Archiv für die Kategorie „Laizität“

St. Galler Lehrplan für neues Fach «Ethik, Religion, Gemeinschaft»

Montag, 20. März 2017

 

Artikel auf suedostschweiz.ch vom 17.03.2017:

Im Kanton St. Gallen bleiben das Fach Ethik, Religion, Gemeinschaft sowie der Religionsunterricht mit dem Lehrplan 21 in der Stundentafel der Volksschule. Die beiden Konfessionen haben zusammen mit Fachleuten einen Lehrplan entwickelt, der die verlangten Kompetenzen konkretisiert.

Alle 20 Jahre komme ein neue Lehrplan – und die kantonalen Besonderheiten gerieten unter Druck, sagte Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, an der Medienorientierung vom Donnerstag. Zu den Besonderheiten des Kantons St. Gallen gehört, dass das Fach Ethik, Religion, Gemeinschaft (ERG) als Wahlpflichtfach in die Stundentafel der Volksschule aufgenommen wird. Auch der freiwillige Religionsunterricht ist wie bisher in die Stundenpläne integriert.

Schüler müssen wählen

Die Schülerinnen und Schüler müssen sich künftig – ab der dritten Klasse – entscheiden, ob sie die eine Wochenlektion Ethik, Religion, Gemeinschaft in der Variante Schule oder Kirche absolvieren möchten. Je nach Wahl erhalten sie dann Unterricht von der Lehrkraft der Volksschule oder von einer kirchlichen Lehrperson.

>>Zum Artikel auf suedostschweiz.ch

Medienmitteilung: Freidenker begrüssen Urteile des EU-Gerichtshofs zum Kopftuch am Arbeitsplatz

Dienstag, 14. März 2017

Die Freidenker-Vereinigung begrüsst die Urteile und Begründungen des EuGH, wonach Arbeitgeber in bestimmten Fällen das Tragen von Kopftüchern und anderen religiösen Zeichen verbieten dürfen.

Die Schweiz ist nicht Mitglied der Europäischen Union und somit nicht direkt von diesen Urteilen betroffen. Bekleidungsfragen im Spannungsfeld von religiösen Einstellungen geben aber auch hierzulande immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen, welche bisweilen vor Gericht landen.

Es ist auch für die Schweiz gut vorstellbar, dass hiesige Firmen Regeln im Zusammenhang mit religiösen Insignien und Kleidern vorgeben. Dabei ist aber darauf zu achten, dass keine Ungleichbehandlung vorliegt. Eine Firma darf sehr wohl religiöse Neutralität von ihren Angestellten erwarten. Derlei Regelungen dürfen aber nicht spezifisch die Symbole einer einzelnen Religion untersagen.

Das Gericht hat richtigerweise klar gestellt, dass dies zulässig ist, und Religionsfreiheit somit nicht als Trumpfkarte verwendet werden kann, die andere Rechte aussticht. Die Freidenker begrüssen diese Haltung.

Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, hält fest: «Die Urteile wurden mit Sorgfalt gefällt und sind im Interesse der überwiegenden Mehrheit muslimischer Frauen, welche arbeiten möchten. Müssten Arbeitgeber, welche von ihren Angestellten weltanschaulich neutrale Kleidung erwarten, sich vor Klagen derjenigen fürchten, die dies nicht akzeptieren wollen, wären sie bei der Anstellung muslimisch wirkender Kandidatinnen womöglich übervorsichtig. Erst dies würde zu ungerechten Diskriminierungen führen.»

Trägerinnen von Kopftüchern und Personen, die religiöse Rituale am Arbeitsplatz ausüben wollen, sind auf dem Arbeitsmarkt mutmasslich schwerer vermittelbar. Es ist eine politische und gesellschaftliche Frage, wie diesbezüglich Sozialwerke und die Solidargemeinschaft reagieren sollen, wenn sich z.B. jemand auch dann weigert, auf Beten während der Arbeitszeit oder auf das Tragen von religiöser Kleidung zu verzichten, wenn ein Unternehmen dies ausdrücklich nicht wünscht. Für die Freidenker ist klar, dass derart selbstverschuldete Erwerbslosigkeit nicht grenzenlos durch die Sozialversicherungen getragen werden soll.

Die FVS hält an ihrer Grundposition fest, dass Religionsfreiheit gewährt werden soll. Es ist aber klar, dass sich die Ansprüche auf gelebte Religion immer wieder im Spannungsverhältnis mit anderen grundrechtlichen Gütern befindet und damit nicht uneingeschränkt gilt.

Vizepräsident Valentin Abgottspon bekräftigt: «Die Freidenker halten zudem an ihrer Forderung fest, dass Personen im öffentlichen Dienst – also als Repräsentanten des Staates, welcher sich konsequent religiös und weltanschaulich neutral verhalten muss – keine religiösen Insignien oder Kleidungsstücke tragen dürfen. Dies gilt beispielsweise für Richterinnen und Richter, Lehrerpersonen an der Volksschule und Polizeibeamte. Diese Forderung ist im Positionspapier «Kopfbedeckungen an der Volksschule» ausführlicher dargestellt.»

Mit freundlichen Grüssen
Für die Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS)
Andreas Kyriacou, Präsident (076 479 62 96) und
Valentin Abgottspon-Vizepräsident (078 671 08 03)

Freidenker-Vereinigung der Schweiz – die Stimme der Konfessionsfreien
säkular – humanistisch – rational

Freidenker bemängeln Baselbieter Handschlag-Vorlage

Samstag, 4. März 2017

 

Der Kanton Baselland schlägt nach der Händedruck-Debatte, die monatelang für Schlagzeilen sorgte, Anpassungen in der Kantonsverfassung und im Bildungsgesetz vor. Die Freidenkenden Nordwestschweiz haben sich am Vernehmlassungsverfahren beteiligt. Sie sind mit den vorgeschlagenen Änderungen nur teilweise zufrieden. 

Die Freidenkenden Nordwestschweiz begrüssen eine Verdeutlichung des wichtigen laizistischen Grundsatzes „Staatliches Recht vor religiösen Pflichten“ in der Verfassung und halten ihn für das Funktionieren einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft sogar als unumgänglich.

Gar nicht zufrieden sind die Freidenkenden aber mit den ihrer Meinung nach juristisch unhaltbaren Formulierungen wie „bürgerliche Pflichten“ oder „hiesige gesellschaftliche Werte und Rituale“. Sie befürchten eine Verpflichtung der Konfessionslosen zur Teilnahme an christlichen Feiern und verlangen deshalb eine Präzisierung und Bezugnahme auf die „gesellschaftlichen Werte einer offenen, freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft“.

Im Weiteren soll die Melde-Pflicht nicht bei Lehrpersonen sondern beim Bildungsrat liegen. Vor allem verlangen die Freidenkenden aber bei Integrations-Verweigerung eine verpflichtende Hilfestellung durch die entsprechenden Behörden, was auch mit dem neuen Gesetzesentwurf zu wenig garantiert sei.
Schlussendlich lehnen die Freidenkenden die vorgeschlagene Beschränkung der Massnahmen auf Ausländer ab und verlangen eine Regelung „unabhängig vom Pass“.

Nachfolgend die Stellungnahme im Einzelnen:

Anmerkung:
→ Die vorgeschlagenen Änderungen an Verfassung und Bildungsgesetz sind rot markiert.
→ Kommentare der Freidenkenden Nordwestschweiz stehen eingerückt.

Kantonsverfassung

§ 20 Abs. 2 (neu)
2Weltanschauliche Auffassungen und religiöse Vorschriften entbinden nicht von der Erfüllung bürgerlicher Pflichten.

Grundsätzlich begrüssen die Freidenkenden Nordwestschweiz die Verdeutlichung des wichtigen laizistischen Grundsatzes „Staatliches Recht vor religiösen Pflichten“ und stimmen einer entsprechenden Ergänzung der Verfassung zu. Wir erachten einen solchen Grundsatz als Grundlage des Funktionierens einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft sogar als unumgänglich. Wir werden uns für eine solche Verfassung-Änderung engagieren.
Nicht anfreunden können wir uns jedoch mit dem Begriff „bürgerliche Pflichten“ und finden diesen juristisch bedenklich. Dieser Begriff wird vielleicht parteipolitisch verwendet, kommt aber weder in der Verfassung noch im Bildungsgesetz vor. Wir befürchten, dass diese Formulierung zu weiterer Verunsicherung beiträgt.
Die Freidenkenden Nordwestschweiz verlangen eine Umformulierung von „bürgerlicher Pflichten“ in „öffentliche(r) Pflichten und Regeln“. Im Gegensatz zu dem Begriff „bürgerlich“, sind „öffentlich“, „Pflichten“ und „Regeln“ Begriffe der Verfassung und der Gesetze.

Bildungsgesetz
§ 5 Massnahmen zur Integration
1Die Schulleitung ist verpflichtet, wesentliche Probleme im Zusammenhang mit der Integration ausländischer Schülerinnen und Schüler der kantonalen Ausländerbehörde zu melden.

Diesen neuen Gesetzes-Abschnitt lehnen wir doppelt ab:
a die Melde-Pflicht der Schulleitung
b die Beschränkung auf ausländische Schülerinnen und Schüler

Wir schlagen einen anderen Gesetzestext und -abschnitt vor:

„Der Schulrat ist verpflichtet, wesentliche Probleme im Zusammenhang mit der allgemeinen Integration der entsprechenden Stelle des Departementes, resp. für ausländische Schülerinnen und Schüler zusätzlich der kantonalen Ausländerbehörde zu melden. Auch können sich Lehrpersonen an diese Stellen wenden. Diese Stellen unterstützen die Lehrpersonen entsprechend.
Begründung:
1. Die Schulleitungen können als Lehrpersonen auch direkt mit mangelnder Integrationsbereitschaft konfrontiert sein. Es ist deshalb sinnvoll, dass nicht sie, sondern die übergeordnete Stelle, der Schulrat, meldepflichtig ist.
2. Lehrpersonen dürfen weder zu Polizisten gemacht noch sich alleine überlassen werden und müssen bei Problemen auf eine behördliche Unterstützung zählen können. Eine verantwortliche Stelle der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion soll der betroffenen Lehrer-schaft entsprechende Unterstützung gewähren.
3. Nichtintegration aufgrund weltanschaulicher Vorlieben ist nicht abhängig vom Pass. Bei wesentlichen Problemen mit einer Schülerin oder einem Schüler, der Verweigerung von Pflichten und Regeln durch diese, muss der Lehrkörper auch bei Kindern und Jugendlichen mit Schweizerpass agieren können. Ohne diese Änderung sind wir schon morgen mit einem Fall konfrontiert, der mit den vorgeschlagenen Instrumenten nicht angegangen werden kann. Die Freidenkenden plädieren deshalb für eine Lösung, die für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem Pass gilt.

§ 64 Pflichten

b tragen mit ihrem Verhalten zum Erfolg des Unterrichts sowie der Klassen- und Schulgemeinschaft bei und achten dabei die hiesigen gesellschaftlichen Werte

Wir unterstützen die in den Erläuterungen geforderte Achtung der Grundwerte, Sitten und Gebräuche einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft.

Abgelehnt wird aber der Begriff „hiesige gesellschaftliche Werte“. Solche Werte gibt es nicht
und sind damit juristisch nicht praktikabel. Werte einer offenen freiheitlichen Gesellschaft sind auch nicht „hiesig“, sondern universell gültig.

Wir schlagen deshalb anstelle „hiesige gesellschaftliche Werte“ folgendes vor: „ … und ach-ten dabei die gesellschaftlichen Werte einer offenen, freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft“.

Nur durch eine Präzisierung der Werte gibt es eine Handlungsrichtlinie für einen Sozialisie-rung- und Integrationsauftrag der Schule wie es der Gesetzesentwurf vorsieht.

§ 64 Pflichten
dhalten die Weisungen der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schulbehörden ein, nehmen an hiesig gängigen Ritualen wie namentlich dem Handschlag, sofern er eingefordert wird, teil und tragen zu Material und Einrichtung Sorge.

Auch hier ist die Erläuterung besser als der Gesetzestext. Der Begriff „nehmen an hiesigen gängigen Ritualen teil“ ist unklar. Sowohl „teilnehmen“ wie auch „Rituale“ sind in diesem Zusammenhang unbrauchbare Begriffe
Vor allem lässt die Formulierung offen, ob sie auch religiöse Rituale von hiesigen Mehrheits-religionen einschliesst. Obwohl die Erläuterungen dies ausschliessen, was wichtig und richtig ist, befürchten die Freidenkenden jedoch, dass mit einem solchen Bezug auf „hiesig gän-gigen Rituale“ auch die Teilnahme der Konfessionslosen an christlichen Feiern er-zwungen werden kann. Immerhin wird im Bildungs-Gesetzes das Bildungswesen „der christlichen Tradition verpflichtet“ und der Handschlag mit „wie“ nur als eines der gängigen Rituale aufgeführt.
Wir schlagen deshalb statt „ … nehmen an hiesig gängigen Ritualen wie namentlich dem Handschlag, sofern er eingefordert wird, teil …” folgende Formulierung vor: „ … respektieren die hier allgemein anerkannten Begrüssungsformen und …“

§ 69 Pflichten (der Erziehungsberechtigten)
dhalten ihre Kinder an, die Regeln und Weisungen der Schule unter Berücksichtigung der hiesigen gesellschaftlichen Werte und Rituale einzuhalten und den Unterricht lückenlos zu besuchen.

Entsprechend unseren Erläuterungen oben ist auch diese Formulierung ungenügend.

Wir schlagen folgenden Text vor: „… unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Werte einer offenen, freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft einzuhalten und …“

Türkei – Charles Darwin fliegt aus türkischen Lehrplänen

Montag, 30. Januar 2017
Professoren und Studenten der Technischen Universität Ankara protestierten im Jahr 2009 gegen die Verbannung der Evolutionstheorie aus Artikeln und der Titelseite eines wissenschaftlichen Journals des türkischen Foorschungsrates anlässlich Darwins 200. Geburtstag. Auf der Tribüne des Universitätsstadions, auf dem das Wort “Devrim” (Revolution) steht, versammelten sie sich auf dem Anfangsbuchstaben, wodurch nur noch “Evrim” (Evolution) zu lesen war.

Türkischer Regierungssprecher nennt Evolutionstheorie “verfault” -

Artikel auf derstandard.at vom 24. und 29. Januar 2017:

“Säkularismus”, “Wiedergeburt” und “Atheismus” sollen in Religionsbüchern als “problematische Überzeugungen” und als “Krankheiten” eingestuft werden.

Die Evolutionstheorie von Charles Darwin muss aus den gymnasialen Lehrplänen gestrichen werden.

Der Gründer der laizistischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, soll immer mehr aus den Unterrichtsinhalten verschwinden.

Diese Neuerungen in den türkischen Lehrplänen kündigte nun Bildungsminister Ismet Yilmaz an. Zwar handelt es sich noch um Vorschläge, doch geht es nach dem Willen des Bildungsministeriums, soll das Maßnahmenpaket bereits ab Februar in Kraft treten.

 

>>Charles Darwin fliegt aus türkischen Lehrplänen – derstandard.at vom 24.01.2017

>>Türkischer Regierungssprecher nennt Evolutionstheorie “verfault” – derstandard.at vom 29.01.2017 

Podiumsdiskussion am 06.02.2017 in Zürich: “Wieviel Religion erträgt die Schule”? – Mit Freidenker Vereinigung – Präsident Andreas Kyriacou

Freitag, 13. Januar 2017

Bis vor wenigen Jahren war der Unterricht der ‘Biblischen Geschichte’ an Schweizer Schulen üblich. Heute wird Religionskunde übergreifend als ‘Religion und Kultur’ vermittelt. Gehört das Wissen über Religionen zum schulischen Pflichtstoff und wenn ja, welchen Mehrwert bietet das? Und wie steht es um Unterricht vonseiten Religionsgemeinschaften, der durch eigenes Personal an Schulen durchgeführt werden kann? Oder darf das Thema keinen Platz einnehmen in den staatlichen Schulen?

Unter der Leitung von SRF-Religionsredaktorin Judith Wipfler diskutieren Andreas Kessler, Dozent für Religionspädagogik an der Universität Bern, und Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung -frei-denken.ch- kontrovers, ob und welchen Religionsunterricht es heute braucht. Wie viel Religion verträgt die Schule? Oder birgt sie gar mehr Konflikte als Lösungen?

 

Veranstalter: Zürcher Institut für interreligiösen Dialog - ziid

Leitung Judith Wipfler

Podium Andreas Kessler, Andreas Kyriacou

Montag, 6. Februar 2017

Zeit 19.00 – 20.30 Uhr

Ort Kulturpark, Pfingstweidstrasse 16, Mehrzwecksaal

Kosten CHF 25.-

Anmeldeschluss 20. Januar >> Anmeldung hier<<

Der Anlass wird in Zusammenarbeit mit Kulturpark durchgeführt und ist Teil der Reihe «Religiöse Erziehung in einer offenen
Gesellschaft».

Aargauer Zeitung: Abt gegen Atheist – Ein Gespräch über Sex, Syrien und Weihnachten

Freitag, 30. Dezember 2016

aargauerzeitung.ch vom 24.12.2016:

Die «Nordwestschweiz» hat für ihre diesjährige Interview-Serie über die Festtage gegensätzliche Persönlichkeiten zusammengeführt. Heute im Gespräch: der gläubige Katholik Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln und der atheistische Schweizer Autor Martin Dean.

Sie haben eine gemeinsame Leidenschaft: Gärten. Für Sie, Herr Dean, sind Gärten Ideallandschaften in Abgrenzung zur wilden Natur. Und Sie, Abt Urban, entschieden sich für das Mönchsleben, weil Ihnen der Klostergarten so gut gefiel. Haben Sie Angst vor der «Wildnis» da draussen?

Abt Urban: Angst? Im Gegenteil, mich zieht diese Wildnis an. Ich lebe zwar in einem wunderbaren barocken Bau, aber ich würde es nicht aushalten, dauernd hier zu sein. Ich gehe oft am Morgen nach dem ersten Gebet raus in die Natur, um die Stille zu hören.

Martin Dean: Mich zieht es in die Gärten, weil ich gerne an schönen Orten bin. Ich finde Gärten spannender als die Natur, weil im Garten menschliches Planen, ästhetisches Empfinden und Natur zusammenkommen. Gärten erzählen viel über Gesellschaftsmodelle, über den Umgang mit den eigenen Gefühlen.

Ist das nicht fast Gotteslästerung, dass Herr Dean von Menschenhand gestaltete Gärten schöner findet als die Schöpfung der Natur?

Abt: Das sehe ich nicht so. Auch wir Mönche bearbeiten ja die Natur. Im Mittelpunkt jedes Klosters liegt ein Garten. Spannend ist, wie sich die Gärten über die Zeit verändern, weil die Ideen, die die Menschen mit ihnen ausdrücken wollen, sich verändern. Gärten zeigen, dass unser Schöpfer uns als Mitschöpfer erschaffen hat. Der Garten ist Ausdruck davon, was der schöpfende Mensch alles kann.

Dean: Mein Lieblingsgarten ist übrigens ein religiöser Garten: der Zen-Garten von Ryōan-ji in Japan.

Dann hat die Religion also auch für Sie als Ungläubigen Gutes hervorgebracht?

Dean: Absolut. Wenn ich mich hier im Kloster Einsiedeln umschaue oder die Bibel lese, dann steht für mich fest, dass die katholische Kirche der grösste Auftraggeber der abendländischen Kultur war. Ohne die Kirche gäbe es vieles, was wir heute als Kultur empfinden, nicht. Das ist für mich aber kein Beweis, dass es einen Gott gibt.

>>Zum Artikel auf aagauerzeitung.ch

Philosoph Michael Schmid Salomon: “Religionsfreiheit ist kein Freibrief” – Interview auf “derStandard.at”

Freitag, 30. Dezember 2016

Interview in derStandard.at vom 24.12.2016:

Anlässlich seines soeben erschienenen Buchs Die Grenzen der Toleranz nimmt der Philosoph Michael Schmid Salomon Stellung zur Frage, wie in der “offenen Gesellschaft” den zunehmend fundamentalistisch-religiösen Strömungen begegnet werden soll.

Der zunehmend bemühten “Rücksicht auf religiöse Gefühle” stellt er das unmissverständliche Geltend-Machen individueller Grundwerte durch den weltanschaulich neutralen Staat gegenüber.

Sein Konzept “Abschreckung durch Freiheit” soll auch in Zeiten starker Migrantenströme, in deren Sog auch ein die westlichen Grundwerte verneinender Scharia-Islamismus nach Europa drängt, dem Einzelnen klarmachen, dass Grundrechte, Gleichheit von Mann und Frau, Freiheit der sexuellen Identität und weitere Errungenschaft der modernen Gesellschaft unveräusserliche Grundlagen des Zusammenlebens sind.

>>Zum Artikel auf derstandard.at

Erster nicht-religiöser Friedhof in Schweden eröffnet

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Die meisten Schweden sind zwar noch Mitglied der lutherischen Kirche, doch Religion betrachten viele als Privatangelegenheit. Im Bild: die Jakobskirche in Stockholm. (Bild: Laif)

NZZ, 28.12.2016:

“Der freie Wille wird nicht beerdigt”

In keinem Land gibt es so viele Atheisten wie in Schweden. In Borlänge wird nun der erste nicht religiöse Friedhof eröffnet.

Auf dem Grabstein wird sein Name stehen: Rashid Abdul Majid. Weder ein Halbmond noch ein Kreuz soll davon ablenken. Majid, ein 87-jähriger Syrer, lebt seit über sechzehn Jahren in Schweden. Wenn er gestorben ist, will er hier beerdigt werden, auf dem weltweit ersten Friedhof ohne religiöse Symbole in Borlänge. Als Atheist bezeichnet sich Majid nicht, er wolle lediglich «kein Sklave der Religion» sein.

Damit ist er nicht alleine. Gemäss einer Umfrage des Gallup-Instituts von 2015 bezeichnen sich 78 Prozent der Schweden als nicht religiös oder atheistisch. Mit diesem Wert steht das Land an der Spitze aller westlichen Staaten. Entsprechend naheliegend war es aus Sicht von Josef Erdem, den Schweden eine nicht religiöse Beerdigung und letzte Ruhestätte zu bieten. Grabsteine werden künftig, je nach Wunsch der Verstorbenen, auch diesen Friedhof zieren. Aber religiöse Symbole oder Texte seien darauf unerwünscht. Bereits mehr als zehn Familien aus Borlänge − Christen und Muslime − hätten Interesse angemeldet, ihre Verwandten dort zu begraben. Noch ist der Friedhof leer, denn Erdem wartet noch − so makaber es klingt − auf den Tod seiner ersten Interessenten.

Erdem flüchtete 1980 aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Schweden. Seine Mutter war gläubige Muslimin, andere Verwandte seien christliche Armenier. Auf die Idee eines solchen Friedhofs kam er auch, weil er selber miterlebte, wie Religion Gesellschaften spalten könne. Heute arbeitet er in Borlänge als Lehrer. Am Friedhofprojekt verdient er nichts, doch ihm sei wichtig: «Jeder soll frei entscheiden dürfen, ob er beerdigt werden möchte, und wenn ja, ob dies in einer religiösen Zeremonie geschehen soll.»

Entscheidungsfreiheit und Individualismus sind Werte, die auch die meisten Schweden schätzen. Viele lebten alleine, Familienbande seien eher schwach und die Scheidungsraten hoch, sagt David Thurfjell, Professor für Religionsstudien an der Södertörn-Universität in Stockholm und Autor des Buches «The Godless People». Dafür sind die Schweden weltweit die meisttätowierten Menschen. Diese Selbstbestimmung über sich und den eignen Körper sei ein wichtiger Grund, weshalb die Schweden religiöse Symbole ablehnten, nicht nur bei Beerdigungen, sagt Thurfjell. Die Garantie individueller Freiheit erwarten hier viele auch vom Staat. Bis 2000 war die lutherische Schwedische Kirche noch Teil dessen, seit sechzehn Jahren sind Staat und Kirche getrennt. Noch immer gehören rund 6,3 Millionen Schweden der «Svenska Kyrkan», der Schwedischen Kirche, an. Bei einer Einwohnerzahl von 10 Millionen ist dies eine klare Mehrheit. Doch die wenigsten, nur gut 5 Prozent der Kirchenmitglieder, besuchen auch tatsächlich Messen, wie die Umfrage des Gallup-Instituts belegt.

>>Zum Artikel auf nzz.ch

Erzkatholische Indoktrination: Schulen der Piusbrüder im Licht des Bundesgerichts

Montag, 19. Dezember 2016

Artikel auf infosperber.ch: Kurt Marti / 18. Dez 2016:

Das Bundesgericht hat sich vor zwei Monaten gegen die Eröffnung des ersten islamischen Kindergartens in Volketswil (ZH) ausgesprochen, weil die Bildungsziele der Volksschule nicht erfüllt waren. Mit diesem wegweisenden Urteil stützte das Bundesgericht die Entscheide des Zürcher Verwaltungsgerichts, des kantonalen Volksschulamts und des Regierungsrats.

Laut Bundesgericht dürfen Privatschulen zwar «Schwerpunkte setzen, insbesondere inhaltlicher, pädagogischer, weltanschaulicher, religiöser oder konfessioneller Art». Aber sie müssen Gewähr bieten, «dass die Schülerinnen und Schüler keinen pädagogischen oder weltanschaulichen Einflüssen ausgesetzt werden, die den Zielen der Volksschule in grundlegender Weise zuwiderlaufen».

Konkret bemängelte das Bundesgericht

das religiöse «Wissen» als Basis von allem Wissen, insbesondere die fehlende Trennung von religiösen und weltlichen Unterrichtsinhalten;

-die fehlende individuelle konfessionelle Wahlfreiheit;

-den Zwang zur Übernahme religiöser Normen, insbesondere die Tendenz zur Abschliessung gegenüber der offenen Gesellschaft;

-das fehlende Bekenntnis zu den humanistischen und demokratischen Werten.

Laut Bundesgericht besteht seitens der Öffentlichkeit und des Gemeinwesens grundsätzlich «ein erhebliches Interesse, dass die Kinder in der Grundschule auf die Integration in eine pluralistische Gesellschaft vorbereitet werden». Eine «zu starke Gewichtung religiöser Schwerpunkte im Unterricht» könne dem entgegenstehen.

Die zuständigen Zürcher Behörden versprachen gegenüber der Justiz, dass nun auch die anderen religiösen Privatschulen einer Überprüfung unterzogen werden. Es ist auch höchste Zeit, hier im Sinne einer pluralistischen und offenen Gesellschaft Ordnung zu schaffen. Nicht nur im Kanton Zürich. Beispielsweise auch in jenen Kantonen, in denen die erzkatholische Piusbruderschaft Kindergärten, Primar- und Sekundarschulen mit dem Segen des Staats betreibt. Das heisst in den Kantonen St. Gallen (Wangs, Oberriet, Wil), Wallis (Riddes), Luzern (Luzern), Waadt (Villars-Tiercelin) und Genf (Onex). Die Erziehungsprinzipien der Piusbruderschaft werden im Folgenden an den oben genannten Kriterien des Bundesgerichts gemessen:

>>Artikel auf infosperber.ch weiterlesen

Livestream: Michael Schmidt-Salomon bei “Sternstunde” – Ist die Schweiz ein säkularer Staat?

Montag, 19. Dezember 2016

Der deutsche Philosoph und Autor Michael Schmidt-Salomon stellte bei seiner – von der Freidenkervereinigung der Schweiz initiierten – Lesetour sein aktuelles Buch “Grenzen der Toleranz” in 6 Schweizer Städten vor  Für den SRF wurde eine ausführliches Interview mit MSS für die Sendung “Sternstunden” aufgezeichnet und steht als Lifestream zur Verfügung:

Die Schweiz ist ein christliches Land, behaupten die einen. Die Schweiz ist ein säkularer Staat, sagen die anderen. Um die christlichen Wurzeln der helvetischen Kultur ist ein Streit entbrannt. Der scharfe Freidenker Michael Schmidt-Salomon schlägt eine Schneise durch das Dickicht der Wertedebatte.

Kreuze, Kruzifixe, Minarette oder Burka: Um religiöse Symbole wird in der Schweiz seit Jahren gestritten. Nun mündet die Auseinandersetzung in eine eigentliche Wertedebatte. Ist die Schweiz noch ein christliches Land? Wie ist der hohe Anteil der Konfessionslosen zu bewerten? Sind Freiheit, Gleichheit und Solidarität christliche Werte oder Errungenschaften der Aufklärung? Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon ist in Deutschland der Inbegriff eines Freidenkers. In «Sternstunde Religion» erläutert er seine Vorstellung von Toleranz und einer offenen Gesellschaft und warnt vor religiöser Vereinnahmung.

“Sternstunde” mit Michael Schmidt -Salomon - Livestream ansehen