Archiv für die Kategorie „Säkularisierung“

«Ehe für alle»: Sollen sich Kirche und Staat voneinander lösen?

Freitag, 21. Juli 2017

Artikel auf kath.ch von Remo Wiegand,13.7.17

Die CVP-Frauen wollen den Streit um die «Ehe für alle» mit einem Kompromissvorschlag schlichten: Der Staat öffnet seine zivile Lebensgemeinschaft auch für Homosexuelle, das Label «Ehe» überlässt er ganz der Kirche. Vertreter der katholischen Kirche sehen den Handlungsbedarf allerdings anderswo.

Ja, wir wollen: Deutschland hat kurz vor den Sommerferien entschieden, die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. Der gesellschaftspolitische Paukenschlag belebt auch die Debatte in der Schweiz. Die Regenbogen-Presse machte sich für die Freiheit der Liebe stark und mahnte ultimativ, die so genannte «Ehe für alle» auch hierzulande einzuführen. Churs Bistumssprecher Giuseppe Gracia warnte über diverse Kanäle ebenso ultimativ vor dem Dammbruch-Szenario, wonach die Ehe wohl bald auch für mehr als zwei Partner geöffnet werde.

Kein Schnellschuss

Allen Ultimaten zum Trotz: Die Schweiz bewegt sich in Eheangelegenheiten langsamer als Deutschland: Am 16. Juni hat der Nationalrat entschieden, die Frist zur Behandlung einer «Ehe für alle»-Initiative der Grünliberalen Partei (GLP) zu verlängern. Im Sinne einer Gesamtschau wolle man zuerst «die möglichen Auswirkungen einer Ehe für alle (…) auf das Steuer- und Sozialversicherungsrecht, auf das Adoptionsrecht und auf die Fortpflanzungsmedizin» überprüfen, begründete der Aargauer GLP-Nationalrat Beat Flach.

Die Fristverlängerung gibt auch der katholischen Kirche und der christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) Gelegenheit, ihre Positionen zu finden. Die Schweizer Bischofskonferenz hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe eingesetzt, die nach den Sommerferien ausgiebig über die «Ehe für alle» beraten wird. Schon länger diskutiert die Partei mit dem «C» im Namen das heisse Eisen.

Während sich dort konservative und liberale Kräfte die Waage halten, ohne sich öffentlich in die Offensive zu wagen, sprangen die CVP-Frauen anfangs Jahr mit einem beachtlichen Kompromissvorschlag aus der Deckung. Ihr Vorschlag: Die Zivilehe solle in der Schweiz in eine «zivile Lebensgemeinschaft» umgewandelt werden, die möglichst offen zu gestalten wäre. Die Definition der Ehe würde man dafür künftig Kirchen und Religionsgemeinschaften überlassen.

Gegen Diskriminierung

Die CVP-Resolution will der Kirche die «Hoheit» über den Ehe-Begriff zurückzugeben, die sie seit Einführung der Zivilehe in der Schweiz (1876) mit dem Staat teilt. Die zivile Lebensgemeinschaft würde umgekehrt von historisch-religiösem Ballast befreit. «Die Zivilehe ist aus der christlichen Ehe entstanden, die ursprünglich für Mann und Frau reserviert war», resümiert Alberto Bondolfi, emeritierter Professor für Moraltheologie an der Universität Genf. Bis heute werden Homosexuelle von der Ehe ausgeschlossen. «Diese Ungleichbehandlung soll nicht weiter durch den Staat vorgenommen werden», bekräftigt Giovanna Lanza, eine der Initiantinnen der CVP-Frauen.

Zwar hat der Staat für homosexuelle Paare 2007 die eingetragene Partnerschaft geschaffen, die diese steuerlich und erbrechtlich gleichstellt. Eine Gleichbehandlung mit Ehepaaren bietet die eingetragene Partnerschaft aber nicht: Die Namen der homosexuellen Partner bleiben verschieden, ihre Güter getrennt, eine Niederlassungsfreiheit für Ausländer existiert nicht.

Diesen Diskriminierungen wollen die CVP-Frauen ein Ende setzen. Den heikelsten Punkt lässt man indes offen: «Beim Adoptionsrecht und beim Zugang zur Fortpflanzungsmedizin konnten wir keine Einigung erzielen», bedauert Lanza. Persönlich ist die unverheiratete Rechtsanwältin dafür, dass Homo- wie Heterosexuellen die gleichen Rechte zur Verfügung stehen, um eine eigene Familie zu gründen.

Ehe versus Kinderrechte

Apropos Familie: Kinder machen im Kern den Sinn stabiler Partnerschaften aus. «Der Staat regelt Beziehungen, damit Kinder besser geschützt sind», argumentiert auch Lanza klassisch. Doch Kinder kommen heute auch auf die Welt, ohne dass die Eltern rechtlich verbunden sind. Hier knüpft die Kritik von Alberto Bondolfi am CVP-Frauen-Vorschlag an: «Dringender als eine Eheregelung wäre, dass der Staat das Recht auf Fortpflanzung präzisiert und Kinder rechtlich schützt.»

Nicht mehr zwingend sei hingegen, Kindswohl und Kinderrechte mit der Ehe zu koppeln. Die Zivilehe verkümmere darum immer mehr zur symbolischen, staatlichen Anerkennung von Lebensformen. «Es ist verständlich, dass hier Homosexuelle als gleichwertig anerkannt werden wollen. Andrerseits gibt es auch Homosexuelle, die eher eine Anerkennung ihrer Andersartigkeit fordern», gibt Bondolfi zu bedenken. Das sei mit einer Rechtsinstitution, das sich traditionell an heterosexuelle Paare richtet, nicht gegeben.

Im Mittelalter war höfische Vielehe toleriert

Bondolfi, selber klassisch katholisch verheiratet, ist weit davon entfernt, die Ehe starr zu denken. «Die christliche Ehe hat sich immer entwickelt: Im Mittelalter hat die Kirche zum Beispiel die höfische Vielehe toleriert.» So sei auch die Vorstellung wandelbar, dass nur Mann und Frau eine Ehe konstituieren könnten.

«Heute versteht man die Polarität der Geschlechter zunehmend als Metapher», erklärt Bondolfi. Trotzdem will der Theologe von Vorgaben der Natur nicht gänzlich absehen – und rät dies auch dem Gesetzgeber. So würde er die natürliche Ungleichheit nicht gesetzlich ausgleichen, dass schwule Paare keine Kinder bekommen könnten, lesbische hingegen schon. «Es gibt kein absolutes Anspruchsrecht auf Kinder», argumentiert der Tessiner.

Tradition und Liberalität

Nicht nur ethisch-rechtlich, auch politisch hat Bondolfi seine Zweifel am Vorschlag der CVP-Frauen: «Ich befürchte, dass darin vor allem ein Versuch einer katholischen Partei gesehen wird, die traditionelle sakramentale Ehe zu retten.» Das lässt Giovanna Lanza nicht gelten: Die CVP sei schon lange keine katholische Partei mehr. «In der Diskussion haben auch reformierte Frauen argumentiert, dass die Ehe eine Verbindung von Mann und Frau bleiben solle.»

Der Kompromissvorschlag der CVP-Frauen bleibt ein Versuch, bei der Ehe Tradition und Liberalität zu versöhnen. Er soll auch in der Parlamentsdebatte zur GLP-Initiative eingebracht werden. Vor allem möchte man dann darauf hinwirken, dass der Staat nicht zwei ungleiche Partnerschaftsmodelle, sondern eine zivile Union für alle schafft. Ob das Kind dann noch Ehe heisst, bleibt offen.

Deutschland: 11. Gebot: Zahl den Kirchentag selbst -Interview mit Maximilian Steinhaus

Freitag, 21. Juli 2017

Interview auf mephisto976.de vom 20. Juli 2017:

Der Evangelische Kirchentag im Mai wurde mit drei Millionen Euro Steuergeldern unterstützt. Zu Unrecht – findet Maximilian Steinhaus von der Kunstaktion “11. Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen.”

Moderator Yannick Jürgens hat mit Maximilian Steinhaus von der Kunstaktion “11. Gebot” über den Zuschuss des evangelischen Kirchentags gesprochen.

Herr Steinhaus, der Kirchentag auf dem Weg in Leipzig und Torgau wurde mit 3,2 Millionen Euro aus Steuermitteln bezuschusst. Wie stehen Sie dazu: Sollten Kirchentage von den Ländern und den Kommunen finanziell unterstützt werden?

klar nein! Das lässt sich verfassungsrechtlich begründen: In unserem Grundgesetz steht drin, dass Kirche und Staat voneinander getrennt sind. Und diese Trennung muss doch gerade beim Geld bestehen. Ansonsten droht immer eine Verwicklung, deshalb muss man es klar voneinander trennen. Das geschieht momentan nicht und ist daher verfassungswidrig.

André Schollbach von den Linken kritisiert die Finanzierung des Kirchentags, weil das Geld an anderer Stelle besser gebraucht werden könnte, so z.B. an der Schaffung von Kita-Plätzen. Was sollte denn Ihrer Meinung nach mit dem Geld gemacht werden?

Kita-Plätze sind ein gutes Beispiel, das Herr Schollbach gegeben hat. Ich bin selbst jüngst Vater geworden und kann es daher nur unterstützen. Ich würde den Fokus gar nicht so sehr darauf legen, wo es sonst gebraucht werden könnte, weil es sonst nur zu einer typischen Neiddebatte führt. Aber was Unrecht ist, bleibt auch Unrecht. Egal ob man das Geld woanders besser verwenden könnte. Es ist einfach so, dass Kirche und Staat getrennt werden müssen. Unsere Gesellschaft wird immer pluraler. Es gibt immer mehr Religionen und Weltanschauungen in der Gesellschaft und die kann der Staat nicht alle gleichmäßig fördern. Faktisch fördert er eben auch nur die protestantische und die katholische Kirche. Deswegen müssen die Zahlungen eingestellt werden, egal wofür man das Geld sonst einsetzt.

Die CDU wiederum rechtfertigt die Ausgaben mit dem organisierten und friedlichen Ablauf des Kirchentages. Was halten Sie denn von dieser Rechtfertigung?

Ich war sehr empört, als ich das gehört habe. Das ist eine pure Frechheit, dann einfach von der CDU auf die Linke zu schießen. Damit macht man es sich sehr leicht, nutzt diese etwas linkenfeindliche Haltung nach dem G20-Gipfel aus und lenkt schön ab von dem eigentlichen Thema. Es geht nicht darum, ob die Veranstaltung Kirchentag gut oder interessant ist, ob sie friedlich abläuft oder nicht. Sondern es geht hier um Verfassungsgrundsätze, Trennung von Staat und Religion, weltanschauliche Neutralität. In dem der CDU-Vertreter hier so Position bezieht für den Kirchentag nimmt er eine Wertung vor, dass das alles gut sei, was die dort vertreten. Genau eine solche Wertung darf der weltanschaulich neutrale Staat nicht vornehmen. Der Staat soll – wie das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat – Heimstatt aller Bürger sein. Und das ist er nicht, wenn er sich immer wieder zum Christentum bekennt durch solche Finanzzahlungen und öffentlichen Kulte, die vom Staat unterstützt werden.

Der Kirchentag hatte weit weniger Besucher als erwartet: 50.000 wurden erwartet, 15.000 waren es dann letztendlich. Sollte Ihrer Meinung nach überhaupt noch eine derartige Veranstaltung in der Messestadt stattfinden?

Es steht der Kirche frei, solche Veranstaltungen durchzuführen, so wie jeder andere auch solche Veranstaltungen durchführen kann. Nur es gilt der alte Grundsatz: Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch. Die Kirche muss sie selbst bezahlen und vor allem sie kann sie auch selbst bezahlen. Sie ist daher nach den ganzen formalen Grundsätzen der Kulturförderung gar nicht förderwürdig, weil sie die finanzielle Kraft hat, das zu bestreiten. Wenn sie wiederkommen wollen, sollen sie das tun. Aber bitte auf eigene Kosten und ohne große Missionierungsversuche und ohne das ständige Einmischen in die Politik.

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Grossbritanien: “Majority of Britons are non-religious, social attitudes survey confirms”

Montag, 17. Juli 2017

Humanists UK -Newsletter vom July 2017:

The latest edition of the British Social Attitudes Survey confirms: 53% of Britons say they do not have a religion.
This significantly undermines claims of Prime Ministers past and present that we live in a ‘Christian country’, along with traditional justifications for things like 26 bishops voting in the House of Lords or the existence of religious schools which segregate our children and our communities.

Based on the results of the annual British Social Attitudes Survey, we made a clear call for a re-evaluation of the privileged place of religion in British public life.

Elsewhere, we had major successes. In Wales, the First Minister announced that Wales would join England and Scotland in funding abortion care for Northern Ireland women, making our campaign to help Northern Ireland women who travel to Britain for an abortion one of our most rapidly successful campaigns of recent years.

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Kt. St. Gallen: «Die vier Staatsreligionen müssen ihre Privilegien verlieren»

Montag, 26. Juni 2017

Zürichseezeitung vom 25.06.2017:

Die junge FDP hat Grosses im Sinn: Sie will die St. Galler Staatspolitik von Grund auf umkrempeln und das Verhältnis zwischen Kirche und Kanton auf eine neue Basis stellen: Kirche und Staat sollen in Zukunft vollends getrennt werden. Nach Ansicht der Jungfreisinnigen ist es an der Zeit, dass vier Religionsgemeinschaften ihre Privilegien verlieren und deren öffentlich-recht­liche Anerkennung abgeschafft wird. Eine Annahme der Initiative hätte in erster Linie finanzielle Folgen: Die Kirchen könnten in Zukunft nicht mehr via Staat Steuern einziehen.

Den Initianten gehe es aber nicht primär um das Geld, sagt Thomas Percy, Vizepräsident der Jungfreisinnigen Rheintal und Leiter des Fachausschusses Freiheitsinitiative: «Uns stösst vielmehr sauer auf, dass einzelne Gemeinschaften Privilegien haben. Im Sinne der Gleichberechtigung ist es fairer, wenn alle Organisationen und Vereine gleich behandelt werden.» Das jetzige Gesetz sei diskriminierend – gegenüber jenen Religionsgemeinschaften, die eben nicht in den Genuss bestimmter Privilegien kämen.

Immer mehr Konfessionslose

So sei es stossend, dass die Kirchen Schulräume für den Religionsunterricht gratis nutzen können. Oder, dass in Schulzimmern religiöse Symbole wie Kruzifixe hängen dürfen. «Wir haben nichts gegen Religion an sich. Aber Religion ist Privatsache, in diesen Bereich sollte sich der Staat nicht einmischen», erklärt Percy.

Bereits vor drei Jahren fanden in den Kantonen Zürich und Graubünden Volksabstimmungen über die Abschaffung der Kirchensteuer statt – sie gingen klar verloren. Percy geht davon aus, dass es auch im Kanton St. Gallen schwierig sein wird, eine Mehrheit für das Anliegen zu gewinnen. Aber der Fokus bei der St. Galler Initiative sei ein anderer: «Uns geht es nicht einfach um die Abschaffung der Kirchensteuern, sondern um die grundsätzliche Trennung von Kirche und Staat.»

Chancen habe die Initiative durchaus, weil die Zahl der Konfessionslosen laufend zunehme und just die Jungen Interesse für die Trennung zeigten. Naturgemäss sei es möglich, dass sich auch Unternehmer für die Initiative einsetzten: Auch sie müssen schliesslich Kirchensteuern zahlen, können aber gar nicht aus der Kirche austreten. Juristische Personen haben im Kanton St. Gallen eine «Finanzausgleichssteuer» zu entrichten – diese entspricht einer verschleierten Kirchensteuer.

Nicht mit Huonder im Boot

Die Jungfreisinnigen wollen sich allerdings nicht mit radikalen religiösen Kreisen ins gleiche Boot setzen, die ähnliche Interessen haben: Ihnen ist nicht verborgen geblieben, dass sich auch der Churer Bischof Vitus Huonder für die Trennung von Kirche und Staat einsetzt. «Ihm geht es nur um Macht. Deswegen fürchtet er den Einfluss des Staates auf die Kirche. Uns geht es vielmehr um Laizismus, so wie er in Frankreich gelebt wird», sagt Percy.

Dass die Kirchen auch Gutes tun, will der Jungpolitiker nicht abstreiten. Allerdings geht es ihm gegen den Strich, dass diese nur rund einen Viertel der Steuereinnahmen für soziale Zwecke ausgeben würden und den Rest für die Administration und die Verwaltung sowie kultische Zwecke wie heilige Messen und Gottesdienste.

Die Katholiken träfe es hart

Vom Wegfallen der Kirchensteuer wäre die katholische Landeskirche besonders hart betroffen, weil sie sich nur aus diesen Einnahmen alimentiert. «Für uns wäre die Einbusse durch den Verlust der Unternehmenssteuern überaus einschneidend», konstatiert Martin Gehrer, Präsident des katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen. Privatpersonen wiederum zahlen Steuern direkt an die jeweilige Kirchgemeinde: «Hier fällt ins Gewicht, dass die Kirchgemeinden den Bezug zum Kanton verlieren.» Damit entfällt die Möglichkeit, via Steuererklärung der Bürger Einnahmen zu generieren.

Formal betrachtet müssten sich die jetzigen Landeskirchen im Fall einer Annahme der Initiative neu organisieren. In Frage käme, dass sie – ähnlich wie in den laizistischen Kantonen Genf und Neuenburg – von freiwilligen Abgaben leben würden. Die Bezahlung der erhobenen Kirchensteuern ist dort fakultativ. Dass es so weit kommen wird, bezweifelt Gehrer: «Die Initiative ist unnötig. Denn Kirchen und Staat sind bereits seit längerem entflechtet.» Zudem würden die Kirchen mit ihrer Freiwilligenarbeit soziale Aufgaben wahrnehmen, die ansonsten dem Staat zufallen würden. «Wir werden dementsprechend der Initiative mit dem notwendigen Argumentarium begegnen», sagt Gehrer.

Folgen für die Gesellschaft

Aus Sicht von Martin Schmidt, Präsident der Reformierten Landeskirche des Kantons St. Gallen, hätte eine Annahme der Initiative vor allem finanzielle Folgen: Die evangelisch-reformierte Kirche würde 8,5 Millionen Franken pro Jahr verlieren. Und sie könnte ihre soziale Arbeit in den Schulen, Spitälern und Gefängnissen nicht mehr ausführen. «Auch für den Erhalt der zahlreichen Gebäude der Kirchen müsste zukünftig der Staat aufkommen», sagt Schmidt: «Ein Künden der Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Staat hätte schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft.»

Eine Trennung von Kirche und Staat hält der Präsident für unrealistisch: «Wieso sollte man so etwas Bewährtes aufgeben? Auch wenn sich der Staat konfessionell neutral verhalten soll, betrachte ich doch das christliche Kulturgut, die christlichen Werte für wesentlich für unser Zusammenleben.» Ungünstig habe sich demgegenüber, wie ein Blick auf Amerika aufzeige, die Trennung von Kirchen und Staat in den USA ausgewirkt, wo sich als Folge davon die Religion extrem gebärde und die Fundamentalisten und Evangelikalen auf dem Vormarsch seien.

«Anerkennung light» möglich

Zudem müsste sich die Kirche neu privat-rechtlich organisieren – falls die Jungfreisinnigen Erfolg hätten mit ihrer Initiative, stellt Schmidt fest. So wie dies religiöse Gemeinschaften auch tun müssen, die nicht die Privilegien haben wie die vier staatlich anerkannten.

Dass Freikirchen, Muslime und Buddhisten nicht gleich behandelt werden, ist laut Schmidt durchaus diskussionswüdig. Er verweist hierbei auf den Umstand, dass es dank eines neuen Gesetzes Religionsgemeinschaften möglich sein wird, eine sogenannte kantonale Anerkennung zu erhalten. Diese hat allerdings vor allem symbolischen Wert: Die Möglichkeit, Kirchensteuern einzuziehen oder Religionsunterricht an öffentlichen Schulen abzuhalten, bleibt weiterhin den vier öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften vorbehalten. (Zürichsee-Zeitung)

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«Die Kirche braucht es [?]» – Im Aargauer Pfarrblatt «Horizonte» kommt auch ein Freidenker zu Wort

Donnerstag, 6. April 2017

Wie steht es um die Daseinsberechtigung der Kirchen?

«Wozu braucht es die Kirche noch?» – In Anlehnung an eine Diskussion in Solothurn am 29. März 2017, fragte Horizonte mit Blick auf den Aargau Kirchenräte, Seelsorgende und einen Freidenker.

Der Artikel findet sich bei http://www.horizonte-aargau.ch/die-kirche-braucht-es/.

Auszug aus dem umfangreichen Text:

Das Problem sind konfessioneller Zwang und Mission

Anders sieht das Valentin Abgottspon, Vizepräsident der Freidenkervereinigung Schweiz und Kämpfer für eine Trennung von Kirche und Staat. «Es gibt Leistungen von Kirchen, sozialer oder kultureller Art, an denen wir Freidenkerinnen und Freidenker nichts oder nur wenig auszusetzen haben. Doch bei vielen dieser eigentlich guten Taten und Institutionen ist leider mehr oder weniger Mission drin. Einer katholischen Schwangerschaftsberatung traue ich keine weltanschaulich neutrale Haltung zu. In vielen Kantonen werden solche Stellen aber nicht von Kirchensteuern, sondern über die Steuern von allen finanziert. Damit sind Konfessionsfreie gezwungen, konfessionell getragene Institutionen oder Stellen mitzufinanzieren.»

Staatlich finanzierte Angebote, so Valentin Abgottspon, müssten vonseiten des Staates ausgeschrieben werden. Ein klarer Leistungsauftrag müsse sicherstellen, dass ohne Mission gearbeitet werde. «Können die Kirchen diese Vorgaben einhalten, sollen sie anderen Dienstleisterinnen gegenüber nicht diskriminiert werden. Auf der individuellen Ebene soll jede und jeder selber entscheiden, ob er oder sie die Kirche braucht und mitfinanzieren will. Für mich persönlich lautet die Antwort da Nein», positioniert sich der Freidenker.

„Die Burka steht für die Unterdrückung der Frau“ – Der norwegische Autor und Philosoph Jostein Gaarder auf welt24.de

Samstag, 25. März 2017

 

“Panorama” auf welt24.de vom 19.03.2017:

In seinem Roman „Sofies Welt“ gab der Schriftsteller Jostein Gaarder einfache Antworten auf große Fragen. Heute ist der Norweger gegen die Burka, verurteilt aber auch den Hass auf Muslime.
Der norwegische Philosoph und Bestsellerautor Jostein Gaarder („Sofies Welt“, „Das Orangenmädchen“) hat sich klar gegen die Verschleierung von Frauen ausgesprochen. „Ich würde viel dafür geben, wenn die Burka abgeschafft würde – nicht nur in meinem Land, sondern überall“, sagte Gaarder der „Welt am Sonntag“ „Die Burka repräsentiert für mich die Unterdrückung von Frauen.“

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“Nach 500 Jahren ist die Reformation vorbei” Reformierte Kirche im Zürcher Unterland auf dem Rückzug

Samstag, 25. März 2017

Artikel auf zuonline.ch (Zürcher Unterländer) vom 21.03.2017:

Die reformierte Kirche befindet sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Im Unterland hat sie seit 1990 kontinuierlich eingebüsst. Waren damals noch über die Hälfte der Unterländer Mitglied der protestantischen Kirche, so werden es bei gleichbleibendem Abwärtstrend bereits im Jahr 2020 keine 25 Prozent mehr sein.

Wie die Reformierten müssen auch die Katholiken mit einer stetigen Flut von Austrittsgesuchen fertig werden, sie schrumpfen aber dank der Zuwanderung weniger stark als die Zwinglianer. Weltweit gehören über die Hälfte der 2,4 Milliarden Christen der katholischen Kirche an. Einwanderer aus Italien, Portugal, Spanien oder Südamerika sind fast ausschliesslich Katholiken, was den lokalen Mitgliederschwund etwas mildert.

Mehr Gläubige, weniger Anteil

Tatsächlich gibt es heute im Unterland mit 62 000 Katholiken sogar knapp 10 000 mehr als noch 1990. Diese verteilen sich auf neun grosse Kirchgemeinden mit meist 4000 bis 10 000 Mitgliedern – die grösste ist jene im Furttal mit 10 300 Mitgliedern, welche die reformierte Kirche Bülach (10 000) als grösste Kirchgemeinde abgelöst hat.

So gesehen geht es der Kirche von Papst Franziskus im Unterland heute eigentlich gut. Nur relativ gesehen macht sich der Abwärtstrend auch hier bemerkbar: Weil die Bevölkerung seit 1990 um knapp 50 Prozent gewachsen ist, die Anzahl der Katholiken aber «nur» um 20 Prozent, ist der Anteil an der Gesamteinwohnerzahl in dieser Zeit von 33 auf 26 Prozent gesunken.

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Deutschland: “Geld für die Kirchen in Ewigkeit?”

Freitag, 17. März 2017

Artikel auf jungewelt.de vom 13.03.2017:

Der Tagesordnungspunkt 18 gehörte zum Nachtprogramm der Plenarsitzung des Bundestages. Ein Antrag der Linksfraktion wurde am Donnerstag gegen 22 Uhr aufgerufen – und erwartungsgemäß abgelehnt. Den Abgeordneten ging es um Staatsgelder, die die beiden deutschen Großkirchen erhalten. Formal handelt es sich um Entschädigungsleistungen für Besitztümer, die ihnen im Jahre 1803, also vor mehr als 200 Jahren, von den deutschen Fürsten entzogen wurden. Schon damals war festgelegt worden, dass der Klerus dafür durch langfristige Zahlungen abgefunden wird. Allein für 2017 wird sich das, was die Kirchen auf dieser uralten rechtlichen Grundlage erhalten, nach Rechnung des Politologen Carsten Frerk auf 524 Millionen Euro summieren.

Die Linke wollte, dass die Bundesregierung eine Expertenkommission installiert, besetzt mit Juristen, Vertretern der Kirchen und der Bundesländer, die evaluieren sollen, wann und gegen welche Ablösesumme diese Zahlungen eingestellt werden könnten. Das Ku­riose: Mit der Ablehnung dieses Antrags wurde, allen gegenteiligen Beteuerungen von SPD- und Grünen-Politikern zum Trotz, erneut ein erster Schritt zur Erfüllung eines inzwischen fast 100jährigen konstitutionell bestimmten Auftrags vertagt. Denn in der Verfassung der Weimarer Republik wurde 1919 in Artikel 138 festgelegt, dass die Staatsleistungen für die Kirchen auf Länderebene »abgelöst« werden, also gegen eine Endzahlung eingestellt werden sollen. Die Zentralregierung solle die Grundsätze dafür aufstellen. Diese Aufgabe wurde ins Grundgesetz der Bundesrepublik (Artikel 140) übernommen – und bis heute nicht »abgearbeitet«. Wie der Humanistische Verband am Freitag mitteilte, haben die Kirchen seit Gründung der BRD 1949 umgerechnet mehr als 17 Milliarden Euro dieser Leistungen erhalten.

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Afrikanische Atheisten: Gottlos in Ghana

Samstag, 4. März 2017

Artikel auf nzz.ch vom 04.03.2017:

Der religiöse Extremismus äussert sich in Afrika nicht nur islamisch, sondern auch christlich. Freikirchen sind in Ghana allgegenwärtig und oft fanatisch. Eine Gruppe Ungläubiger gibt Gegensteuer.

Vor fünf Jahren hat das Meinungsforschungsinstitut WIN-Gallup einen Glaubensindex veröffentlicht. Er wurde angeführt vom westafrikanischen Land Ghana. Auf die Frage «Sind Sie religiös?» antworteten dort 96 Prozent mit Ja. (Zum Vergleich: Saudiarabien 75 Prozent, Schweiz 50 Prozent, China 14 Prozent.) Ghana ist mehrheitlich christlich, der Norden des Landes ist muslimisch geprägt. Vor allem haben sich in den letzten Jahren jedoch, wie in vielen subsaharischen Ländern, die evangelikalen Freikirchen explosionsartig ausgebreitet. Ihre Priester locken oft mit Wundern, angeblichen Heilungen und masslosen Versprechungen von Reichtum neue Schäfchen an, die dann regelmässig skrupellos ausgenommen werden. Ihre riesigen Kirchen, die Plakate und die hysterischen Anwerber sind allgegenwärtig im Land.

Aus der Familie ausgeschlossen

Einigen aufgeklärteren Ghanesen geht dieser Glaubensterror langsam auf die Nerven. So bildete sich ebenfalls vor fünf Jahren, als die obige Umfrage veröffentlicht wurde, in der Hauptstadt Accra eine Gruppe von Atheisten. Anfangs tauschte man sich nur über soziale Netzwerke aus, dann begann man sich regelmässig zu treffen, inzwischen hat die Gruppe der Gottlosen einen offiziellen Verein namens Humanist Association of Ghana (HAG) gegründet, der etwa 40 offizielle Mitglieder zählt. Viele von ihnen verfügen über eine höhere Bildung, manche haben einen christlichen, manche einen muslimischen Hintergrund.

Präsidentin des Klubs ist die 32-jährige Roslyn Mould. Sie hat moderne Sprachen studiert und arbeitet im Gas- und Ölsektor. Es geht ihr vor allem darum, Gleichgesinnten zu signalisieren, dass sie nicht allein sind. Denn angesichts der öffentlichen Übermacht von religiösen Stimmungsmachern in Ghana müsse sich ein Zweifler wie ein einsamer Irrer vorkommen, sagt Mould. Sie ist überzeugt, dass es viele Agnostiker und Atheisten gebe, die jedoch Angst vor einem «Comingout» hätten.

An diesem Sonntagabend, wo man sich zu einer kleinen Geburtstagsparty für Moulds Ehemann trifft, wissen einige Vereinsmitglieder von harten Reaktionen zu berichten. Bei einigen weigerten sich die Eltern auf einmal, ihr Schul- oder Studiengeld zu bezahlen, oder schlossen sie überhaupt aus der Familie aus. Viele verloren Freunde, als sie Kritik gegen die Kirche äusserten. Ein junger Mann berichtet, dass ihn die Familie regelmässig zu Verwandtentreffen vorlade, wo er dann einem Trommelfeuer von Bekehrungsversuchen ausgesetzt werde.

Der 28-jährige Agomo hat sogar schon Todesdrohungen erhalten, in Form von Zetteln, die ihm an der Universität in die Tasche gesteckt wurden. «Ich ging schon als Knabe lieber ans Meer als in die Kirche, die mich langweilte», erinnert er sich. Seine Mutter war fromm, aber der Vater ermunterte ihn zu lesen, auch Kritisches. «Mit 13 realisierte ich, dass es Gott wahrscheinlich nicht gibt. Mit 17 begann ich, offen zu meinem Unglauben zu stehen. Das machte mich einsam. Die HAG kennenzulernen, war für mich eine der besten Erfahrungen meines Lebens.»

Das Leben in Afrika ist im Allgemeinen gemeinschaftlicher orientiert als in Europa. Auch Kirchen sind nicht nur eine religiöse, sondern auch eine soziale Angelegenheit. Wer nicht zum Gottesdienst erscheint, gilt als Eigenbrötler und Aussenseiter. Umso wichtiger ist es, dass auch Unreligiöse sich irgendwo treffen können und nicht lediglich die Kirche besuchen müssen, um sich aufgehoben zu fühlen. Mould enerviert sich über das, was sie die allgegenwärtige religiöse Indoktrinierung in Ghana nennt, die für sie sowohl eine Ursache wie eine Folge des Bildungsmangels ist. «Man sieht sehr schön, wie in vielen Ländern mit einem Anstieg des Wohlstands, der sozialen Sicherheit und der Schulbildung die Religion an Bedeutung verliert.» Das ist in der Tat auch ein Befund der erwähnten Studie zu Gläubigkeit und Atheismus rund um die Welt.

«Wenn zum Beispiel jemand verunfallt», sagt Mould, «dann heisst es, das sei eine Strafe Gottes gewesen oder der Teufel, Dämonen oder eine Hexe steckten dahinter. Niemand erwähnt den Alkoholpegel des Fahrers oder den schlechten Zustand der Strasse. Das kommt dem Einzelnen und auch der Regierung entgegen, die so von der eigenen Verantwortung ablenken können. Abgesehen davon, dass die Armen auf Wunder oder ein Jenseits vertröstet werden und so nicht aufmucken.» Sie glaubt, dass die Pastoren die Leute ganz bewusst dumm halten, um sie besser ausnehmen zu können. «Anstatt den Armen mit konkreten Projekten zu helfen, klauen ihnen die selbsternannten Propheten noch das Letzte, was sie haben.»

Verbreitet sind auch ein Puritanismus und eine Pedanterie im Land, die in seltsamem Kontrast stehen zur in Westafrika sonst so verbreiteten Lebensfreude. Die meisten Schulen sind nach Geschlechtern getrennt, Sex wird vielerorts als ein notwendiges Übel betrachtet, die Angst vor Passivrauchen nimmt oft hysterische Züge an, und viele reagieren aggressiv, wenn Alkohol getrunken wird. Eine Frau erzählt, bei den regelmässigen Apéros in einer deutschen Organisation bete eine Angestellte jeweils darum, dass Gott den Alkohol aus den Getränken entfernen möge, worauf dann viele Ghanesen «Amen!» riefen.

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BZ vom 23.02.2017: “Selbstbedienungsladen Religion” – Für FVS-Präsident Andreas Kyriacou eine erfreuliche Entwicklung

Freitag, 24. Februar 2017

Berner Zeitung vom 23.02.2017:

Bald scheint der Wendepunkt erreicht zu sein. Wie die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, fehlt nicht mehr viel, bis die Konfessionslosen die Reformierten in der Schweiz zahlenmässig eingeholt haben. Immer mehr Menschen drehen der Kirche den Rücken zu. In Basel-Stadt entzieht sich mit 46 Prozent sogar fast die Hälfte der ­Bevölkerung einer Religions­gemeinschaft. «Konfessionslose sind ein Massenphänomen geworden», bestätigt Judith Albisser vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI). Die Mitarbeiterin dieses Forschungsinstituts der katholischen Kirche schreibt von einem «rasanten Anstieg in wenigen Jahrzehnten», der auf drei Faktoren zurückzuführen sei: Menschen treten aus der Kirche aus; Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr taufen; konfessionslose Personen wandern in die Schweiz ein.

Zusammen bilden Katholiken und Reformierte in der Schweiz zwar eine deutliche Mehrheit. Vor 60 Jahren machten sie aber fast 100 Prozent der Bevölkerung aus. Dann begann die Zahl der Konfessionslosen zu steigen. Das verlief parallel zum gesellschaftlichen Phänomen der Individualisierung, erklärt Albisser: «Der Kirchenaustritt wurde enttabuisiert, und seither kann das Individuum aus verschiedenen Weltanschauungen und Religionen frei wählen.» Für Andreas Kyriacou ist das eine erfreuliche Entwicklung. Er ist Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz. Für ihn ist der entstandene «Wettbewerb unter den Welt­anschauungen» positiv: «Sinn­suchende können im breiten Angebot eine passende Antwort ­finden.»

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