Archiv für die Kategorie „Mythen“

Kommentar: «Das können Sie besser, Herr Schneider!»

Mittwoch, 19. Juli 2017

In seiner «Leser fragen»-Kolumne gibt der Psychoanalytiker Peter Schneider Antworten auf alles. Diese Woche hat er sich an der Frage «Brauchen wir Religionen?» versucht. FVS-Vorstandsmitglied Claude Fankhauser ist mit Schneiders Antworten überhaupt nicht einverstanden. Hier seine Replik.

 

Lieber Peter Schneider

Wahrscheinlich meinen Sie es gut mit Ihren Antworten auf die Fragen des Herrn S.; dennoch muss ich Ihnen in allem widersprechen, was Sie da an einem wohl nicht gerade höchstperformativen Tag geschrieben haben.

  • Erstens: Ich muss wohl nicht betonen, dass es nicht nur unredlich, sondern geradezu geschmacklos ist, sich gegenseitig die Leichenberge vorzurechnen, die der Glaube an unsichtbare Superhelden beziehungsweise die Absenz desselben möglicherweise verursacht hat. Denn am Ende sind es ja nicht Ideologien, die Morde begehen, sondern Menschen, die im Namen dieser Ideologien handeln. (Nebenbei: Kennen Sie Menschen, die «gegen Gottes Willen» Mordanschläge auf Ärzte verüben oder die «nicht im Namen Allahs, den es gar nicht gibt», in Hochhäuser fliegen? Ich nicht.) Es scheint mir aber angemessen, zumindest darauf hinzuweisen, dass Stalin an einem Priesterseminar studiert hat und dass Hitler nicht nur seinen Judenhass auch mit Hinweis auf seinen christlichen Glauben rechtfertigte (eine Tatsache, die übrigens bis heute noch keinen Papst dazu genötigt hätte, den braven Katholiken Hitler zu exkommunizieren), sondern auch bis zu seinem Tod davon überzeugt war, eine göttliche Mission zu erfüllen. Ausserdem müsste es schon eine sehr merkwürdige atheistische Diktatur gewesen sein, welche die Koppelschlösser der Gürtel ihrer Soldaten mit den Worten «Gott mit uns» verzieren liess.
  • Zweitens: Die strikte Unterscheidung zwischen «wir» und «die anderen» ist für die Etablierung einer religiösen Strömung fundamental wichtig. Ebenso wichtig ist es, dass ein einmal gefasstes Dogma nicht mehr hinterfragt wird, denn Kritik innerhalb einer religiösen Gemeinschaft führt unweigerlich zu einer Spaltung. Wir kennen dieses Phänomen nicht nur von der Reformation, sondern ebenso von all den modernen freikirchlichen Betgruppen, die zwar beachtliche Mitgliederzuflüsse haben, aber eben auch ähnlich hohe Abgangszahlen kennen. Wem die moralischen oder liturgischen Eckpfeiler seiner Gemeinschaft nicht mehr passen, der wechselt zu einer anderen oder gründet seine eigene. Und genau hier liegt ein zentraler Unterschied zwischen einem übernatürlichen und einem wissenschaftlichen Weltbild: Man wechselt als Zoologe nicht einfach zur «Einhorn-Zoologie», nur weil man merkt, dass in der «Mainstream-Zoologie» keine Einhörner vorkommen. Stattdessen würde ein (ganz normaler) Zoologe, der von der Existenz von Einhörnern überzeugt ist, seine Fakten auf den Tisch legen und seine Theorien zur Diskussion stellen. Wie Sie als Psychoanalytiker und Philosoph ja sicherlich wissen, ist ein «Faktum» aber immer abhängig vom Wissensstand (und oft auch persönlichem Hintergrund) der Debattierenden. Noch vor wenigen Jahren war es «Fakt», dass Atomkraftwerke sicher und Russpartikelfilter bei Dieselfahrzeugen umweltfreundlich sind. Und dass Frauen an den Herd und Homosexuelle in Therapie gehören, sind «Fakten», die ich sogar heute noch vereinzelt höre – meist übrigens von Menschen mit religiösem Hintergrund. In Ihrer Kolumne klagen Sie zu Recht Eugenik und den «wissenschaftlich geadelten Rassismus» als pseudowissenschaftliche Irrwege an. Dabei ignorieren Sie aber, dass die Leistung der Wissenschaft nicht darin liegt, falsche Meinungen irrtümlich zu richtigen zu erklären, sondern eben vor allem darin, dass diese falschen Meinungen nach Auftreten neuer Fakten revidiert und auf dem Müllhaufen der Wissenschaft entsorgt werden. Herr S. fragt Sie nun – meiner Meinung nach berechtigt – wo denn der Müllhaufen der religiösen Meinungen liegt und welche dieser Meinungen dort endlich ein für allemal deponiert werden können (ich würde als unverbindliche Empfehlung mal mit Frauenhass, Homohass, Kriegstreiberei, Schlägen als valabler Erziehungsmethode, unmenschlichen Strafen für läppische Vergehen, Tabuisierung der Sexualität, Patriarchismus und apokalyptischem Denken beginnen). Schade eigentlich, dass Sie durch blindwütiges Schwingen der Eugenik-Keule diese Frage nicht beantworten, sondern einfach nur abwürgen.
  • Drittens: Herr S. hat sich um mehr als 2000 Jahre geirrt und Sie wenden einen Viertel Ihrer Kolumne dafür auf, um ihm eine Geschichtslektion zu erteilen. Das kann man sicher so machen, aber sind tatsächlich diese 2000 Jahre entscheidend oder geht es nicht doch in erster Linie um diese Frage von Herrn S.: «Warum werden Bibel, Koran und Thora als ewige Wahrheiten angepriesen?» Der Versuch einer Beantwortung dieser Frage wäre für mich als Leser weit spannender gewesen als Ihr argumentatives Brunnenvergiften, und er hätte Sie vielleicht auch intellektuell etwas mehr gefordert.
  • Viertens: «Seid lieb zueinander» fände ich als generellen Leitsatz aller Religionen, die sich den Frieden auf ihre Fahnen geschrieben haben, gar nicht einmal so verkehrt. Was finden Sie denn so grundsätzlich falsch daran? Oder, anders gefragt: Was finden Sie an «du sollst keine anderen Götter neben mir haben» beziehungsweise an «es gibt keinen Gott ausser Allah» als Handlungsprämisse für den heutigen Menschen denn so wertvoll und nicht revidierungsbedürftig?
  • Fünftens: Herr S. fragt Sie explizit, ob seine – im Übrigen auch von mir als eher naiv angesehene – Idee einer aktualisierten Version der religiösen Schriften eine Utopie sei. In der Folge schreiben Sie von «seiner» Utopie. Herr Schneider, bei allem Respekt, das ist pure Polemik und Ihrer nicht würdig.
  • Sechstens: Dumme, schädliche Pseudowissenschaft kann irgendwann zu kluger, nützlicher Wissenschaft werden. Wir kennen das beispielsweise aus der Alchemie, die zur Chemie mutierte. Ein ähnlicher Prozess ist mir bei dummen, schädlichen Religionen leider nicht bekannt.

Lieber Peter Schneider, Ihr Text erinnert mich an die Apologeten jeder beliebigen Religion, die mir erklären wollen, dass mich ihr Gott fürs Masturbieren ins ewige Fegefeuer werfen wird, der mich aber trotzdem und gerade deshalb ganz, ganz doll lieb hat.

Das ist unter Ihrem Niveau. Das können Sie besser.

 

Mit freundlichen Grüssen,

Claude Fankhauser

Mitteldeutscher Rundfunk: “Diese “Verlutherung” im Jahre 2017 ist doch ziemlich daneben!”

Sonntag, 8. Januar 2017

 

Luther ist nicht die Lichtgestalt der Reformation, für die ihn die evangelische Kirche gerne vereinnahmen will. Dass Martin Luther nicht nur ein Antisemit war, sondern auch die Bauern verriet, Behinderte und Minderheiten verachtete, ist inzwischen weitestgehend aufgearbeitet. Luther ist vor allem eine ambivalente, eine widersprüchliche Figur der Zeitgeschichte. Und genau so sollte eine aufgeklärte Gesellschaft mit ihm auch umgehen.

Und sicher ist es nicht falsch, Luther zu gedenken. Denn wo Schatten, da auch Licht. Luther hat viel Kulturelles geleistet, vor allem für die deutsche Sprache. Dafür dürfen wir ihm auch dankbar sein. Luther jedoch in diesem Maße zu verklären, wie wir es dieses Jahr erleben werden, ist falsch.

Nicht nur die evangelische Kirche hat ein enormes Interesse mitzuwirken an einer gigantischen Missionierungs- und Marketingmaschinerie. Vom Luther-Quietscheentchen, Luther-Schneekugel, Luther-Kaffee, Luther-Skat bis hin zur Luther-Playmobil-Figur wird alles vermarktet, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Das ist kein Zufall, es ist Strategie. Kritiker nennen es “Event-Christentum”.

Zur Einordnung: Auch 2016 hätten wir große Jubiläen feiern können. Beispielsweise die Erfindung der Allgemeinen Relativitätstheorie vor 100 Jahren durch Albert Einstein. Und besonders stolz sollte der Sachse doch auf seinen gebürtigen Leipziger und Universalgenie Gottfried-Wilhelm Leibniz sein, der vor 300 Jahren starb. Er füllt mit seinen Ideen, Erfindungen – ja sogar seiner Auseinandersetzung mit Gott! – ganze Bibliotheken. Doch zum Feiern taugt auch Leibniz offenbar kaum.

Ich habe Luther nie kennengelernt. Keiner weiß, was diesen Mann wirklich innerlich antrieb, was für ein Mensch er war. Doch vielleicht hätte gerade er Sympathien für jemanden, der sich querstellt nach dem Motto: Nun stehe ich hier und kann nicht anders.

>>Zum Artikel auf mdr.de

Weihnachten – Fest des römischen Sonnengottes

Dienstag, 27. Dezember 2016

Artikel auf infosperber.ch vom 24.12.2016:

“Alles begann mit einem Krieg in Syrien: Die Initialzündung für das heutige Weihnachtsfest war eine Schlacht im palmyrenischen Reich, dessen Hauptstadt Palmyra (arabisch Tadmur) im heutigen Syrien liegt. Der römische Kaiser Aurelian besiegte dort im Jahr 272 die palmyrenischen Truppen und nahm deren Führerin Zenobia gefangen. Zum Dank für diesen Sieg erklärte Aurelian den 25. Dezember – den Geburtstag des unbesiegbaren Sonnengottes Sol invictus – zum reichsweiten Feiertag. Dabei knüpfte Aurelian an die bestehende Sol-Verehrung des Mithraskultes an, der ursprünglich aus Persien und Ägypten stammte.”

Der Mithraskult dürfte uns Europäern vertraut vorkommen, tauchen hier doch dem Christenkult verblüffend ähnlichen Rituale und Konstellationen auf:

Mithras wurde vom Vatergott ausgesandt, das Böse in der Welt zu besiegen. Vor seinem Tod und seiner Auferstehung nahm er mit zwölf Anhängern ein letztes Abendmal ein. Als Sol invictus wurde Mithras mit Strahlenkranz und Heiligenschein dargestellt. Seine Anhänger glaubten an Himmel und Hölle, das letzte Gericht, die Dreifaltigkeit Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung. Der Mithraskult kannte die Sakramente der Taufe, Firmung und Kommunion sowie Messfeiern mit Hostien und Weihwasser. Das Oberhaupt hiess «Papa» und trug eine Mitra, die Vorläuferin der Bischofsmütze. Wegen dieser Ähnlichkeit traten das Christentum und der Mithraskult im römischen Reich in Konkurrenz. Wobei vorerst der Mithraskult dominierte.

Der per Vision erleuchtungs-christianisierte Kaiser Konstantin schliesslich entschied einen Wettkampf von Christentum und Mithraskult, der ein halbes Jahrhundert angedauert hatte, per Dekret:

Im Jahr 325 lud Kaiser Konstantin zum Konzil von Nicäa, wo der Geburtstag des römischen Sonnengottes Sol invictus in den Geburtstag von Christus umfunktioniert wurde. Weihnachten war aus dem Geburtstag des heidnischen Sonnengottes geboren, dessen Wurzeln noch viel weiter zurückreichten, nämlich in die Zeit der Perser und Ägypter. Bereits der Pharao Amenophis IV. huldigte 1400 Jahre vor unserer Zeitrechnung dem Sonnengott Aton. Aber auch die Kelten und viele andere Völker feierten den Tag der Sonnenwende.

 

>>Zum Artikel auf infosperber.ch

Mutter Teresa: Eine unheilige wird heilig gesprochen

Montag, 21. März 2016

Hugo Stamm auf Watson.ch vom 19.März 2016:

“Unabhängige Beobachter sind sich nämlich einig: Mutter Teresa war eine kaltherzige Frau ohne Charisma, der es primär um ihren Glauben und die katholische Kirche ging und erst in zweiter Linie um die Armen, denen sie angeblich ihr Leben widmete. Wie ist es deshalb zu erklären, dass Mutter Teresa die wichtigste Frau neben Maria in der katholischen Kirche werden konnte?” (weiterlesen…)

Fröhliches Eiertütschen*!

Donnerstag, 17. April 2014

Der Blick am Abend weist unter dem Titel «Ostern für Anfänger – was feiern wir eigentlich» die Leserschaft auf den christlichen Mythos hin. Das ist reine Propaganda. Fakt ist, dass die grosse Mehrheit der Menschen in der Schweiz mit den religiösen Bedeutungen nichts am Hut hat. Aber was feiern sie wirklich?
http://www.news.ch/Froehliches+Eiertuetschen/623271/detail.htm

“Die Sache mit der Standarderfahrung ist ein Mythos”

Freitag, 10. Mai 2013

Todesangst scheint auszureichen, um eine Nahtoderfahrung auszulösen, aber auch ein Zustand, bei dem keine Halluzinationen möglich sind, schliesst sie nicht aus. Eine Studie widerlegt aber insbesondere das Standardmodell von Kübler-Ross: http://www.spiegel.de/spiegelwissen/nach-einem-nahtoderlebnis-wollen-viele-menschen-ihr-leben-aendern-a-898592.html

Und täglich grüsst das Mittelalter

Samstag, 9. März 2013

Die Schweizer Medien berichten seit Wochen täglich aus dem Vatikan, obwohl es eigentlich nichts Neues zu sagen gibt. Die MedienkonsumentInnen beklagen sich kaum darüber – wahrscheinlich, weil Tagesschau, NZZ & Co. längst zu Nischenprodukten für Traditionalisten geworden sind: http://www.news.ch/Und+taeglich+gruesst+das+Mittelalter/578849/detail.htm

Mutter Teresa betete, statt zu helfen

Mittwoch, 6. März 2013

Eine kanadische Studie kratzt weiter am Mythos der “heiligen” Mutter Teresa. Spenden soll sie auf geheimen Konten gehortet haben – dafür verwehrte sie Bedürftigen Medikamente und finanzielle Hilfe: http://www.20min.ch/ausland/news/story/Mutter-Teresa-betete–statt-zu-helfen-19891834

Mehr zum Thema: http://www.frei-denken.ch/de/tag/mutter-teresa/

Heidnische Tradition des Königskuchens

Montag, 31. Dezember 2012

Nur weil man eine Geschichte immer und immer wieder erzählt, wird sie deswegen kein Stück wahrer. Bloss denken dann immer mehr Leute, dass es sich um die Wahrheit handle. Und genau um dieses Phänomen geht es bei der Tradition des Dreikönigskuchens. Keine Angst – den sündhaft leckeren Hefekuchen möchten wir Ihnen natürlich nicht madig machen. Nur den Glauben daran, dass diese Tradition ihren Ursprung in einer biblischen Geschichte hätte. Und zwar jener von den Weisen aus dem Morgenland, die einem hellen Stern bis zu jenem Haus folgten, wo sich der neugeborene Jesus befand. Wie im Matthäus-Evangelium nachzulesen ist, fielen sie dort vor dem Kinde nieder, beteten es an und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Doch wie bereits angedeutet, mit dieser Geschichte hat die Tradition des Dreikönigskuchens nur sehr am Rande etwas zu tun. Möglicherweise begann das Ganze stattdessen bei den alten Römern

http://www.coopzeitung.ch/6926222