind Rassisten, und nicht jeder Glaube an das weitere Entwicklungspotential der Menschheit führt zwangsläufig in den Polizeistaat und zu Konzentrationslagern.”

Mir stockte der Atem, als ich diese Passage las. Was soll man dazu noch sagen? Selbstverständlich war der Nationalsozialismus keine “Extremform des evolutionären Humanismus”, sondern eine “Extremform des antievolutionären Antihumanismus”. Die Nazis dachten, wie gesagt, weder humanistisch noch evolutionär, sondern antihumanistisch und totalitär. Und selbstverständlich – es ist peinlich, dies überhaupt betonen zu müssen – können “Rassisten” per definitionem niemals “Humanisten” sein, da sie die fundamentale Basis jedes ernstgemeinten Humanismus, nämlich die Idee der einen Menschheit, in der jedes einzelne Individuum zählt, missachten! Mehr noch – und dies zeigt, wie grotesk Harari die Tatsachen verdreht hat: Es war gerade der Begründer des evolutionären Humanismus, Julian Huxley, der dem Rassismus jegliche Grundlagen entzog, indem er 1935 in einem viel diskutierten Aufsatz (enthalten in dem Buch “We Europeans: A Survey on Racial Problems”) darlegte, dass die geno- und phänotypischen Unterschiede unter den Menschen viel zu gering sind, um im wissenschaftlichen Sinne von “menschlichen Rassen” sprechen zu können. Das Konzept der “Rasse”, so Huxley 1935, sei nur ein “sozialer Mythos”, keine wissenschaftliche Kategorie. Und so sorgte er dafür, dass der Begriff der “Rasse” zunächst in der wissenschaftlichen Debatte fallen gelassen und später auch auf politischer (UN-) Ebene durch den von ihm geprägten Begriff der “ethnischen Gruppe” ersetzt wurde (siehe u.a. das UNESCO-Statement “The Race Question” von 1950).

Die Folgen der Hararischen Begriffsverwirrung

Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob Harari so unwissend oder ob er so manipulativ war, dass er diese leicht überprüfbaren Tatsachen in ihr Gegenteil verkehrte. Fakt ist jedoch, dass es für ihn einige dramaturgische Vorteile mit sich brachte, den evolutionären Humanismus kontrafaktisch mit Hitler und den sozialistischen Humanismus kontrafaktisch mit Stalin zu verbinden. Denn ohne diesen Kniff hätte die Geschichte, die Harari seinen Leserinnen und Lesern verkaufen wollte, nämlich die Geschichte vom nahenden Untergang des Humanismus, gar nicht funktioniert. Warum? Weil Harari nach dieser Diskreditierung des evolutionären und des sozialistischen Humanismus sämtliche Argumente ausblenden konnte, die aus diesen Traditionen stammen. Übrig blieb stattdessen der “liberale Humanismus”, den Harari (seiner eigenen Logik folgend, tatsächlich aber grob verfälschend) als eine a) anti-egalitäre (gegen das “sozialistisch-humanistische” Gleichheitsideal gerichtete) sowie b) naiv-idealistische (gegen das “evolutionär-humanistische” Wissenschaftsprinzip verstoßende) Ideologie darstellte.

Laut Harari müssen liberale Humanisten an einen gottgleich über den neuronalen Zuständen schwebenden, unabhängig von natürlichen Ursachen funktionierenden “freien Willen” glauben, da andernfalls ihr Glaube an “die Freiheit” in sich zusammenbrechen würde. Akzeptiert man diese Unterstellung, ist es natürlich ein Leichtes zu beweisen, dass ein solcher “liberaler Humanismus” gegen fundamentale Erkenntnisse der Biowissenschaften verstößt und in einem Zeitalter, in dem uns digitale Algorithmen die Regelhaftigkeit unseres Verhaltens immer deutlicher vor Augen führen, dem Untergang geweiht ist (das Hauptthema von “Homo Deus”). Aber: Ist es denn überhaupt wahr, dass der politische Liberalismus mit einem Glauben an das idealistische Konstrukt der Willensfreiheit einhergehen muss?

Auch hier lautet die Antwort: Nein! Dass Hararis Argumentation auf den ersten Blick überzeugend erscheinen mag, liegt daran, dass der Begriff der “politischen Handlungsfreiheit” leicht mit dem Begriff der “Willensfreiheit” verwechselt werden kann. Tatsächlich aber geht es im politischen Liberalismus keineswegs um die philosophische Frage, ob Menschen unabhängig von natürlichen Ursachen in einem spezifischen Moment ihres Lebens auch das exakte Gegenteil von dem wollen könnten, was sie tatsächlich wollen (Konzept der Willensfreiheit im Sinne des sogenannten “Prinzips der alternativen Möglichkeiten”), es geht vielmehr um die gesellschaftspolitische Frage, ob Menschen unter bestimmten sozialen Verhältnissen die Freiheit haben, tun zu können, was sie wollen (Gewährleistung von individuellen Handlungsfreiheiten).

In beiden Fällen taucht zwar das Wort “Freiheit” auf, nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun! Mehr noch: Es lässt sich (wie ich es in meinem Buch “Jenseits von Gut und Böse” getan habe) zeigen, dass einige der konsequentesten Gegner der Willensfreiheitsthese zugleich entschiedenste Vorkämpfer für politische Freiheiten waren – und umgekehrt: dass einige der enthusiastischsten Verfechter der Willensfreiheitsthese fanatisch für diktatorische Verhältnisse stritten. Auch wenn dies Harari-Anhänger arg verwirren mag, es entspricht nun einmal den historischen Tatsachen: Die wohl brutalsten Feinde der Freiheit und des liberalen Humanismus, nämlich die Nationalsozialisten, waren bedingungslos von der “Freiheit des Willens” überzeugt, da dies die idealistische Grundlage ihres strengen “Schuld-und-Sühne-Strafrechts” und ihrer “heroischen Stellungnahme zum Leben” war (so Roland Freisler in seiner Begründung zum Entwurf des nazistischen Strafrechts), während liberale Rechtsgelehrte wie Gustav Radbruch oder Fritz Bauer, die für größere Freiheit und eine weitreichende Humanisierung des Rechtssystems eintraten, die “unwissenschaftliche Hypothese” der Willensfreiheit verwarfen und stattdessen die mannigfaltigen sozialen und kulturellen Ursachen ins Bewusstsein rückten, die zu kriminellen Verhaltensweisen führen.

Die Fiktion eines “humanistischen Religionskrieges”

Hararis Freiheitsbegriff ist aber nicht nur deshalb obskur, weil er die unterschiedlichen Kategorien der Handlungsfreiheit und der Willensfreiheit unzulässig miteinander vermischt, sondern auch, weil er das Prinzip der Freiheit in einen radikalen Widerspruch zum Prinzip der Gleichheit setzt. Dies ist in politisch-ideologisch aufgeladenen Debatten zwar eine beliebte Denkfigur, aber mit einer soliden philosophischen und demokratietheoretischen Betrachtungsweise kaum in Einklang zu bringen. Diese verdeutlicht nämlich, dass Freiheit und Gleichheit nur als Einheit zu denken sind, ja, dass jeder Schritt in Richtung Gleichberechtigung der Menschen (verstanden als Herstellung von Chancengerechtigkeit – nicht als inhumane Gleichmacherei der Individuen!) zugleich auch ein Schritt in Richtung größerer Freiheit ist (vgl. hierzu mein Buch “Die Grenzen der Toleranz – Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen, S. 122ff.).

Aus diesem Grund ist es natürlich überhaupt kein Widerspruch, sondern vielmehr logisch stringent, für einen an der Freiheit und der Gleichberechtigung aller Menschen orientierten evolutionären Humanismus einzutreten. Damit fallen die Gegensätze weg, die Harari seiner Konstruktion der vermeintlichen “humanistischen Sekten” zugrunde gelegt hat – und es wird noch offenkundiger, wie grotesk Hararis Darstellung der Konflikte des 20. Jahrhunderts ist. Denn Harari möchte uns doch allen Ernstes die Botschaft verkaufen (“Homo Deus”, S. 254ff.), dass sowohl der 2. Weltkrieg als auch der Ost-West-Konflikt Folgen eines großen “humanistischen Religionskrieges” waren, der seit dem vermeintlichen “Schisma des Humanismus” zwischen den verfeindeten “Sekten” des liberalen, sozialistischen und des evolutionären Humanismus tobt.

Man muss sich vergegenwärtigen, was dies bedeutet: Harari zufolge waren der Holocaust, die stalinistischen “Säuberungsaktionen” und auch die unzähligen Hungertoten der “Dritten Welt” darauf zurückzuführen, dass im 20. Jahrhundert leider zu viele “Humanisten” an der Macht waren, die sich als Vertreter unterschiedlicher “humanistischer Sekten” gegenseitig bekämpften! Sicher: Wenn man voraussetzt, dass Adolf Hitler, der sich als Werkzeug der “göttlichen Vorsehung” verstand, ein “Humanist” war, dass Josef Stalin, der als “Prophet des dialektischen Materialismus” Andersdenkende in unfassbarem Umfang abschlachten ließ, ein “Humanist” war, dass Ronald Reagan, der sich von evangelikalen Predigern einflüstern ließ, welche Politik “God’s own Country” benötige, ein “Humanist” war – dann kann man der Erzählung folgen, dass im 20. Jahrhundert ein “humanistischer Religionskrieg” mit Millionen von Opfern stattgefunden hat. Man kann es aber auch sein lassen und sich stattdessen seines eigenen Verstandes bedienen, ohne in die ideologische Denkfallen zu tappen, die Harari in seinen Büchern aufgestellt hat.

Quellenbelege zu diesem Text finden sich in dem Buch des Autors “Hoffnung Mensch – Eine bessere Welt ist möglich” (Piper 2014 ), das ein ähnliches Themenspektrum behandelt wie Hararis “Eine kurze Geschichte der Menschheit”, sich aber in der Qualität der Argumentation deutlich von diesem unterscheidet.

“Magie, Religion, Wissenschaft” – Ist Religion ein Instinkt? Studie der Universität von Rotterdam

Freitag, 7. Juli 2017

Telepolis, 05. Juli 2017 – Artikel von Peter Mühlbauer:

Ein nordirischer und ein niederländischer Wissenschaftler versuchen zu erklären, warum Atheisten bei Intelligenztests besser abschneiden

Die am Ulster Institute for Social Research und an der Universität Rotterdam forschenden Psychologen Edward Dutton und Dimitri Van der Linden haben im Personality and Social Psychology Review eine Hypothese veröffentlicht, mit der sie erklären wollen, warum Atheisten bei Intelligenztests durchschnittlich besser abschneiden als Teilnehmer, die sich einer Religion zuordnen. Letzteres entnehmen die Wissenschaftler den Ergebnissen von 63 Untersuchungen, die sie ausgewertet haben.

Nicht Teil einer bewussten Problemlösung

Die Hypothese beruht darauf, Religion – obwohl sie oft sehr komplexe Ausprägungen annimmt – nicht als Teil einer bewussten Problemlösung zu sehen, sondern als einen “Instinkt”, den der Mensch im Laufe seiner Evolutionsgeschichte entwickelte, weil er sich in früheren Situationen als Überlebens- und/oder Fortpflanzungsvorteil erwies. Menschen und ihrer Vorfahren konnten damit immer wiederkehrende Probleme schnell und ohne großen Denkaufwand lösen.

Intelligenz sehen die beiden Wissenschaftler dagegen als Fähigkeit an, instinktbestimmtes Handeln zu überwinden und auf Herausforderungen sowohl analytisch-reflexiv als auch kreativ zu reagieren. Deshalb nützt sie gegenwärtig lebenden Menschen in einer Umgebung, die sich technisch, wirtschaftlich und Sozial schnell verändert, potenziell mehr, als in einer Savanne, die Jägern und Sammlern über viele Generationen hinweg mit immer gleichen Situationen konfrontiert.

Dass Religion im 21. Jahrhundert trotzdem eine große Rolle spielt, erklären sich Dutton und Van der Linden mit Stresssituationen, in denen sie ebenso zutage tritt wie andere angeborene Verhaltensweisen wie Flucht oder Aggression.

Magie, Religion, Wissenschaft

Obwohl die beiden Psychologen selbst den Londoner Evolutionspsychologen Satoshi Kanazawa als ihre theoretische Grundlage nennen, knüpfen sie auch an die Forschungsergebnisse und Überlegungen eines ihnen fachfremden Wissenschaftlers an: In seiner 1925 erschienenen Studie Magic, Science and Religion1 wies der Ethnologe Bronislaw Malinowski anhand von Material das er in der Südsee gesammelt hatte, nach, dass Gesellschaften nicht – wie man bis dahin geglaubt hatte – in einer evolutionären Rangfolge ausschließlich von magischem, religiösem oder wissenschaftlichem Denken bestimmt sind, sondern dass alle drei Formen in allen Gesellschaften vorkommen. “Wissenschaftlich” werden immer jene Bereiche behandelt, die der Mensch technisch beeinflussen kann, “magisch” jene die außerhalb seiner Wirkungsmacht stehen.

Malinowski definierte die Magie als übernatürliche, unpersönliche Macht in der Vorstellungswelt des Menschen, die all das bewegt und steuert was für ihn gleichzeitig wichtig und unkontrollierbar ist.2 Magie wird mit Ehrfurcht und Scheu ausgeführt, mit Verboten und ausgefeilten Benimmregeln gesichert.3 Sie speist sich aus der Tradition, während die Wissenschaft aus der Erfahrung resultiert, von der Vernunft begleitet und durch Beobachtung korrigiert wird. Die Magie ist dagegen undurchdringbar für beides. Und während um die Magie Geheimnisse gemacht werden die durch Initiation weitergegeben werden ist die Wissenschaft offen für alle, ein gemeinfreies Gut.4 Wo die Wissenschaft sich nach Malinowski auf Erfahrung, Aufwand, und Vernunft stützt, kommt die Magie aus dem Glauben dass “die Hoffnung nicht trügen und der Wunsch niemals vergeblich sein könne”.5

Vom Individuum nicht kontrollierbare Entitäten

Während die von Malinowski untersuchten Bewohner der Trobriand-Inseln die sichere Lagunenfischerei ohne magische Rituale betrieben und kleinere Wehwehchen mit Massagen, Dampf und Heilkräutern behandelten kam bei ernsten Erkrankungen und bei der unsicheren Hochseefischerei Magie zum Einsatz.6 Die Naturkräfte auf hoher See waren nämlich für die Trobriander ebenso wenig kontrollierbar wie Krebs oder ein Schlaganfall. Aus diesem Grunde brachten sie hier Magie zum Einsatz.

Felder für magisches Denken öffnen sich auch durch vom Menschen gemachte aber trotzdem vom Individuum nicht kontrollierbare Entitäten wie “Markt” im allgemeinen und “Arbeitsmarkt” im besonderen. Walter Benjamin7, Christoph Deutschmann8 und Thomas Frank9 wiesen auf die Wahrnehmung ökonomischer Begriffe als übernatürliche Mächte hin. Hesiod hatte diesen Effekt bereits im 7. Jahrhundert vor Christus erkannt und sprach z.B. davon dass auch ein Gerücht ein “Gott” sein könne (vgl. Die Magie der Bewerbung).

>>Artikel auf heise.de lesen

Präimplantationsdiagnostik ab 1. September erlaubt

Montag, 26. Juni 2017

Artikel auf nzz.ch vom 21. Juni 2017:

Neu dürfen für eine künstliche Befruchtung maximal zwölf statt wie bisher drei Embryonen pro Behandlungszyklus entwickelt werden. Ausserdem sieht das revidierte Fortpflanzungsmedizingesetz vor, dass nicht verwendete Embryonen im Hinblick auf eine spätere Behandlung eingefroren werden können. Labors, die in der Fortpflanzungsmedizin und der Präimplantationsdiagnostik tätig sind, müssen zudem höhere Anforderungen an Personal und Infrastruktur erfüllen.

2020 Kinder

In der Schweiz bieten rund 30 Zentren Behandlungen zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung an. 2015 versuchten laut Daten des Bundesamts für Statistik (BFS) 6055 Frauen über eine künstliche Befruchtung schwanger zu werden. Bei 39,1 Prozent klappte dies auch. 72,9 Prozent der auf diese Weise entstandenen Schwangerschaften führten schliesslich zu einer Geburt.

So wurden insgesamt 2020 Kinder lebend geboren. Der Anteil der Mehrlinge betrug 29,2 Prozent. In 0,1 Prozent der Fälle kam es zu einer Totgeburt.

Camp Quest – 16. bis 22. Juli 2017 – Das humanistisch – wissenschaftliche Jugendlager goes Westschweiz

Montag, 20. Februar 2017

Nun ist es fix: das Camp Quest CH 2017 findet vom 16. bis 22. Juli statt.

Diesmal zieht’s uns Richtung Westschweiz. Auf dem Programm steht unter anderem ein Besuch im CERN. (weiterlesen…)

PID: «Wir erwarten einen Boom bei der künstlichen Befruchtung»

Dienstag, 17. Januar 2017

Interview zum Präimplantationsgesetz mit Peter Fehr* auf tagesanzeiger.ch am 16.01.2017:

*Peter Fehr (58) leitet eine Fruchtbarkeitsklinik in Zürich und war mehrere Jahre Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM).

Bei der künstlichen Befruchtung ist es neu erlaubt, die Embryonen per Präimplantationsdiagnostik (PID) zu testen. Beeinflusst dies Ihre Arbeit als Fruchtbarkeitsmediziner?

Auf jeden Fall. Wir erwarten eine starke Zunahme der Behandlungen. Ich gehe von rund 10 Prozent der Paare aus, die neu davon profitieren könnten. Das sind einige Hundert Paare pro Jahr, die bei einer Fruchtbarkeitsbehandlung eine PID machen könnten oder wollten, und die wir bisher dafür ins Ausland, vor allem nach Spanien, schicken mussten, weil es in der Schweiz nicht erlaubt war.

Sie ziehen eine positive Bilanz.
Wir sind natürlich heilfroh, dass das Gesetz durchgekommen ist; wir haben jetzt eines der liberalsten in ganz Europa.

Gibt es ausser der Zulassung der PID weitere Vorteile?
Was uns viel mehr bringt, ist, dass wir endlich Embryonen einfrieren können. Neu darf man zwölf befruchtete Eizellen weiterentwickeln lassen. Von diesen zwölf werden nach fünf Tagen vielleicht noch drei oder vier übrig bleiben, die man einsetzen kann. So können wir die Embryonen mit den besten Entwicklungschancen auswählen.

Steigen dadurch die Erfolgsraten?
Wir nehmen an, dass die Schwangerschaftsrate im schweizerischen Durchschnitt um 5 bis 10 Prozent auf 35 Prozent der Behandlungen ansteigen könnte – allein durch die Embryonenselektion. Viele Paare, die deswegen bisher ins Ausland gingen, werden in der Schweiz bleiben. Ich gehe von weiteren rund 1000 Paaren aus.

>> Das ganze Interview auf tagesanzeiger.ch lesen

“Es gibt keinen biologischen Grund, warum wir sterben sollten” – Veranstaltung der Freidenker Winterthur mit Astrophysiker Ben Moore

Freitag, 11. November 2016

“Die Annahme eines göttlichen Wesens ist für ihn ein wertloses Märchen. In seinen Büchern erklärt der Astrophysiker Ben Moore sehr anschaulich die Entwicklung des Universums vom Urknall an. Am Mittwoch spricht er auf Einladung der Freidenker-Vereinigung in Winterthur.”

Veranstaltungs-Details: Ben Moore: Our Place in Time and Space. Mittwoch, 9.11., 19.30 Uhr, Hörsaal TP 406 im ZHAW-Physikgebäude, Technikumstr. 9. Öffentlicher Vortrag in Englisch, Eintritt frei.

 

>>Zum Interview auf landbote.ch

 

 

 

 

Ben Moore ist Direktor des Zentrums für theoretische Astrophysik und Kosmologie an der Universität Zürich. In seinem populärwissenschftlichen Sachbuch «Elefanten im All» gelingt es ihm, die zeitlichen Dimensionen deutlich zu machen, die im Universum gelten. Besonders fesselnd beschreibt er die Entsteh–ung der Erde und des Mondes. Weniger überzeugend sind seine Ausführungen zur griechischen Philosophie. Demokrit und die Vorsokratiker hätten sich von den Ideen ab- und der Beo–bachtung zugewandt, schreibt Moore. In Wirklichkeit stützten sie sich auch auf Modelle, ohne welche ihre Beobachtungen gar nicht möglich gewesen wären. In seinem zweiten Buch «Da draussen» beschäftigt sich Moore mit der Wahrscheinlichkeit von intelligentem Leben im All. Er macht ausserdem elektronische Musik und ist ein begeisterter Bergsteiger.

Das Leben, das Universum und der ganze Rest… – Vortrag mit Ben Moore

Montag, 31. Oktober 2016


Den FreidenkerInnen Winterthur und Umgebung ist es gelungen, den bekannten Astrophysiker Dr. Prof. Ben Moore von der Universität Zürich nach Winterthur einzuladen. Er wird am Mittwoch 9. November ab 19.30 Uhr unter dem Titel «Our Place in Time and Space» über das Leben, das Universum und den ganzen Rest referieren.

Mit eindrücklichen Bildern wird er an diesem Abend die Anwesenden mitnehmen auf eine atemberaubende Reise vom Anfang der Zeit zum Ende des Universums. Er wird aufzeigen, wie Leben entstanden ist, wie es sich weiter entwickelt hat und wie die Zukunft auf der Erde aussehen wird. In seinem Vortrag wird er eine Vielzahl von Fragen anschneiden, beispielsweise: Warum hat das Universum überhaupt zu existieren begonnen, und wie wird es einmal enden? Warum existiert darin überhaupt etwas, und es ist nicht alles öd und leer? Wie lange kann unsere Gattung in Zukunft noch überleben? Droht ihre Auslöschung durch gigantische Asteroide oder durch unsere immer stärker werdende Sonne? Gibt es andere Welten mit Leben im All? Wird es einmal möglich sein, Kontakt mit anderen Kreaturen aufzunehmen? Und überhaupt: was ist der Sinn hinter all dem? Der Vortrag von Ben Moore ist in Englisch, doch dank der eindrücklichen Bilder leicht verständlich.

«Ich möchte Sie mitnehmen auf eine Reise vom Anfang der Zeit zum Ende des Universums, auf der wir unsere Ursprünge entdecken und mehr über die Zukunft des Lebens auf der Erde erfahren. Wir wissen schon viel, doch es gibt noch viel zu lernen. Warum hat das Universum überhaupt zu existieren begonnen, und wie wird es einmal enden? Und warum existiert darin überhaupt etwas und ist nicht alles öd und leer? Wie lange kann unsere Gattung in Zukunft noch überleben? Droht ihre Auslöschung durch gigantische Asteroide oder durch unsere immer stärker werdende Sonne? Eines Tages werden wir ein Raumschiff auf die Suche nach einer neuen Welt aussenden müssen, doch was befindet sich da draussen zwischen den Sternen? Und überhaupt: was ist der Sinn hinter all dem?»

Ben Moore ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich. Der Brite hat über 200 wissenschaftliche Abhandlungen verfasst, unter anderem zum Ursprung der Planeten und Galaxien sowie zu Dunkler Materie und Dunkler Energie. Seine Forschungsgruppe verwendet eigens dafür konstruierte Supercomputer, um die Entstehung kosmischer Strukturen zu simulieren. Moore ist Autor von zwei erzählenden Sachbüchern, «Elefanten im All – Unser Platz im Universum» und «Da draussen – Leben auf unserem Planeten und anderswo». Unter seinem Künstlernamen «Professor Moore» verbindet er Klänge aus seiner Gitarre und dem Universum mit seiner Leidenschaft für elektronische Musik. Für sein kürzlich erschienenes erstes Soloalbum «Escape Velocity» liess er sich von seinen Träumen vom Leben im All inspirieren.

Ben More — «Our Place in Time and Space»
Mittwoch, 09. November 2016 19.30 Uhr
Hörsaal TP 406 im ZHAW Physikgebäude, Technikumstrasse 9, Winterthur

Der Vortrag wird in englischer Sprache gehalten und ist öffentlich
Eintritt frei, anschliessend Apéro

„Zeitgeist plus“: Ausstellung in Burgdorf

Montag, 5. Oktober 2015

Der Freidenker Roset will mit seiner Kunst Räume auch ausserhalb des Gesetzten erschliessen und damit einen Beitrag an die Erweiterung unseres gängigen Weltverständnisses liefern.

Warum dieses Konzept?

Die Hauptabsicht der Kunst ist, mittels Formen Emotionen auszulösen. Die Wahl der Umsetzung sind kulturelle und individuelle Interpretationen.
Die Moderne in der Kunst hat die Malerei von der Last der bildungsbürgerlichen oder religiös orientierten Themen befreit. Das führte zu einer neuen Sicht der Interpretation der Kunst. Von nun an waren Bilder hauptsächlich Lieferanten emotioneller Anreize mit anfänglich durch die formal-stilistische Umsetzung geprägten Erkenntniserweiterungen. Im Laufe dieses Prozesses entstanden immer mehr Werke, welche die originalen Aussagen wiederholten und so eigentlich nur noch künstlerischen Dekorationswert hatten. Dieser Prozess dauert bis heute an, und man kann sagen, dass es formal-stilistisch nichts mehr gibt, das nicht an bereits umgesetzte Aspekte der damals neuen Aussagen erinnert.
In der Zwischenzeit haben sich die Kunstinteressierten daran gewöhnt, dass sie autonom an eine Bilddeutung herangehen können. Dagegen ist vorerst nichts einzuwenden, wenn man akzeptiert, dass so die Malerei in den meisten Fällen zur reinen Dekoration wird, weil sie keinen in sich wirkenden Erkenntniswert mehr hat, da ja die formal-stilistische Aussage keine neuen Informationen mehr hergibt. Einfach nur Gefühle umzusetzen, ist kein Beitrag an den kulturellen Erkenntnisprozess, kann aber trotzdem seinen Sinn haben.
Durch meine Auseinandersetzung mit der Malerei rutschte ich völlig ungewollt in einen Themenbereich, dessen Brisanz zur Erkenntnisgewinnung mir auf einmal klar wurde. Es geht dabei um die Chance, die neuen physikalischen Erkenntnisse, welche näher an den wahren Ursprung des Seins herankommen, mit malerischen Mitteln zu thematisieren. Das führte automatisch zur Frage, ob eine solche Kunstauslegung nach Jahren der Befreiung von jedem thematischen Zwang überhaupt noch einen Beitrag an die Kunst bringen kann. Mir war und ist bewusst, dass dabei die autonome Kunstinterpretation aufgegeben würde. So hatte ich plötzlich zwei Themen zu bearbeiten: einerseits die Wiedereinführung des themengebundenen Bildes, andererseits das Thema selbst, das sich als äusserst heikel bei der Umsetzung erwies.
Eine weitere Schwierigkeit war die Frage, ob überhaupt jemand bereit ist, in dieses Abenteuer einzusteigen. Ich stelle nämlich fest, dass diese Bereitschaft sehr durchzogen ist. Während die Einen sich mein Konzept vorstellen können, sind andere nicht bereit, ihre vor über hundert Jahren erreichte autonome Kunstinterpretation aufzugeben. Da helfen Beteuerungen meinerseits, dass der Interpretationsraum, trotz der Themengebundenheit, immer noch beträchtlich sei, wenig.
Hier erlaube ich mir, vielleicht etwas streng, auf die richtige Deutung meines Konzeptes hinzuweisen. Denn es ist mein Anliegen, dass die Bilder in der gedachten Richtung gesehen werden.
Der Stil der Bilder richtet sich nach dem dargestellten Thema, und es wäre müssig, meine Bilder mit bestehenden Stilrichtungen zu vergleichen. Diese hatten damals nämlich eine entscheidende Rolle in Bezug auf die Erkenntnis, bei mir sind sie aber nur Träger der Aussage und haben sonst keine weitere Bedeutung. Zum Beispiel ist der Grundton vieler Bilder nicht einfach weiss, sondern geht leicht ins Gräuliche und steht als Symbol für das Nichts. Auch die manchmal surreal wirkenden Umsetzungen haben nicht den Surrealismus als Stilrichtung zum Inhalt, sondern sind vielmehr als Hinweis auf den oft surreal wirkenden Sachverhalt auf der Quantenebene so konzipiert. Wer das ignoriert und eine autonome Deutung des Bildes bevorzugt, wird der Absicht, welche ich mitteilen möchte, nicht gerecht. Zudem entfällt die Besonderheit der Bilder, weil sie dann lediglich ein weiterer Beitrag an die Millionen von rein emotionalen künstlerischen Entladungen wären. Die Betrachter haben also die Wahl, meine Aussage als gedankliche Basis zu dem, was ich als säkulare Kontemplation bezeichne, aufzunehmen oder eine weitere, ihre emotional assoziative Wahrnehmung inspirierende Bildgestaltung zu sehen. Das heisst aber nicht, dass man die Bilder nicht auch rein formal betrachten kann, denn man ist ja nicht immer in der Stimmung, in philosophische Betrachtungen zu versinken.
Das Thema der Bilder ist in den meisten Fällen von der Physik hergeleitet und da in letzter Zeit fokussiert auf das Thema der Superstrings und die von immer mehr Physikern und Kosmologen akzeptierte Annahme, dass alles, was letztlich zu Leben führte, seinen Ursprung im Nichts hat. In meinen schon Jahrzehnte dauernden Betrachtungen dieses Themas kam ich zum gleichen Schluss. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Aspekt der Betrachtung des Ursprungs der Natur in einem bildnerischen Konzept aufzunehmen mit dem Ziel, den Betrachtern einen sinnlich erfahrbaren Ansatz vorzustellen. Das braucht natürlich grosse Bereitschaft, darauf einzugehen. Meine Hoffnung ist, dass das auch hin wieder geschehen wird. Denn nach meiner Meinung ist es erkenntnismässig ein nicht unwichtiger Sachverhalt. Fakt ist aber, dass die Theorien vom Nichts, vom Multiversum und von den Strings vorläufig „sondierende Berechnungen sind mit zeitweiligem Bezug zu heute gesetzten physikalischen Daten.“ (Brian Greene, Physiker). Unbestritten ist, dass es sich um eine Hypothese handelt, welche aber induktive wie deduktive Ableitungen zu dem, was wir sehen, bietet. Es ist ein Feld für philosophische Abenteurer, und das Abenteuer enthält auch die Möglichkeit des Scheiterns, sonst wäre es eben kein Abenteuer. Ich persönlich erkenne viel Schlüssiges darin. Das bleibt so, bis mir jemand eine bessere Theorie anbietet.
Was auch Hemmungen bereiten könnte, ist die Befürchtung, man müsse zum Verständnis der Bilder in Physik bewandert sein. Zwar enthalten die Bilder immer wieder Piktogramme, ausgelehnt aus grafischen Darstellungen von Publikationen zur Physik, aber mein Konzept ist darauf angelegt, dass die Bilder nur den Hinweis auf dieses Thema machen. Es braucht also niemand Physik zu studieren, um sich meine Bilder anzuschauen. Es genügt, wenn man weiss, dass bei diesen hauptsächlich die Physik das Thema ist, was bei der Einordnung der Formen auf den Bildern vielleicht hilfreich sein kann. Der Rest ist meine Einladung zur säkularen Kontemplation darüber.
Die durch Zeichen bewirkte Form der Informationsvermittlung ist im digitalen Zeitalter sehr verbreitet und findet sich da unter dem Begriff „Icons“. Dieser stammt von den früheren Anwendungen von eigentlichen Piktogrammen, welche keine andere Aufgabe hatten, als den Betrachter an das in ihnen enthaltene Thema zu erinnern, ab. Man nennt sie Ikonen und sie dienen der sichtbaren Aufrechterhaltung, z.B. etwa des christlichen Gedankenguts. Es gibt nach meiner Meinung keinen stichhaltigen Grund, das nicht auch für den heutigen Erkenntnisstand über den Ursprung des Lebens anzuwenden. Natürlich ohne den, den religiösen Ikonen anhaftenden Mystizismus. So gesehen sind meine Bilder Ikonen zur Verbreitung des heute besser verstandenen Daseinsursprungs. Dabei bin ich mir bewusst, dass dieses Konzept von der Bereitschaft, als einleuchtend wahrgenommen zu werden, abhängig ist. Es liegt also am Publikum, ob diese Form philosophischer Inspiration eine gesellschaftliche Sichtbarkeit erreicht. Ich benütze dieses Konzept, weil ich der Überzeugung bin, dass das Mittel der Piktographie die beste Ausdrucksform ist, um philosophisches dauerhaft sichtbar zu erhalten. Auch sehe ich keinen Grund, warum eine Methode, welche seit Jahrtausenden Anwendung findet, ausgerechnet für die der Realität am nächsten stehenden Erkenntnisse nicht verwendet werden soll.

Entwicklung dieses Konzeptes:

1980 Erste Bilder zur Viele-Welten-Theorie und dem Nichts als eigentlichem Normalzustand
1996 Ausstellung mit ersten Icons zum Thema Quantenphysik
2000 Quantenphysik indirekt sichtbar gemacht mit dem Mittel der Anekdoten
2011 Umsetzung mit Icons hin zur Viele-Welten-Theorie, zur Stringstheorie und zum Nichts als Normalzustand

http://www.roset.ch