Archiv für die Kategorie „Uncategorized“

Volles Haus bei der Lesung von Rana Ahmad in Zürich

Donnerstag, 3. Mai 2018

Die saudische Atheistin Rana Ahmad sprach am Samstag, 28. April auf Einladung der Freidenker in Zürich. Gut zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher mussten sich am vergangenen Samstag mit Stehplätzen begnügen oder sich neben der Bühne auf den Boden setzen – die Stuhlreihen im Debattierzimmer des Hauses der Zürcher Museumsgesellschaft reichten nicht annähernd aus, um allen Platz zu bieten, die gekommen waren, um ihr zuzuhören.

In ihrem Buch „Frauen dürfen hier nicht träumen“ berichtet Rana Ahmad von ihrem Leben in Saudi-Arabien, ihrer Empörung darüber, dass sie bereits als Mädchen weniger unternehmen durfte als männliche Altersgenossen, ihrer Entdeckung philosophischer und religionskritischer Texte im Internet, und von ihrer Flucht aus dem Land, da sie, inzwischen Atheistin geworden, um ihr Leben fürchtete.

Die Schauspielerin und Sprecherin Gabriela Leutwiler las drei Passagen daraus hervor. Die erste beschrieb eine traurige Szene in einem Vorort von Damaskus, dem Geburtsort von Rana Ahmads Eltern. Rana, ihre Geschwister und ihre Eltern verbrachten ihre gemeinsamen Sommerferien immer dort. Diesmal freute sich Rana – sie war zehn Jahre alt – ganz besonders auf den Urlaub. Denn ihr Vater hatte ihr kurz vor der Abreise ein Fahrrad geschenkt. In Riad durfte sie damit nicht herumfahren, aber während ihres Urlaubes in Syrien, das wusste Rana, würde dies möglich sein. Und wie das möglich war! Jeden Tag fuhr sie zum Lebensmittelhändler und kaufte für ihre Oma ein. Immer umfangreicher wurde ihre Einkaufsliste. Rana genoss die Freiheit, die ihr das Rad bot, und freute sich, ihrer Oma helfen zu können. Bis nach einigen Tagen Opa mit grimmiger Stimme meinte, sie sei zu alt, um Fahrrad zu tragen. Es sei nun ausserdem an der Zeit, dass sie einen Schleier trage.

Rana erzählte, wie sehr es sie bereits damals irritiert hatte, dass für sie als Mädchen allerlei haram war, was für ihren Bruder und andere Jungs absolut in Ordnung ging. Dennoch wollte sie auf jeden Fall tun, was ihre Mutter eindringlich einforderte: Allah zufrieden zu stellen. Und so trug und ertrug sie den Schleier, der fortan fest zu ihr und ihrem Leben gehören sollte.

Die zweite Passage handelt davon, wie ihr, sie ist inzwischen Mitte zwanzig, das Internet den Zugang in eine neue Welt beschert. Sie hatte sich bei Twitter angemeldet und genoss es, sich mit fremden Menschen austauschen zu können. Zunächst geht es um persönliches: das Internet lenkt sie nicht nur von ihrem Liebeskummer ab, sie kann sich darüber auch mit anderen Twitter-Nutzerinnen unterhalten. Doch dann taucht dieses seltsame Wort in einem Profil eines Unbekannten auf: Atheist. Sie kennt den Begriff nicht, er macht sie neugierig. Doch auch mit der arabischen Übersetzung kann sie nicht viel anfangen. Sie liest also den Wikipedia-Artikel dazu. Eine absolute Ungeheuerlichkeit wird da beschrieben: nicht an Gott zu glauben. Der Artikel wühlt Rana auf, raubt ihr den Schlaf. Sie will mehr darüber wissen, landet bei philosophischen und wissenschaftlichen Texten, beginnt Übersetzungen von Nietzsche, Voltaire und Dawkins zu lesen. In wenigen Wochen ist ihr Weltbild erschüttert.

Dem Publikum erzählt Rana, dass ihr Vater sie schon im Kindesalter geduldig gefördert hatte, wenn sie neugierig war und Fragen stellte. Doch in ihrer Schulzeit hatte der Koranunterricht dominiert. So vieles über die Welt war ihr verborgen geblieben. Das Internet lüftete nun so manchen Schleier. Doch Ranas Entdeckungsreise war für sie auch bedrückend. Sie konnte sich mit niemandem darüber austauschen, durfte sich nichts anmerken lassen. Sie bekam Angst. Vor ihrem hochreligiösen Bruder und weil Saudi-Arabien für den Abfall vom Glauben die Todesstrafe vorsieht. Rana entschloss sich zu fliehen, besorgte sich ein Einweg-Billett nach Istanbul und kam dort bei atheistischen Helfern unter, die sie auch bei ihrer Weiterreise unterstützten.

Die dritte Passage, die Gabriela Leutwiler vorliest, handelt von Ranas Leben in Deutschland. Sie wohnt in Köln und hat – endlich – wieder ein Fahrrad, ein Geschenk einer Deutschen Freundin. Sie erzählt im Buch, wie sie es einem anderen Flüchtling ausleiht, da dieser für das Freitagsgebet in seine Moschee wolle, diese aber zu Fuss zu weit weg sei. Sie freut sich, dass die beiden trotz unterschiedlicher Weltanschauung befreundet sein können und dass sie nun in einem Land lebt, in dem jeder seinen eigenen Weg gehen kann.

Diese zuversichtlichen Zeilen hätten ein schönes Schlusswort sein können. Doch im Buch geht dieses Kapitel mit dem Titel Der Preis der Freiheit noch weiter: Nicht alle kommen mit Ranas neuem Leben klar. Dies trifft nicht nur auf fast alle Mitglieder ihrer Familie zu. Es gibt viele, die keinen Zweifel an der Religion zulassen wollen. Rana erhält immer wieder Drohungen, die letzte ging wenige Tage vor der Veranstaltung in Zürich ein. Rana erzählte dem Publikum, dass sie davon ausgehe, dass die anonymen Absender aus Saudi-Arabien stammten. Sie lasse sich aber nicht einschüchtern.

Rana Ahmad hat ihren Weg gefunden, und sie verfolgt ihn zielstrebig. Sie spricht nach zweieinhalb Jahren Aufenthalt in Deutschland beeindruckend gut Deutsch, gibt sich aber mit ihrem Kenntnisstand nicht zufrieden und nimmt weiterhin Intensivunterricht. Und sie bereitet sich auf ihr geplantes Physikstudium vor. Es war denn auch ihr Ziel, Teilchenphysikerin zu werden, das sie temporär in die Schweiz führte: im April absolvierte ein Praktikum am CERN. Und dorthin will sie nach abgeschlossenem Studium umbedingt zurück. Rana Ahmad dürfte ein Vorbild werden für die – gemäss ihrer Einschätzung – mindestens 20% Atheistinnen und Atheisten Saudi-Arabiens.

Andreas Kyriacou

Tulpenzwiebeln zum Happy Human Light Day

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Am 23. Dezember 2017 verteilen die Freidenker Nordwestschweiz Tulpenzwiebeln der Sorte Darwin in den Strassen Basels.

Mit der Aktion machen sie auf den Ursprung der hiesigen Winter-Sonnenwendefeste aufmerksam.Die Römer schmückten ihre Häuser mit Lorbeerzweigen und ehrten damit den Sonnengott Mithras, die Nord-Völker verwendeten Tannenzweige zum Schutz gegen böse Geister und als Symbol für die ewige Wiederkehr des Lebens im Frühling.

Weiter auf nau.ch

 

 

Freidenker-Preis 2017 geht an Masih Alinejad und Zehra Doğan

Montag, 6. November 2017

Am Sonntag, 5. November verliehen die Schweizer Freidenker zum zweiten Mal den mit CHF 10’000 dotierten Freidenkerpreis. Er geht zu gleichen Teilen an die Exil-Iranerin  Masih Alinejad und ihre Organisation My Stealthy Freedom sowie an die kurdische Malerin und Journalistin Zehra Doğan, die zur Zeit in der Türkei in Haft ist.

Beide Frauen setzten und setzen sich mit ungeheurem Engagement für persönliche Freiheit ein, insbesondere für die Freiheit von Frauen. Masih Alinejad tut dies, indem sie den Frauen im Iran Mut macht, sich gegen die frauenfeindlichen religiösen Vorschriften aufzulehnen. Zehra Doğan thematisiert als Künstlerin und Journalistin Krieg, Missstände in der Gesellschaft und Gewalt an Frauen.

Auf der Facebook-Seite My Stealthy Freedom lud Masih Alinejad ab 2014 Iranerinnen ein, sich ohne Hijab zu zeigen, um zu betonen, dass es eine persönliche Entscheidung sein müsse, ob eine Frau ihr Haar bedecken wolle oder nicht. Unzählige Frauen haben seither Foto- oder Videoportraits von sich eingesandt und machen so weiteren Frauen Mut, sich gegen religiöse Vorschriften, die sich insbesondere gegen Frauen richten, aufzulehnen. Masih Alinejad lebt heute in New York und arbeitet unter anderem für die persischsprachige Ausgabe von Voice of America.

Zehra Doğan ist in in der Türkei Haft, weil sie mit einem Bild und einer Geschichte auf die Zustände in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Nusaybin aufmerksam machte. Wegen des Konfliktes zwischen der türkischen Armee und der PKK galt in der Stadt während fünf Monaten ein Ausgangsverbot. Sie illustrierte mit einem online geteilten Bild den Grad der Zerstörung durch Operationen türkischer Militärs und beleuchtete in einem Artikel das Schicksal eines zehnjährigen Knaben. Sie zitierte ihn unter anderem mit diesen Worten: “Wir hören gerade Schüsse. Wenn sie zunehmen, rennen wir nach Hause, wenn die Panzer wegfahren, gehen wir auf die Strasse und machen Lärm, um zu protestieren. Ich denke, wir liegen richtig. I weiss, dass unsere Stimmen eines Tages gehört werden.” Beides wurde ihr als terroristische Propaganda angelastet. Sie verbüsst seit Juni 2017 eine 17-monatige Haftstrafe. Obschon ihr Malutensilien verweigert werden, stellt sie weiter Bilder her: sie nutzt Verpackungsmaterialien, Kaffee, Vogelfedern, die sie im Hof findet und dergleichen mehr.

Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz erläuterte den Entscheid, die beiden Frauen zu würdigen:

Wir wissen dank des Austauschs mit anderen humanistischen Organisationen von vielen Personen, die sich unter schwierigsten Bedingungen für Menschenrechte, für Rede- und Kunstfreiheit und für eine humanere Welt einsetzen. Wir haben uns unter anderem deshalb für Masih und Zehra entschieden, weil ihr Wirken nicht nur auf die Gewalt und Unterdrückung oppressiver Regimes aufmerksam macht, sondern weil die beiden viele kunstvolle Formen gefunden haben, diese Missstände anzuprangern und anderen Mut machen, sich dagegen aufzulehnen.

Ensaf Haidar, eine der drei PreisträgerInnen des Freidenker-Preises von 2015 bezeichnete in einer Grussbotschaft die beiden Frauen als zwei ihrer persönlichen Heldinnen und ergänzte:

Ich kenne Masih und als Frau die früher selbst gezwungen wurde Haar und Gesicht zu verschleiern, weiss ich, wie viel es braucht, um sich gegen das Verhüllungsgebot aufzulehnen. Masih, Zehra und all die Autorinnen und Künstlerinnen, die sich für individuelle Freiheiten einsetzen und sich gegen das religiöse Establishment auflehnen benötigen unsere Unterstützung und unsere Aufmerksamkeit.

Die Preisverleihung fand zum Abschluss des von den Freidenker initiierten wissenschaftlich-humanistischen Festivals Denkfest in Zürich statt. Für Masih Alinejad nahm ihre in England lebende Mitstreiterin und Menschenrechtsanwältin Leila Alikarami den Preis entgegen.  In ihrer Dankesrede führte sie aus, wieso My Stealthy Freedom von den vielen Formen der Frauenunterdrückung im Iran bewusst den Verhüllungszwang zum Thema mache:

Das Fokussieren auf den Hijab ermutigt Frauen, Widerspruch gegen den Hijab-Zwang zu äussern und die Regierung wie auch die Gesellschaft aufzufordern, das Recht der Frauen, Kontrolle über ihren eigenen Körper zu haben. anzuerkennen. My Stealthy Freedom widmet sich deshalb dem offensichtlichsten Symbol der Unterdrückung. Wenn wir nicht bestimmen können, wie wir unsere Köpfe bedecken, wie sollen wir dann Kontrolle darüber haben, was in unsere Köpfe gelangt?

Für Zehra Doğan waren die Journalistin Naz Oke und die Schriftstellerin Lucie Renée Bourges anwesend, die sich beide persönlich für ihre Freilassung einsetzen. Sie lasen aus Botschaften hervor, die sie von Zehra Doğan aus dem Gefängnis erhielten. Passagen wie die fogende zeigen, dass sie sich auch von Justizwillkür nicht unterkriegen lässt.

Für jemanden ohne Lebensgrund  ist das Gefängnis hart, ja, sehr hart. Aber mein Lebenswille ist gross. Deshalb erscheinen diese Mauern mit jedem Tag unerheblicher.

 Die vollständigen Dankesreden können hier(auf Englisch) nachgelesen werden.

Leila Alikarami und Naz Oke mit den Preisen für Masih Alinejad und Zehra Doğan

Leila Alikarami und Naz Oke

Der Freidenker-Preis wurde 2015 das erste Mal verliehen. Er ging an die drei Saudischen Staatsbürger Ensaf Haidar, Raif Badawi und Waleed Abulkhair. Mit der Vergabe wurde ihr mutiger Einsatz für humanistische und säkulare Werte gewürdigt. Der Preis wird nun alle zwei Jahre verliehen. Das Preisgeld von CHF 10’000 Franken wird über eine Erbschenkung finanziert.

Preisempfängerinnen und FVS-Vorstandsmitglieder vlnr: Ruth Thomas, Andreas Kyriacou, Leila Alikarami, Naz Oke, Renée Lucie Bourges, Nada Peratovic, Valentin Abgottspon

Preisempfängerinnen und FVS-Vorstandsmitglieder vlnr: Ruth Thomas, Andreas Kyriacou, Leila Alikarami, Naz Oke, Renée Lucie Bourges, Nada Peratovic, Valentin Abgottspon

Bilder: Serkan Demirel

15 starke Frauen am Denkfest

Dienstag, 17. Oktober 2017

Das Denkfest steht vor der Tür. Unter dem Leitthema “Reformationen des Denkens” wird über Paradigmenwechsel in der Wissenschaft, das zweischneidige Erbe Luthers, die Säkularisierung, die Reform des Islam, über die Auswirkungen von Technologien wie CRISPR und künstliche Intelligenz sowie über die Zukunft des Humanismus diskutiert.

Das Denkfest zeichnet vieles aus: die breite zivilgesellschaftliche Trägerschaft, die Kombination von Wissenschaft, kritischem Denken und intelligenter Unterhaltung, die Themenvielfalt – und auch den hohen Anteil an hochkarätigen Frauen in der Rolle von Referentinnen, Podiumsteilnehmerinnen und Moderatorinnen.

 

Kommentar: «Das können Sie besser, Herr Schneider!»

Mittwoch, 19. Juli 2017

In seiner «Leser fragen»-Kolumne gibt der Psychoanalytiker Peter Schneider Antworten auf alles. Diese Woche hat er sich an der Frage «Brauchen wir Religionen?» versucht. FVS-Vorstandsmitglied Claude Fankhauser ist mit Schneiders Antworten überhaupt nicht einverstanden. Hier seine Replik.

 

Lieber Peter Schneider

Wahrscheinlich meinen Sie es gut mit Ihren Antworten auf die Fragen des Herrn S.; dennoch muss ich Ihnen in allem widersprechen, was Sie da an einem wohl nicht gerade höchstperformativen Tag geschrieben haben.

  • Erstens: Ich muss wohl nicht betonen, dass es nicht nur unredlich, sondern geradezu geschmacklos ist, sich gegenseitig die Leichenberge vorzurechnen, die der Glaube an unsichtbare Superhelden beziehungsweise die Absenz desselben möglicherweise verursacht hat. Denn am Ende sind es ja nicht Ideologien, die Morde begehen, sondern Menschen, die im Namen dieser Ideologien handeln. (Nebenbei: Kennen Sie Menschen, die «gegen Gottes Willen» Mordanschläge auf Ärzte verüben oder die «nicht im Namen Allahs, den es gar nicht gibt», in Hochhäuser fliegen? Ich nicht.) Es scheint mir aber angemessen, zumindest darauf hinzuweisen, dass Stalin an einem Priesterseminar studiert hat und dass Hitler nicht nur seinen Judenhass auch mit Hinweis auf seinen christlichen Glauben rechtfertigte (eine Tatsache, die übrigens bis heute noch keinen Papst dazu genötigt hätte, den braven Katholiken Hitler zu exkommunizieren), sondern auch bis zu seinem Tod davon überzeugt war, eine göttliche Mission zu erfüllen. Ausserdem müsste es schon eine sehr merkwürdige atheistische Diktatur gewesen sein, welche die Koppelschlösser der Gürtel ihrer Soldaten mit den Worten «Gott mit uns» verzieren liess.
  • Zweitens: Die strikte Unterscheidung zwischen «wir» und «die anderen» ist für die Etablierung einer religiösen Strömung fundamental wichtig. Ebenso wichtig ist es, dass ein einmal gefasstes Dogma nicht mehr hinterfragt wird, denn Kritik innerhalb einer religiösen Gemeinschaft führt unweigerlich zu einer Spaltung. Wir kennen dieses Phänomen nicht nur von der Reformation, sondern ebenso von all den modernen freikirchlichen Betgruppen, die zwar beachtliche Mitgliederzuflüsse haben, aber eben auch ähnlich hohe Abgangszahlen kennen. Wem die moralischen oder liturgischen Eckpfeiler seiner Gemeinschaft nicht mehr passen, der wechselt zu einer anderen oder gründet seine eigene. Und genau hier liegt ein zentraler Unterschied zwischen einem übernatürlichen und einem wissenschaftlichen Weltbild: Man wechselt als Zoologe nicht einfach zur «Einhorn-Zoologie», nur weil man merkt, dass in der «Mainstream-Zoologie» keine Einhörner vorkommen. Stattdessen würde ein (ganz normaler) Zoologe, der von der Existenz von Einhörnern überzeugt ist, seine Fakten auf den Tisch legen und seine Theorien zur Diskussion stellen. Wie Sie als Psychoanalytiker und Philosoph ja sicherlich wissen, ist ein «Faktum» aber immer abhängig vom Wissensstand (und oft auch persönlichem Hintergrund) der Debattierenden. Noch vor wenigen Jahren war es «Fakt», dass Atomkraftwerke sicher und Russpartikelfilter bei Dieselfahrzeugen umweltfreundlich sind. Und dass Frauen an den Herd und Homosexuelle in Therapie gehören, sind «Fakten», die ich sogar heute noch vereinzelt höre – meist übrigens von Menschen mit religiösem Hintergrund. In Ihrer Kolumne klagen Sie zu Recht Eugenik und den «wissenschaftlich geadelten Rassismus» als pseudowissenschaftliche Irrwege an. Dabei ignorieren Sie aber, dass die Leistung der Wissenschaft nicht darin liegt, falsche Meinungen irrtümlich zu richtigen zu erklären, sondern eben vor allem darin, dass diese falschen Meinungen nach Auftreten neuer Fakten revidiert und auf dem Müllhaufen der Wissenschaft entsorgt werden. Herr S. fragt Sie nun – meiner Meinung nach berechtigt – wo denn der Müllhaufen der religiösen Meinungen liegt und welche dieser Meinungen dort endlich ein für allemal deponiert werden können (ich würde als unverbindliche Empfehlung mal mit Frauenhass, Homohass, Kriegstreiberei, Schlägen als valabler Erziehungsmethode, unmenschlichen Strafen für läppische Vergehen, Tabuisierung der Sexualität, Patriarchismus und apokalyptischem Denken beginnen). Schade eigentlich, dass Sie durch blindwütiges Schwingen der Eugenik-Keule diese Frage nicht beantworten, sondern einfach nur abwürgen.
  • Drittens: Herr S. hat sich um mehr als 2000 Jahre geirrt und Sie wenden einen Viertel Ihrer Kolumne dafür auf, um ihm eine Geschichtslektion zu erteilen. Das kann man sicher so machen, aber sind tatsächlich diese 2000 Jahre entscheidend oder geht es nicht doch in erster Linie um diese Frage von Herrn S.: «Warum werden Bibel, Koran und Thora als ewige Wahrheiten angepriesen?» Der Versuch einer Beantwortung dieser Frage wäre für mich als Leser weit spannender gewesen als Ihr argumentatives Brunnenvergiften, und er hätte Sie vielleicht auch intellektuell etwas mehr gefordert.
  • Viertens: «Seid lieb zueinander» fände ich als generellen Leitsatz aller Religionen, die sich den Frieden auf ihre Fahnen geschrieben haben, gar nicht einmal so verkehrt. Was finden Sie denn so grundsätzlich falsch daran? Oder, anders gefragt: Was finden Sie an «du sollst keine anderen Götter neben mir haben» beziehungsweise an «es gibt keinen Gott ausser Allah» als Handlungsprämisse für den heutigen Menschen denn so wertvoll und nicht revidierungsbedürftig?
  • Fünftens: Herr S. fragt Sie explizit, ob seine – im Übrigen auch von mir als eher naiv angesehene – Idee einer aktualisierten Version der religiösen Schriften eine Utopie sei. In der Folge schreiben Sie von «seiner» Utopie. Herr Schneider, bei allem Respekt, das ist pure Polemik und Ihrer nicht würdig.
  • Sechstens: Dumme, schädliche Pseudowissenschaft kann irgendwann zu kluger, nützlicher Wissenschaft werden. Wir kennen das beispielsweise aus der Alchemie, die zur Chemie mutierte. Ein ähnlicher Prozess ist mir bei dummen, schädlichen Religionen leider nicht bekannt.

Lieber Peter Schneider, Ihr Text erinnert mich an die Apologeten jeder beliebigen Religion, die mir erklären wollen, dass mich ihr Gott fürs Masturbieren ins ewige Fegefeuer werfen wird, der mich aber trotzdem und gerade deshalb ganz, ganz doll lieb hat.

Das ist unter Ihrem Niveau. Das können Sie besser.

 

Mit freundlichen Grüssen,

Claude Fankhauser

Antwort der FreidenkerInnen zur Vernehmlassung Jugend+Sport-Förderung religiöser Institutionen, Lager und Jugendarbeit

Dienstag, 18. Juli 2017

Test

“Wenn der Staat die Kirche segnet – Die Landeskirchen sollten keine Staatsgelder mehr erhalten.”

Freitag, 7. Juli 2017

tagesanzeiger.ch, 05 Juli 2017 – Artikel von Joseph Hochstrasser:

Für ihre Tätigkeiten erhalten die beiden Landeskirchen vom Staat jährlich einen Beitrag von rund 50 Millionen Franken. Begründung: Die Kirchen leisten viel für die Allgemeinheit. Eine Studie des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Zürich stützt diesen Befund. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein: Was wären die Landeskirchen ohne diese Staatsgelder? Was bliebe übrig, wenn die Kirchensteuern nicht mehr flössen? Wenn Kirche und Staat vollständig getrennt wären?

Fest steht: Mit ihrer Anerkennung durch Kaiser Konstantin hat die Kirche vor 1700 Jahren viel von der revolutionären Kraft des unabhängigen und kritischen Mannes Jesus aus Nazareth verloren. Für Jahrhunderte interessierten sich Kirchenfürsten danach mehr für ihre Macht – die Botschaft des Ursprungs blieb aussen vor. Zum Glück haben sie Menschen am Rande der Kirchen immer wieder zum Leben erweckt: Franz von Assisi, Ulrich Zwingli, die befreiungstheologisch inspirierten Basisgruppen der Neuzeit.

Basisgemeinden als gutes Beispiel

Die Zeit ist gekommen, den konstantinischen Fehler zu korrigieren. Die Kirchen müssen sich vom Staat trennen. Gar kein Thema darf es sein, weiteren Religionsgemeinschaften öffentlich-rechtliche Anerkennung zu gewähren. Der Staat erledigt seine Aufgaben, die Kirchen realisieren ihre Anliegen. Kommunikation zwischen den beiden ist nach wie vor möglich, nicht aber über Geld. Das sollte die Kirchen angesichts des armen Mannes aus Nazareth beschämen.

Gutes Beispiel für eine lebendige Kirche ohne Geld sind die Basisgemeinden. Ihre Motivation ist nicht Geld. Es ist die Ausstrahlung der Jesusbewegung aus den Anfängen. Ganz im Sinne der politischen Erneuerung in Frankreich braucht die Schweiz eine «église en marche».

Josef Hochstrasser ist Pfarrer und Buchautor. (Tages-Anzeiger)

>>Artikel auf tagesanzeiger.ch lesen

Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung Schweiz

Montag, 19. Juni 2017

Auf der Web-Plattform Mädchenbeschneidung.ch finden Betroffene und Fachpersonen Informationen und Hilfe zum Thema Mädchenbeschneidung:

In der Schweiz leben viele Menschen, die aus Ländern mit hohen Beschneidungsraten stammen. Gemäss Schätzungen geht man von rund 14’700 betroffenen oder gefährdeten Mädchen und Frauen aus.
Die weibliche Genitalbeschneidung (Female Genital Mutilation/ Cutting, FGM/C) wird in afrikanischen Ländern, im Nahen Osten und in Asien praktiziert. Da in der Schweiz viele Menschen leben, die aus Ländern mit hohen Beschneidungsraten stammen, sind auch Fachpersonen hierzulande mit der Thematik konfrontiert. In der Schweiz ist die weibliche Genitalbeschneidung verboten.

Anzahl der Betroffenen

Gemäss Schätzungen aus dem Jahr 2013 geht man in der Schweiz von ungefähr 14’700 betroffenen oder gefährdeten Mädchen und Frauen aus. Dies ist eine Hochrechnung. Sie wurde anhand der Statistik der jeweiligen ausländischen Wohnbevölkerung erstellt und in Bezug gesetzt zu den Vorkommensraten in den Ursprungsländern.1 Genauere Aussagen zur Prävalenz können zurzeit nicht gemacht werden, da in der Schweiz kein Monitoringsystem existiert, welches relevante Daten gesamtschweizerisch erheben würde.

Wer ist betroffen?

In der Schweiz sind insbesondere (aber nicht nur) Menschen aus Eritrea, Somalia, Äthiopien, Sudan und aus Ägypten betroffen.1 Die Beschneidungsraten in diesen Ländern sind hoch: So sind dort zwischen 74% (Äthiopien) und 98% (Somalia) aller Mädchen und Frauen beschnitten. Migrantinnen aus diesen Ländern haben in der Schweiz oft mit vielfältigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ein ungewisser Aufenthaltsstatus, Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen und eine prekäre finanzielle Situation erschweren die Integration. Zudem erlitten oder erleiden etliche Frauen (sexualisierte) Gewalt – sei das im Herkunftsland, auf der Flucht oder im Aufnahmeland. Deswegen ist FGM/C – wenn es denn von den Betroffenen überhaupt als Problem wahrgenommen wird – nur eines von Vielen.

Und die Fachpersonen?

Fachpersonen aus unterschiedlichsten Berufsfeldern kommen mit betroffenen oder gefährdeten Mädchen und Frauen in Kontakt. Laut einer Studie von UNICEF Schweiz gaben 40% der befragten Fachleute aus dem medizinischen bzw. 42% aus dem Asyl- und 27% der befragten Fachpersonen aus dem Sozialbereich an, mit beschnittenen Mädchen und Frauen konfrontiert zu sein. Dabei haben Gynäkologen und Gynäkologinnen (79%) sowie Hebammen (66%) am häufigsten Kontakt mit Betroffenen. Dies ist nicht erstaunlich, zumal die weibliche Genitalbeschneidung häufig erst im Rahmen einer Schwangerschaft oder Geburt festgestellt wird. Der Umgang mit dem Thema FGM/C ist für viele Fachpersonen nach wie vor eine grosse Herausforderung, der Informationsbedarf gross.2 Umso wichtiger ist die Einbindung des Themas FGM/C in Aus- und Weiterbildungen. Im Weiteren ist es wichtig, das Thema zu institutionalisieren, d.h. Vorgehen und Abläufe betr. FGM/C innerhalb einer Institution/Betrieb müssen definiert werden.3 Wann immer möglich sollte das Thema in bestehende Strukturen eingebunden werden.

MultiplikatorInnen

Multiplikatorinnen und Multiplikatoren vermitteln zwischen den betroffenen Gemeinschaften, Beratungsstellen und Fachpersonen. Sie sind für die Prävention sehr wichtig, indem sie die betroffenen Gemeinschaften (Communities) dazu anregen, das tabuisierte Thema der weiblichen Genitalbeschneidung (Female Genital Mutilation/Cutting, FGM/C) zu diskutieren und diese Tradition und Praxis kritisch zu hinterfragen.

Engagement von Bund und Kantonen

Die Motion von Maria Roth Bernasconi zu weiblicher Genitalverstümmelung war der Auslöser für ein Engagement von Seiten des Bundes. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) engagiert sich im Rahmen des Nationalen Programms Migration und Gesundheit seit 2003 mit der Finanzierung von Sensibilisierungs- und Präventionsmassnahmen gegen FGM/C. Seit 2010 beteiligt sich auch das Staatssekretariat für Migration (SEM) an diesen Aktivitäten. 2015 hat der Bundesrat beschlossen im Zeitraum von 2016 bis 2019 ein Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung zu unterstützen. Die Aktivitäten auf kantonaler Ebene sind sehr heterogen: Die vier Kantone Genf, Neuenburg, Waadt und Freiburg setzen bzw. setzten kantonale Strategien oder Kampagnen um.

“Der Teufel ist ein Weichei” – Das neue Stück der “Global Players” über die Absurditäten der Religionen

Freitag, 31. März 2017

suedostschweiz.ch vom 29.03.2017:

Willkommen im Himmel. Im neuen Stück der Global Players an der Klibühni in Chur geht es um die Absurditäten der Religionen. Highlight ist die Balletteinlage von einem, der gar nicht tanzen kann.
So schlimm war es doch gar nicht, das Sterben. Man musste einfach am Dienstagabend in der Churer Altstadt die Treppen hinaufsteigen in den Theatersaal der Klibühni. Den offenbar schaurig überlasteten lieben Gott traf man dort allerdings nicht an. Sie wissen schon – Syrienkrieg, Flüchtlingskrise, Brexit, Trump.
Der Hausherr hat mit seiner aus den Fugen geratenen Schöpfung derzeit alle Hände voll zu tun. Über Handy liess er mitteilen, man möge doch schon mal ohne ihn anfangen. Das taten die Global Players dann auch. Das neue Stück der Multikulti-Truppe aus Chur, welches am Dienstag Premiere feierte, hatte noch mehr Überraschungen parat.
Das Sagen im Himmel der Klibühni hat die patente Chefsekretärin (Tamara Kljajic). Ihre offizielle Stellenbeschreibung ist Schutzengel und Souffleuse. Aber eigentlich möchte sie den Laden selbst übernehmen.
Auf jeden Fall ist sie es, welche das Gipfeltreffen der Weltreligionen eingefädelt hat. An der Dame kommt keiner vorbei; auch der Teufel (Morris Meyer) nicht, der sich im Laufe der Show als ziemliches Weichei entpuppt.
Die Engel-Souffleuse dirigiert den Reigen der Vertreter aller möglichen Glaubensrichtungen, die in rascher Folge ihre zum Teil ziemlich schrägen Auftritte haben. Die Gurus, Meister und Propheten entlarven sich selbst auf meist sehr originelle Weise.

Nächste Aufführungstermine:

«Spirit Us»

Freitag, 31. März, 20.30 Uhr
Samstag, 1. April, 20.30 Uhr
Sonntag, 2. April, 18 Uhr
Freitag, 7. April, 20.30 Uhr
Samstag, 8. April, 20.30 Uhr
Sonntag, 9. April, 18 Uhr
Klibühni Chur

>>Ganzen Artikel lesen

Deutschland: “Geld für die Kirchen in Ewigkeit?”

Freitag, 17. März 2017

Artikel auf jungewelt.de vom 13.03.2017:

Der Tagesordnungspunkt 18 gehörte zum Nachtprogramm der Plenarsitzung des Bundestages. Ein Antrag der Linksfraktion wurde am Donnerstag gegen 22 Uhr aufgerufen – und erwartungsgemäß abgelehnt. Den Abgeordneten ging es um Staatsgelder, die die beiden deutschen Großkirchen erhalten. Formal handelt es sich um Entschädigungsleistungen für Besitztümer, die ihnen im Jahre 1803, also vor mehr als 200 Jahren, von den deutschen Fürsten entzogen wurden. Schon damals war festgelegt worden, dass der Klerus dafür durch langfristige Zahlungen abgefunden wird. Allein für 2017 wird sich das, was die Kirchen auf dieser uralten rechtlichen Grundlage erhalten, nach Rechnung des Politologen Carsten Frerk auf 524 Millionen Euro summieren.

Die Linke wollte, dass die Bundesregierung eine Expertenkommission installiert, besetzt mit Juristen, Vertretern der Kirchen und der Bundesländer, die evaluieren sollen, wann und gegen welche Ablösesumme diese Zahlungen eingestellt werden könnten. Das Ku­riose: Mit der Ablehnung dieses Antrags wurde, allen gegenteiligen Beteuerungen von SPD- und Grünen-Politikern zum Trotz, erneut ein erster Schritt zur Erfüllung eines inzwischen fast 100jährigen konstitutionell bestimmten Auftrags vertagt. Denn in der Verfassung der Weimarer Republik wurde 1919 in Artikel 138 festgelegt, dass die Staatsleistungen für die Kirchen auf Länderebene »abgelöst« werden, also gegen eine Endzahlung eingestellt werden sollen. Die Zentralregierung solle die Grundsätze dafür aufstellen. Diese Aufgabe wurde ins Grundgesetz der Bundesrepublik (Artikel 140) übernommen – und bis heute nicht »abgearbeitet«. Wie der Humanistische Verband am Freitag mitteilte, haben die Kirchen seit Gründung der BRD 1949 umgerechnet mehr als 17 Milliarden Euro dieser Leistungen erhalten.

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