Archiv für die Kategorie „Persönlichkeiten“

Seyran Ates wirbt bei Freidenkern um Unterstützung für liberale Muslime

Montag, 6. November 2017

Die Initiantin der liberalen Moschee in Berlin, Seyran Ates (54), hat am Samstagnachmittag am «Denkfest» der Freidenker in Zürich ihr Projekt vorgestellt. Für ihre dezidierten Voten erhielt die muslimische Frauenrechtlerin immer wieder den Beifall des Publikums. Das Podium und ein Disput mit einem jungen muslimischen Besucher zeigten aber exemplarisch, dass die Frau in der islamischen Welt aneckt.

Seyran Ates am Denkfest

Die Männer in Anzug stehen breitbeinig da, die Hände in Hüfthöhe übereinandergelegt, zwei links und rechts von der Bühne, einer auf der Seite des Saals. Ein vierter sitzt in der vordersten Stuhlreihe. Als Seyran Ates vor ihrem Auftritt im Zürcher Volkshauses mit Gästen spricht, stehen die Bodyguards zu dritt in unmittelbarer Nähe der Frau. Seyran Ates erhält Morddrohungen, seit sie im Juni in Berlin zusammen mit Gleichgesinnten die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee eröffnet hat.

«Es wundert mich nicht, dass die Menschen am meisten Angst vor der islamischen Religion haben», kommentiert sie ein Ergebnis einer religionssoziologischen Studie, die ihr Vorredner, der Lausanner Religionssoziologie Jörg Stolz, soeben präsentiert hat. «Auch ich habe Angst vor dem radikalen Islam, vor denjenigen, die die Religion politisiert haben», sagt die Frau mit der grauen Kurzhaarfrisur.

-> Zum vollständigen Artikel von Barbara Ludwig auf kath.ch

“Eine Gesellschaft aus Atheisten könnte perfekt funktionieren” – Interview mit dem Philosophen Urs Sommer

Montag, 21. August 2017

Andreas Urs Sommer, 45, hat unter anderem Philosophie sowie Kirchen- und Dogmengeschichte studiert. Heute ist er Professor für Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Nietzsche-Spezialist. Er selbst ist agnostischer Skeptiker und rät zu Entspanntheit im Umgang mit religiösen Fragen. © Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Interview auf ZEIT campus mit dem Philosophen Urs Sommer, 19. August 2017:

Aber wie? Philosoph Andreas Urs Sommer über das Fast-Verschwinden der Religion, Angst vor dem Tod und die Frage: Ist uns die Suche nach dem Sinn des Lebens einfach egal?

ZEIT Campus ONLINE: Herr Sommer, es ist doch so: In die Kirche gehen junge Menschen, wenn überhaupt, nur noch an Weihnachten. Vielleicht schicken wir vor schweren Klausuren noch ein Stoßgebet in den Himmel. Aber mehr auch nicht. Ist Religion für uns heute überflüssig geworden?

Andreas Urs Sommer: Überflüssig nicht — jedenfalls nicht für alle. Für viele Menschen unserer pluralen Gesellschaft hat Religion aber tatsächlich als Lebensorientierung jede Bedeutung verloren. Und für nicht wenige ist Religion lediglich ein schönes Accessoire zu feierlichen Anlässen, weil man noch keine überzeugenden säkularen Riten gefunden hat: zur Taufe, an Weihnachten, bei einer Beerdigung.

ZEIT Campus ONLINE: Glauben Sie, solche säkularen Riten werden sich noch entwickeln?

Sommer: Eher nicht, denn ich glaube, Religion wird niemals vollkommen erledigt sein, so wie sich das etwa atheistische Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts gewünscht haben. Das ist eine Illusion — zumal das An-den-Rand-Drängen von Religion im menschlichen Leben eine sehr westlich-europäische Erscheinung ist und Religion breiten Bevölkerungsschichten in anderen Erdteilen Halt gibt. Das hat damit zu tun, dass unsere westlichen Gesellschaften dem Individuum weiten Freiraum bei der privaten Sinnstiftung gewähren, während andere Gesellschaften eher auf Sinnvermittlung von oben herab gepolt sind: Man erwartet dort, dass autoritäre Instanzen, als die sich religiöse Anführer gerne gebärden, den Sinn des Lebens vorgeben.

ZEIT Campus ONLINE: Und woran liegt es, dass Religion für uns in westlichen Gesellschaften nicht mehr so wichtig ist?

Sommer: Religion ist seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert permanent unter Beschuss geraten: Alle Versuche, die Existenz Gottes zu beweisen, darf man als gescheitert betrachten. Und die historische Kritik der Bibel und der anderen Offenbarungsschriften hat gezeigt, dass diese Werke von Menschen für Menschen geschrieben worden sind. Und zwar in einem bestimmten Kontext. Deswegen können wir einen Brief des Apostels Paulus, das Buch eines alttestamentlichen Propheten oder eine Sure aus dem Koran heute nicht mehr ohne Zurechtbiegung als Lebensanweisung für unsere Gegenwart verstehen. Diese historische Kritik ist zwar auch wesentlicher Teil der Arbeit kritischer Theologen. Sie ist aber für Religionen brandgefährlich, weil sie nicht nur den Glauben an die Schriften, sondern auch an die Institution der Kirche zersetzt. Heute haben wir außerdem säkulare Antworten auf unsere Sinnfragen gefunden und das Gefühl, unser Leben selbst im Griff zu haben. Der Mensch der westlichen Moderne braucht keine höhere Instanzen mehr, auf die er hofft, denen er sich ausliefert und die seine Weltsicht bestimmen.

“UNS IST RELATIV EGAL, WAS NACH DEM TOD PASSIERT.” - Andreas Urs Sommer

ZEIT Campus ONLINE: Und welchen Sinn des Lebens haben wir für uns erkannt?

Sommer: Sinn ist heute etwas, das wir selbst machen, statt es von höherer Warte zu empfangen: Wir müssen kein gottgefälliges Leben führen, um ins Himmelreich zu kommen. Sondern ein zentrales Element unserer modernen Ideologie ist: Wir schaffen unser eigenes Paradies auf Erden, wenn wir uns nur genug anstrengen. Solche Sinnantworten gab es schon in der antiken Philosophie, heute heißt es: Mach etwas aus deinem Leben! Wir sind frei — und dazu verurteilt, diese Freiheit zu nutzen. Natürlich kann diese Sichtweise nicht die ganze Welt von A bis Z erklären, wie die Religion es tut.

ZEIT Campus ONLINE: Ist das nicht frustrierend?

Sommer: Nein, nicht mehr. Wir haben gelernt, einen überbordenden Anspruch an Sinnfragen zurückzuschrauben und sind bescheidener geworden: Wenn ich mein eigenes Leben gestalte, löse ich damit nicht die Frage, woher der Kosmos kommt und wohin er geht. Muss ich aber auch nicht. Ich finde diese Einstellung heilsam: Der Atheismus des 19. Jahrhunderts litt noch stark darunter, auf die großen Fragen des Lebens keine Antworten geben zu können, so wie die Religion das tat. Dieses Leiden am Ungenügen der bescheidenen Antworten von kurzer Reichweite hat sich weithin verflüchtigt. Heute trifft man selten Menschen, die tagtäglich unglücklich durch die Gassen irren, weil sie keine letzte Antwort finden.

ZEIT Campus ONLINE: Sind uns diese großen Fragen der Menschheit einfach egal?

Sommer: Das nicht. Aber wir sind nicht mehr darauf gepolt, sie als zentral für unser Leben zu betrachten. Selbst, wenn wir uns etwa in der Pubertät fragen, was der Sinn unseres Lebens ist, finden wir im Laufe des Erwachsenwerdens eigene Antworten. Auch mit dem Thema Tod gehen die meisten Menschen relativ entspannt um: Für unsere letzten Lebenstage vertrauen wir der Medizin und danach schauen wir mal, was kommt. Ein Grund für diese Gelassenheit ist auch, dass wir keine Angst mehr haben. Uns ist relativ egal, was nach dem Tod passiert: Wenn die Christen recht haben, gibt es ein Jenseits. Besonders schlimm kann’s aber nicht werden, denn wir sind ja schließlich keine Sünder, die im Fegefeuer schmoren müssen. Die für das Christentum einst fundamentale Vorstellung, erlösungsbedürftig zu sein, ist uns heute vollkommen fremd geworden. Gehen Sie mal in die Kirche: Da spricht niemand von “Verdammnis” oder “Hölle”. Selbst dort geht es nicht mehr um die letzten Dinge.

“DAS CHRISTENTUM HAT SICH GEWISSERMASSEN SELBST ÜBERFLÜSSIG GEMACHT.” - Andreas Urs Sommer

ZEIT Campus ONLINE: Also haben sich auch die Kirchen an den Zeitgeist angepasst?

Sommer: Vollkommen. Es herrscht ja auch oft eitel Einigkeit zwischen Katholiken und Evangelischen: Man macht das, was die meisten für nett, gut und richtig halten, engagiert sich für den Frieden und die Umwelt. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Aber das kann auch eine atheistische Marxistin oder ein Maoist. Ursprünglich war das Christentum nicht auf solche Themen, sondern auf das Ende der Zeiten ausgerichtet und davon spricht heute niemand mehr. In gewisser Weise hat das Christentum sich also mit den Großkirchen selbst überflüssig gemacht. Warum sollten die Leute in die Kirche gehen, wenn da ohnehin nur Banalitäten verkündet werden?

“Die große Harari-Ver(w)irrung” – Kommentar von Michael Schmidt-Salomon

Donnerstag, 3. August 2017

Humanistischer Pressedienst Deutschland (hpd), 01. August 2017 mit einer ausführlichen und lesenswerten Buchkritik von Michael Schmidt-Salomon:

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari hat mit seinen Büchern “Eine kurze Geschichte der Menschheit” und “Homo deus” internationale Bestseller vorgelegt. Tragischerweise sind ihm in der Analyse haarsträubende Fehler unterlaufen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Ein Kommentar von Michael Schmidt-Salomon.

Normalerweise verzichte ich darauf, Bücher anderer Autoren zu kritisieren. Allzu schnell entsteht der Eindruck, man wolle seine eigenen Werke über die Abwertung Anderer aufwerten. Doch nachdem Hararis Bücher Millionenauflagen erreicht haben, nachdem ernstzunehmende Denker wie Daniel Kahneman den Autor über den Klee lobten und nachdem sogar der Humanistische Pressedienst (!) eine unbedingte Leseempfehlung für Hararis “Kultbücher” aussprach (Thomas Hummitzsch am 28.6.2017: “Hararis kluges, anregendes und aufwühlendes Buch ist ein Weckruf, in dem er das Heute analysiert, um die Möglichkeit einer menschlichen Zukunft zu bewahren. Wenn Sie nur ein Buch mit in den Koffer packen wollen, dann nehmen Sie dieses!”), sehe ich mich gezwungen, meine selbstauferlegte “Abstinenzregel” zu brechen. Denn vor einem Autor, der so sehr in ideologischen Denkschablonen gefangen ist, dass er den Nationalsozialismus (!) als “humanistische Religion” (!) beschreibt, kann nur gewarnt werden.

Wohlgemerkt: Bei dieser ungewöhnlichen Charakterisierung des Nationalsozialismus bzw. des Humanismus handelt es sich keineswegs um einen einmaligen, nebensächlichen Ausrutscher des Bestsellerautors, sondern um ein Kernelement seiner Weltsicht. Um dies verständlich zu machen, muss ich etwas weiter ausholen: In beiden Büchern, sowohl in “Eine kurze Geschichte der Menschheit” als auch in “Homo deus”, beschreibt Harari den Aufstieg des Humanismus, der die alten theistischen Religionen abgelöst habe, sowie den bevorstehenden Untergang des Humanismus, der durch neue technologische Ideologien (“Posthumanismus” bzw. “Dataismus”) ersetzt werde. In beiden Büchern meint Harari auch, den Humanismus als eine “Religion” charakterisieren zu müssen (eine Differenzierung zwischen “Religionen”, “Weltanschauungen” oder “Philosophien” sucht man vergeblich), die in drei verfeindete “humanistische Sekten” zerfällt, nämlich in die Konfessionen des “liberalen Humanismus”, des “sozialistischen Humanismus” und des “evolutionären Humanismus”.

Als “liberale Humanisten” lässt Harari dabei merkwürdigerweise nur jene gelten, die “auf den Schöpfergott und die Untersterblichkeit der Seele” zurückgreifen (“Eine kurze Geschichte der Menschheit”, S. 282), womit er unterschlägt, dass gerade auch Nicht-Theisten und Nicht-Idealisten (also Atheisten, Agnostiker, Materialisten und Naturalisten) für die zentralen Werte des “liberalen Humanismus”, nämlich Menschenrechte, Demokratie und die Prinzipen der offenen Gesellschaft, gestritten haben. Nicht weniger kurios: Als “sozialistische Humanisten” bezeichnet Harari nicht Autoren wie Ernst Bloch oder Erich Fromm, die sich selbst als “sozialistische Humanisten” verstanden haben, sondern kommunistische Diktatoren wie Josef Stalin, die den Begriff “Humanismus” nur als Schimpfwort gebrauchten und “Humanisten”, die sich auf die Frühschriften von Marx beriefen, als Vertreter eines “bürgerlichen Revisionismus”, das heißt: als Hochverräter an der parteikommunistischen Doktrin, verfolgten.

Als sei all dies nicht schon absonderlich genug, schießt Harari mit seiner Charakterisierung des “evolutionären Humanismus” dann endgültig den Vogel ab: Denn der Autor lässt uns sowohl in “Eine kurze Geschichte der Menschheit” (S. 281) als auch in “Homo deus” (S. 337) wissen, dass der evolutionäre Humanismus eine “Sekte” ist, “dessen bekannteste Vertreter die Nationalsozialisten waren”. Ja, Sie haben richtig gelesen: Für Yuval Noah Harari war Adolf Hitler nicht nur Diktator, Nationalist, Rassist und Massenmörder, sondern in Personalunion auch noch einer der führenden Vertreter des evolutionären Humanismus!

Adolf Hitler – ein “humanistischer” Massenmörder?

Wie kommt der Autor auf diesen verwegenen Gedanken? Nun, Harari zufolge teilen alle humanistische Konfessionen die Gemeinsamkeit, dass sie den “Glauben an Gott” durch einen “Glauben an den Menschen” ersetzen – was zunächst einmal nicht zu beanstanden ist (selbst wenn man Hararis Formulierung, Humanisten würden den Menschen “anbeten”, schwerlich folgen kann). Im Hinblick auf diesen “Glauben an den Menschen” – meint Harari weiter – müsse man den Nationalsozialismus als eine besonders konsequente Variante des Humanismus betrachten, da er sich “als einzige humanistische Sekte” vom “traditionellen Monotheismus losgesagt hat”. Dies klingt schmissig (und erinnert an Predigten katholischer Hardliner wie Dyba, Meisner und Müller), hat aber mit der geschichtlichen Realität wenig zu tun. Denn die NS-Ideologie war keineswegs von einer diesseitig-humanistischen Weltsicht geprägt, sondern vom Konzept der “heiligen Führung”, dem sich jeder Teil des “Volkskörpers” unterwerfen musste. Es hatte seinen Grund, dass die deutschen Soldaten “mit Gott und dem Führer” in den Krieg zogen und dass Hitler bei jeder Gelegenheit die “göttliche Vorsehung” herbeizitierte. Nazideutschland war einer der wenigen Staaten im 20. Jahrhundert, in denen es “Gottlosigkeit” offiziell gar nicht geben durfte. Wer nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft war, wurde von den Nazis in der amtlichen Kategorie “Gottgläubiger” geführt, denn “Atheismus” galt als Ausdruck einer “kulturzersetzenden, jüdisch-bolschewistischen Gesinnung”, die in keiner Weise geduldet wurde.

Harari verkennt allerdings nicht nur den theistisch-religiösen (mitunter auch okkulten) Charakter der NS-Ideologie, sehr viel gravierender ist, dass er sämtliche Kriterien unterläuft, mithilfe derer sich humanistische von antihumanistischen Weltanschauungen sinnvollerweise unterscheiden lassen. Allen (modernen) Humanismen gemeinsam ist nämlich der Imperativ, “alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, verlassenes, verächtliches Wesen ist”. Dieser Formulierung von Karl Marx stimmen in der Regel auch bürgerlich-liberale Humanistinnen und Humanisten zu – selbst wenn diese meist deutlich andere Vorstellungen davon haben, wie sich dieses Ziel gesellschaftlich realisieren lässt. Aus diesem Grund kann der Nationalsozialismus, der große Gruppen von Menschen von vornherein radikal ausgrenzte, der sie in unvorstellbarem Maße erniedrigte, knechtete, vernichtete, unter gar keinen Umständen als “humanistisch” bezeichnet werden, wenn dieser Begriff noch irgendeine strapazierfähige Bedeutung haben soll.

Harari versucht nun sein Konzept zu retten, indem er dem vermeintlichen “Humanismus” der Nationalsozialisten das Attribut “evolutionär” voranstellt. Begriffslogisch ist dies allerdings unsinnig. Denn wenn das Attribut “evolutionär” dazu führen würde, dass ein Humanismus zum Antihumanismus mutiert, so müsste man von “evolutionärem Antihumanismus” sprechen – statt von “evolutionärem Humanismus”. Aber sei‘s drum. Harari verteidigt seine kuriose Begriffswahl damit, dass er behauptet, die Nationalsozialisten hätten sich von “anderen Humanisten” (sic!) dadurch unterschieden, dass ihr Menschenbild “stark von der Evolutionstheorie beeinflusst war”. Das klingt nach einem gewichtigen Argument, doch ist es wahr?

Dachten die Nazis “evolutionär”?

Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein! Denn es lässt sich leicht zeigen, dass auch der “sozialistische Humanismus”, der auf die Darwin-Verehrer Marx und Engels zurückgeht, auf der Evolutionstheorie fußt. Und auch bei den “liberalen Humanisten” des 20. Jahrhunderts wird man (selbst wenn man Hararis unbegründete Limitierung des Begriffs akzeptiert) nur sehr wenige Vertreter finden, die der Evolutionstheorie ablehnend gegenüberstanden. Tatsächlich haben sich “sozialistische Humanisten” wie Erich Fromm oder “liberale Humanisten” wie Karl Popper in ihren Schriften sehr viel stärker auf die Evolutionstheorie berufen als nazistische Ideologen wie Hitler, Streicher oder Rosenberg.

Ohnehin ist es falsch zu meinen, die Evolutionstheorie habe das nationalsozialistische Menschenbild in besonderer Weise geprägt. In dessen Zentrum standen nämlich keine wissenschaftlichen Konzepte wie die Evolutionstheorie, sondern antiwissenschaftliche sowie antihumanistische Mythen wie die Vorstellung von der Überlegenheit der “Europäer/Weißen/Arier” (ein Erbe des Kolonialismus) und der “kulturzersetzenden Kraft der Juden” (ein Überbleibsel des christlichen Antijudaismus). Vermischt mit einem übersteigerten Autoritarismus (eine Folge der über Generationen antrainierten Gehorsamstechniken vor allem in Preußen) sowie einem überbrodelnden Nationalismus, der durch die Niederlage im ersten Weltkrieg weiter angeheizt wurde, entwickelte sich daraus eine brandgefährliche politische Ideologie, die mithilfe selektiv ausgewählter “evolutionstheoretischer Befunde” allenfalls ausgeschmückt wurde.

Diese evolutionistischen Versatzstücke in der Naziideologie fußten allerdings nicht auf “der” Evolutionstheorie, sondern auf einer hochgradig verzerrten Interpretation derselben. So widersprach die nazistische Vorstellung vom “Kampf aller gegen alle” diametral den Erkenntnissen, die Darwin vor allem in seinem zweiten evolutionstheoretischen Hauptwerk “Die Abstammung des Menschen” dargelegt hatte. Schon damals hatte Darwin an unzähligen Beispielen aufgezeigt (was Peter Kropotkin Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem berühmten Buch über die “Gegenseitige Hilfe im Tier- und Menschenreich” noch einmal eindrucksvoll untermauerte), dass auch Liebe, Fürsorglichkeit, Kooperationsbereitschaft, Altruismus und Sanftmut evolutionär erfolgreiche Strategien sind.

Halten wir fest: Das Weltbild der Nazis war weder “humanistisch” noch “evolutionär”, wenn man diese Begriffe in einer halbwegs seriösen Weise gebraucht. Harari hätte dies selbst leicht erkennen können, wenn er darauf eingegangen wäre, was der seit Jahrzehnten in die internationale Debatte eingeführte Begriff “evolutionärer Humanismus” tatsächlich bedeutet. Aber eben dies ist das Befremdliche an Hararis Büchern: Obwohl das Konzept des evolutionären Humanismus als zusätzliche Bedrohungskulisse eine wichtige Rolle in seinen Büchern spielt, erwähnt er nirgends auch nur mit einer Silbe, dass dieser Begriff Mitte des 20. Jahrhunderts von dem bedeutenden Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, geprägt wurde.

Was der Begriff “evolutionärer Humanismus” tatsächlich bedeutet

Huxley ging es nach den Gräueln des 2. Weltkriegs, des Nazismus und Stalinismus darum, mit dem evolutionären Humanismus ein traditionsübergreifendes, offenes Rahmenmodell (nicht zuletzt auch für die UN-Organisationen) zu entwickeln, das alte humanistische Werte mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang bringt. Dabei verband Huxleys Konzept die Prinzipien der Freiheit (nach Harari ein Exklusivgut des “liberalen Humanismus”) mit den Prinzipien der Gleichheit (nach Harari das Alleinstellungsmerkmal des “sozialistischen Humanismus”) und es berücksichtigte natürlich auch in besonderem Maße die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie. “Evolutionär” war dieser “neue Humanismus” allerdings noch in einer anderen bedeutsamen Hinsicht: Denn Huxley wusste als erfahrener Forscher, dass wissenschaftliche Erkenntnisse stets fehleranfällig und somit korrekturbedürftig sind und dass auch ethisch-politische Normen einem historischen Entwicklungsprozess unterliegen. Hieraus leitete Huxley ab, dass der evolutionäre Humanismus sich selbst evolutionär weiterentwickeln müsse und somit absolute Autoritäten wie unveränderliche Dogmen mit allergrößter Entschiedenheit abzulehnen sind – ein schärferer Kontrast zur radikal-autoritären, dogmatisch erstarrten Ideologie des “Tausendjährigen Reichs” ist kaum denkbar.

Ist es wirklich möglich, dass Yuval Noah Harari bei der Niederschrift seiner Bücher keine Ahnung davon hatte, dass der Begriff “evolutionärer Humanismus” etwas komplett anderes bedeutet als das, was er seinen Leserinnen und Lesern unter diesem Stichwort verkaufte? Ich habe diesbezüglich arge Zweifel. Immerhin findet man auch im englischsprachigen Wikipedia einen Eintrag zum “Evolutionären Humanismus”, der selbstverständlich nicht auf die Nazis, sondern auf Julian Huxley verweist. Zudem gibt es in “Homo deus” eine Stelle (S.349), welche die Interpretation naheliegt, dass Harari sehr wohl wusste, wie leicht sich sein Verständnis von “evolutionärem Humanismus” zerpflücken lässt. Allerdings macht diese Passage seine haarsträubende Interpretation keineswegs erträglicher, sondern setzt ihr die Krone auf. Harari schreibt nämlich: “Es sei allerdings erinnert, dass Hitler und die Nationalsozialisten nur eine Extremform des evolutionären Humanismus darstellen. (…) Nicht alle evolutionären Humanisten sind Rassisten, und nicht jeder Glaube an das weitere Entwicklungspotential der Menschheit führt zwangsläufig in den Polizeistaat und zu Konzentrationslagern.”

Mir stockte der Atem, als ich diese Passage las. Was soll man dazu noch sagen? Selbstverständlich war der Nationalsozialismus keine “Extremform des evolutionären Humanismus”, sondern eine “Extremform des antievolutionären Antihumanismus”. Die Nazis dachten, wie gesagt, weder humanistisch noch evolutionär, sondern antihumanistisch und totalitär. Und selbstverständlich – es ist peinlich, dies überhaupt betonen zu müssen – können “Rassisten” per definitionem niemals “Humanisten” sein, da sie die fundamentale Basis jedes ernstgemeinten Humanismus, nämlich die Idee der einen Menschheit, in der jedes einzelne Individuum zählt, missachten! Mehr noch – und dies zeigt, wie grotesk Harari die Tatsachen verdreht hat: Es war gerade der Begründer des evolutionären Humanismus, Julian Huxley, der dem Rassismus jegliche Grundlagen entzog, indem er 1935 in einem viel diskutierten Aufsatz (enthalten in dem Buch “We Europeans: A Survey on Racial Problems”) darlegte, dass die geno- und phänotypischen Unterschiede unter den Menschen viel zu gering sind, um im wissenschaftlichen Sinne von “menschlichen Rassen” sprechen zu können. Das Konzept der “Rasse”, so Huxley 1935, sei nur ein “sozialer Mythos”, keine wissenschaftliche Kategorie. Und so sorgte er dafür, dass der Begriff der “Rasse” zunächst in der wissenschaftlichen Debatte fallen gelassen und später auch auf politischer (UN-) Ebene durch den von ihm geprägten Begriff der “ethnischen Gruppe” ersetzt wurde (siehe u.a. das UNESCO-Statement “The Race Question” von 1950).

Die Folgen der Hararischen Begriffsverwirrung

Wie gesagt: Ich weiß nicht, ob Harari so unwissend oder ob er so manipulativ war, dass er diese leicht überprüfbaren Tatsachen in ihr Gegenteil verkehrte. Fakt ist jedoch, dass es für ihn einige dramaturgische Vorteile mit sich brachte, den evolutionären Humanismus kontrafaktisch mit Hitler und den sozialistischen Humanismus kontrafaktisch mit Stalin zu verbinden. Denn ohne diesen Kniff hätte die Geschichte, die Harari seinen Leserinnen und Lesern verkaufen wollte, nämlich die Geschichte vom nahenden Untergang des Humanismus, gar nicht funktioniert. Warum? Weil Harari nach dieser Diskreditierung des evolutionären und des sozialistischen Humanismus sämtliche Argumente ausblenden konnte, die aus diesen Traditionen stammen. Übrig blieb stattdessen der “liberale Humanismus”, den Harari (seiner eigenen Logik folgend, tatsächlich aber grob verfälschend) als eine a) anti-egalitäre (gegen das “sozialistisch-humanistische” Gleichheitsideal gerichtete) sowie b) naiv-idealistische (gegen das “evolutionär-humanistische” Wissenschaftsprinzip verstoßende) Ideologie darstellte.

Laut Harari müssen liberale Humanisten an einen gottgleich über den neuronalen Zuständen schwebenden, unabhängig von natürlichen Ursachen funktionierenden “freien Willen” glauben, da andernfalls ihr Glaube an “die Freiheit” in sich zusammenbrechen würde. Akzeptiert man diese Unterstellung, ist es natürlich ein Leichtes zu beweisen, dass ein solcher “liberaler Humanismus” gegen fundamentale Erkenntnisse der Biowissenschaften verstößt und in einem Zeitalter, in dem uns digitale Algorithmen die Regelhaftigkeit unseres Verhaltens immer deutlicher vor Augen führen, dem Untergang geweiht ist (das Hauptthema von “Homo Deus”). Aber: Ist es denn überhaupt wahr, dass der politische Liberalismus mit einem Glauben an das idealistische Konstrukt der Willensfreiheit einhergehen muss?

Auch hier lautet die Antwort: Nein! Dass Hararis Argumentation auf den ersten Blick überzeugend erscheinen mag, liegt daran, dass der Begriff der “politischen Handlungsfreiheit” leicht mit dem Begriff der “Willensfreiheit” verwechselt werden kann. Tatsächlich aber geht es im politischen Liberalismus keineswegs um die philosophische Frage, ob Menschen unabhängig von natürlichen Ursachen in einem spezifischen Moment ihres Lebens auch das exakte Gegenteil von dem wollen könnten, was sie tatsächlich wollen (Konzept der Willensfreiheit im Sinne des sogenannten “Prinzips der alternativen Möglichkeiten”), es geht vielmehr um die gesellschaftspolitische Frage, ob Menschen unter bestimmten sozialen Verhältnissen die Freiheit haben, tun zu können, was sie wollen (Gewährleistung von individuellen Handlungsfreiheiten).

In beiden Fällen taucht zwar das Wort “Freiheit” auf, nur hat das eine mit dem anderen nichts zu tun! Mehr noch: Es lässt sich (wie ich es in meinem Buch “Jenseits von Gut und Böse” getan habe) zeigen, dass einige der konsequentesten Gegner der Willensfreiheitsthese zugleich entschiedenste Vorkämpfer für politische Freiheiten waren – und umgekehrt: dass einige der enthusiastischsten Verfechter der Willensfreiheitsthese fanatisch für diktatorische Verhältnisse stritten. Auch wenn dies Harari-Anhänger arg verwirren mag, es entspricht nun einmal den historischen Tatsachen: Die wohl brutalsten Feinde der Freiheit und des liberalen Humanismus, nämlich die Nationalsozialisten, waren bedingungslos von der “Freiheit des Willens” überzeugt, da dies die idealistische Grundlage ihres strengen “Schuld-und-Sühne-Strafrechts” und ihrer “heroischen Stellungnahme zum Leben” war (so Roland Freisler in seiner Begründung zum Entwurf des nazistischen Strafrechts), während liberale Rechtsgelehrte wie Gustav Radbruch oder Fritz Bauer, die für größere Freiheit und eine weitreichende Humanisierung des Rechtssystems eintraten, die “unwissenschaftliche Hypothese” der Willensfreiheit verwarfen und stattdessen die mannigfaltigen sozialen und kulturellen Ursachen ins Bewusstsein rückten, die zu kriminellen Verhaltensweisen führen.

Die Fiktion eines “humanistischen Religionskrieges”

Hararis Freiheitsbegriff ist aber nicht nur deshalb obskur, weil er die unterschiedlichen Kategorien der Handlungsfreiheit und der Willensfreiheit unzulässig miteinander vermischt, sondern auch, weil er das Prinzip der Freiheit in einen radikalen Widerspruch zum Prinzip der Gleichheit setzt. Dies ist in politisch-ideologisch aufgeladenen Debatten zwar eine beliebte Denkfigur, aber mit einer soliden philosophischen und demokratietheoretischen Betrachtungsweise kaum in Einklang zu bringen. Diese verdeutlicht nämlich, dass Freiheit und Gleichheit nur als Einheit zu denken sind, ja, dass jeder Schritt in Richtung Gleichberechtigung der Menschen (verstanden als Herstellung von Chancengerechtigkeit – nicht als inhumane Gleichmacherei der Individuen!) zugleich auch ein Schritt in Richtung größerer Freiheit ist (vgl. hierzu mein Buch “Die Grenzen der Toleranz – Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen, S. 122ff.).

Aus diesem Grund ist es natürlich überhaupt kein Widerspruch, sondern vielmehr logisch stringent, für einen an der Freiheit und der Gleichberechtigung aller Menschen orientierten evolutionären Humanismus einzutreten. Damit fallen die Gegensätze weg, die Harari seiner Konstruktion der vermeintlichen “humanistischen Sekten” zugrunde gelegt hat – und es wird noch offenkundiger, wie grotesk Hararis Darstellung der Konflikte des 20. Jahrhunderts ist. Denn Harari möchte uns doch allen Ernstes die Botschaft verkaufen (“Homo Deus”, S. 254ff.), dass sowohl der 2. Weltkrieg als auch der Ost-West-Konflikt Folgen eines großen “humanistischen Religionskrieges” waren, der seit dem vermeintlichen “Schisma des Humanismus” zwischen den verfeindeten “Sekten” des liberalen, sozialistischen und des evolutionären Humanismus tobt.

Man muss sich vergegenwärtigen, was dies bedeutet: Harari zufolge waren der Holocaust, die stalinistischen “Säuberungsaktionen” und auch die unzähligen Hungertoten der “Dritten Welt” darauf zurückzuführen, dass im 20. Jahrhundert leider zu viele “Humanisten” an der Macht waren, die sich als Vertreter unterschiedlicher “humanistischer Sekten” gegenseitig bekämpften! Sicher: Wenn man voraussetzt, dass Adolf Hitler, der sich als Werkzeug der “göttlichen Vorsehung” verstand, ein “Humanist” war, dass Josef Stalin, der als “Prophet des dialektischen Materialismus” Andersdenkende in unfassbarem Umfang abschlachten ließ, ein “Humanist” war, dass Ronald Reagan, der sich von evangelikalen Predigern einflüstern ließ, welche Politik “God’s own Country” benötige, ein “Humanist” war – dann kann man der Erzählung folgen, dass im 20. Jahrhundert ein “humanistischer Religionskrieg” mit Millionen von Opfern stattgefunden hat. Man kann es aber auch sein lassen und sich stattdessen seines eigenen Verstandes bedienen, ohne in die ideologische Denkfallen zu tappen, die Harari in seinen Büchern aufgestellt hat.

Quellenbelege zu diesem Text finden sich in dem Buch des Autors “Hoffnung Mensch – Eine bessere Welt ist möglich” (Piper 2014 ), das ein ähnliches Themenspektrum behandelt wie Hararis “Eine kurze Geschichte der Menschheit”, sich aber in der Qualität der Argumentation deutlich von diesem unterscheidet.

5 JAHRE HAFT – 5 TAGE FÜR DIE FREIHEIT VON RAIF BADAWI – Teilnehmende für Mahnwache vom 15. bis 19. Juni 2017 gesucht!

Donnerstag, 15. Juni 2017

Aufruf auf amnesty.ch:

Am 15. Juni 2017 werden es fünf Jahre her sein, seit der saudische Blogger Raif Badawi verhaftet worden ist. Amnesty fordert die sofortige und bedingungslose Freilassung des Gewissensgefangenen und organisiert von 15. – 19. Juni während 5 Tagen eine Mahnwache. Machen Sie mit?

Raif Badawi ist ein Gewissensgefangener, dessen einziges «Verbrechen» darin bestand, dass er von seinem Recht auf freie Meinugsäusserung Gebrauch gemacht hatte, indem er eine Website als Diskussionsforum gründete. Deswegen ist er am 7. Mai 2014, fast zwei Jahre nach seiner Verhaftung, vor dem Strafgericht in Jeddah zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt worden, ein Urteil, das später vom Obersten Gericht bestätigt worden ist. Die grausame Prügelstrafe wurde am 9. Januar 2015 einmal vollzogen, dann aber bis heute unter dem Eindruck weltweiter Proteste ausgesetzt.

Raif Badawi ist aber weiterhin in Haft und von seiner in Kanada wohnhaften Ehefrau und seinen Kindern getrennt. Der mutige Blogger und Freigeist steht exemplarisch für andere Gewissensgefangene in Saudi-Arabien, die allein aufgrund von kritischen Äusserungen in Haft sind.

Aus Anlass des fünften Jahrestages der Verhaftung Raif Badawis organisiert Amnesty eine 5-tägige Mahnwache, von 15. bis 19. Juni, von 10 bis 20 Uhr. Je zwei Personen stehen für zwei Stunden ein für die Freilassung von Raif Badawi, am und um den Bärenplatzbrunnen in Bern, s. Karte. Für Plakate – resp. einen Umhang als “Sandwich(wo)man” – und Flyer ist gesorgt.

Dafür brauchen wir Sie: Tragen auch Sie sich in diesem Doodle für zwei Stunden ein – herzlichen Dank!

„Die Burka steht für die Unterdrückung der Frau“ – Der norwegische Autor und Philosoph Jostein Gaarder auf welt24.de

Samstag, 25. März 2017

 

“Panorama” auf welt24.de vom 19.03.2017:

In seinem Roman „Sofies Welt“ gab der Schriftsteller Jostein Gaarder einfache Antworten auf große Fragen. Heute ist der Norweger gegen die Burka, verurteilt aber auch den Hass auf Muslime.
Der norwegische Philosoph und Bestsellerautor Jostein Gaarder („Sofies Welt“, „Das Orangenmädchen“) hat sich klar gegen die Verschleierung von Frauen ausgesprochen. „Ich würde viel dafür geben, wenn die Burka abgeschafft würde – nicht nur in meinem Land, sondern überall“, sagte Gaarder der „Welt am Sonntag“ „Die Burka repräsentiert für mich die Unterdrückung von Frauen.“

>>Artikel auf welt24.de lesen

Malta Humanist Association trauert um ihren Präsidenten Ramon Casha

Montag, 23. Januar 2017

Artikel auf “timesofmalta.com” vom 22.01.2017:

In a statement, the Malta Humanist Association paid tribute to its founder.

Ramon was more than just a fellow humanist, chairperson of our organisation for several years, and a friend. He was also a generous philanthropist, a committed social activist, an invaluable contributor to informed public debate, a tireless champion of secularism, and a voice of reason who will be sorely missed.

Few have done more than Ramon to further the cause of secularism locally. One of the founding members of the association, he was a most energetic and committed contributor by far. As chairperson (and earlier as deputy chairperson) he worked towards the creation of an Ethics Programme in the National Curriculum, and to establish a humanist celebrant service – the first initiative of its kind in Malta. Ramon himself celebrated the first humanist ceremony, a wedding.

“Ramon also actively supported the introduction of divorce, same-sex unions and emergency contraception, long before such views became mainstream. Often he was the lone voice of reason in a cacophony of extremism on the subject of female reproductive rights. He also provided valid contribution in the local discussion on LGBTQI equality, an area where Malta now ranks first in Europe.

His courage and energy in helping to transform this country into a better place was not in vain.

Ramon’s loss is the loss of a valued voice in the Maltese free-thinking community, among who he was highly respected for his honesty and intellectual integrity. These qualities were also recognized by individuals who disagreed with him.”

 

>>Zum Artikel auf timesofmalta.com 

 

FVS – Präsident Andreas Kyriacou zum Tod von Ramon Casha:

Die Malta Humanist Association hat heute ihren Präsidenten Ramon Casha verloren. Er verstarb an den Spätfolgen eines Motorradunfalls.

Die Maltesischen Humanisten verlieren mit Ramon einen herzlichen und überaus engagierten Mitstreiter. Unermüdlich hatte er sich für das Recht auf Abtreibung, das Recht auf die Pille danach, für die Legalisierung von Suizidbeihilfe und vieles mehr eingesetzt.

Ramon gehörte auch zu den Hauptorganisatoren der gemeinsamen Konferenz der International Humanist and Ethical Union – IHEU, der European Humanist Federation und der Malta Humanist Association im vergangenen Mai.

Wir wünschen seiner Familie, seinen Freunden und seinen Mitstreitern viel Kraft.

Andreas Kyriacou

Aargauer Zeitung: Abt gegen Atheist – Ein Gespräch über Sex, Syrien und Weihnachten

Freitag, 30. Dezember 2016

aargauerzeitung.ch vom 24.12.2016:

Die «Nordwestschweiz» hat für ihre diesjährige Interview-Serie über die Festtage gegensätzliche Persönlichkeiten zusammengeführt. Heute im Gespräch: der gläubige Katholik Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln und der atheistische Schweizer Autor Martin Dean.

Sie haben eine gemeinsame Leidenschaft: Gärten. Für Sie, Herr Dean, sind Gärten Ideallandschaften in Abgrenzung zur wilden Natur. Und Sie, Abt Urban, entschieden sich für das Mönchsleben, weil Ihnen der Klostergarten so gut gefiel. Haben Sie Angst vor der «Wildnis» da draussen?

Abt Urban: Angst? Im Gegenteil, mich zieht diese Wildnis an. Ich lebe zwar in einem wunderbaren barocken Bau, aber ich würde es nicht aushalten, dauernd hier zu sein. Ich gehe oft am Morgen nach dem ersten Gebet raus in die Natur, um die Stille zu hören.

Martin Dean: Mich zieht es in die Gärten, weil ich gerne an schönen Orten bin. Ich finde Gärten spannender als die Natur, weil im Garten menschliches Planen, ästhetisches Empfinden und Natur zusammenkommen. Gärten erzählen viel über Gesellschaftsmodelle, über den Umgang mit den eigenen Gefühlen.

Ist das nicht fast Gotteslästerung, dass Herr Dean von Menschenhand gestaltete Gärten schöner findet als die Schöpfung der Natur?

Abt: Das sehe ich nicht so. Auch wir Mönche bearbeiten ja die Natur. Im Mittelpunkt jedes Klosters liegt ein Garten. Spannend ist, wie sich die Gärten über die Zeit verändern, weil die Ideen, die die Menschen mit ihnen ausdrücken wollen, sich verändern. Gärten zeigen, dass unser Schöpfer uns als Mitschöpfer erschaffen hat. Der Garten ist Ausdruck davon, was der schöpfende Mensch alles kann.

Dean: Mein Lieblingsgarten ist übrigens ein religiöser Garten: der Zen-Garten von Ryōan-ji in Japan.

Dann hat die Religion also auch für Sie als Ungläubigen Gutes hervorgebracht?

Dean: Absolut. Wenn ich mich hier im Kloster Einsiedeln umschaue oder die Bibel lese, dann steht für mich fest, dass die katholische Kirche der grösste Auftraggeber der abendländischen Kultur war. Ohne die Kirche gäbe es vieles, was wir heute als Kultur empfinden, nicht. Das ist für mich aber kein Beweis, dass es einen Gott gibt.

>>Zum Artikel auf aagauerzeitung.ch

Philosoph Michael Schmid Salomon: “Religionsfreiheit ist kein Freibrief” – Interview auf “derStandard.at”

Freitag, 30. Dezember 2016

Interview in derStandard.at vom 24.12.2016:

Anlässlich seines soeben erschienenen Buchs Die Grenzen der Toleranz nimmt der Philosoph Michael Schmid Salomon Stellung zur Frage, wie in der “offenen Gesellschaft” den zunehmend fundamentalistisch-religiösen Strömungen begegnet werden soll.

Der zunehmend bemühten “Rücksicht auf religiöse Gefühle” stellt er das unmissverständliche Geltend-Machen individueller Grundwerte durch den weltanschaulich neutralen Staat gegenüber.

Sein Konzept “Abschreckung durch Freiheit” soll auch in Zeiten starker Migrantenströme, in deren Sog auch ein die westlichen Grundwerte verneinender Scharia-Islamismus nach Europa drängt, dem Einzelnen klarmachen, dass Grundrechte, Gleichheit von Mann und Frau, Freiheit der sexuellen Identität und weitere Errungenschaft der modernen Gesellschaft unveräusserliche Grundlagen des Zusammenlebens sind.

>>Zum Artikel auf derstandard.at

Dieter Nuhr: Ein Kabbaretist spricht über Christentum, Islam, Facebook und andere Unannehmlichkeiten – Hörspiel der gbs

Dienstag, 27. Dezember 2016

Rainer Praetorius ist ein alter Medienhase. Als freier Autor und Journalist schreibt er seit Jahrzehnten Fernseh- und Hörfunkbeiträge für verschiedene öffentlich-rechtliche Sender sowie Artikel für renommierte Zeitungen. Natürlich kommt es immer mal wieder vor, dass Redaktionen sich nicht für Themen interessieren oder Beiträge ablehnen – aber was ihm mit seinem Feature über Dieter Nuhr passiert ist, das hat er in all den Jahrzehnten bisher noch nicht erlebt.

Im vergangenen Jahr schrieb Praetorius ein einstündiges Radioportrait über den streitbaren Kabarettisten. Eine Auftragsarbeit für eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt. Praetorius tat, was Autoren und Journalisten üblicherweise tun, wenn sie eine Person portraitieren: Er rückte einen zentralen Aspekt von Nuhrs Schaffen und Denken in den Mittelpunkt des Features – seine teils recht scharfe Religions- und Kirchenkritik. Um Nuhrs auf der Bühne und im Interview geäußerte Kritik an Religion im Allgemeinen sowie Islam und Christentum im Besonderen zu vertiefen, interviewte Praetorius für das Feature ferner den Philosophen Michael Schmidt-Salomon (gbs), der für seine kritischen Auseinandersetzungen mit Religion und Kirche bekannt ist.

Doch als Praetorius das Manuskript der Redaktion vorlegte, die ihn mit dem Radioportrait des Kabarettisten Dieter Nuhr beauftragt hatte, wurde es abgelehnt. Zu religionskritisch. Praetorius wollte im Verlauf der Auseinandersetzungen nicht auf einen Gegenvorschlag der Redaktion eingehen. Ein neues Manuskript hätte nur dann den Segen der Redaktion gefunden, wenn der Autor bereit gewesen wäre, seinen vorhandenen Text völlig auf den Kopf zu stellen. Religionskritische Inhalte hätte nur noch als kleines Randthema vorkommen dürfen.

Rainer Praetorius tat deshalb das, was freie Journalisten üblicherweise tun, wenn eine Redaktion ihr Skript ablehnt: Er bot es anderen öffentlich-rechtlichen Sendern an, die über geeignete Sendeplätze für ein solches Radioportrait verfügen. Doch bei keiner einzigen Redaktion hatte er Glück. Mit immer neuen Begründungen wurde sein Manuskript abgelehnt. Bei aller Vielfalt der Begründungen schien laut Praetorius eines immer wieder durch: Die Ablehnung erfolgte zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch deshalb, weil die Redakteure die im Feature geäußerte Religionskritik scheuten.

Nach den vielen Ablehnungen seitens der Rundfunkanstalten entschloss sich Rainer Praetorius dazu, sein Feature mit Unterstützung der Giordano-Bruno-Stiftung und unter der Regie von Daniela Wakonigg (hpd) frei zu produzieren. Hier kann man sich kostenlos zu Gemüte führen, was die Öffentlich-Rechtlichen ihren Hörern nicht zumuten wollten. Viel Vergnügen!

Basler Bischof zweifelt an christlicher Identität der Schweiz – und räumt “ungenügende Einbindung von Frauen in die Ämterstruktur” ein

Freitag, 23. Dezember 2016

In der  Sendung Musik für einen Gast auf SRF 2 Kultur  bezweifelte der Basler Bischof Felix Gmür am 18.12. 2016 eine christliche Identität der Schweiz. Diese immer wieder vorgetragene Behauptung müsse zu allererst bewiesen werden, und: “So viel an christlicher Identität sehe ich aber nicht!” – Bischof Gmür geht allerdings von einer kulturellen Einflussnahme durch das Christentum aus. Ein Grossteil des  gelebten Glaubens müsse vermutlich im gesellschaftlichen Kontext als kulturell bedingt verstanden werden. (weiterlesen…)