Archiv für die Kategorie „Laizität“

Feiertage: modernisieren oder durch mehr Ferientage ersetzen

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Der Artikel in der Aargauer Zeitung vom 3. Oktober zum Umgang mit Feiertagen stiess auf grosse Resonanz. Der Blick doppelte noch am selben Tag nach und heute Mittwoch folgt nun ein Artikel auf 20 Minuten, der im Anriss auf der Front «Freidenker wollen die Feiertage abschaffen» die von Andreas Kyriacou geäusserte Position verkürzt wiedergibt.

Andreas Kyriacou wurde im Frühjahr 2017 von der ökumenisch-interreligiös ausgerichteten Zeitschrift aufbruch angefragt, einen Text zum Umgang mit den religiösen Feiertagen zu verfassen. Er erschien in der Juni-Ausgabe:

Die religiösen Feiertage sind längst säkularisiert, tragen wir dem auch gesetzlich Rechnung!

Sie sind beliebt, die Feiertage, die an Ereignisse der christlichen Religionslehre erinnern sollen. Die Beliebtheit hat heute allerdings vornehmlich mit dem Freiraum zu tun, die sie uns bieten – wir können privaten Interessen nachgehen oder uns mit Freunden oder Familienangehörigen treffen. Das Bedürfnis, die Tage mit religiösen Inhalten zu füllen, ist hingegen am Schwinden. Gemäss Erhebungen des Bundesamtes für Statistik nehmen 60 Prozent der Katholiken und über 70 Prozent der Reformierten höchstens fünfmal im Jahr an einem Gottesdienst teil, über ein Fünftel der Kirchenmitglieder verzichtet sogar ganz auf deren Besuch. Dies und die stetig steigende Zahl der Konfessionslosen sollte Auswirkungen auf den gesetzlichen Umgang mit diesen Tagen haben.

Etliche Kantone geben einigen religiösen Feiertagen einen besonderen Stellenwert und verbieten dann nichtreligiöse Anlässe, im Kanton Zürich gehören dazu auch Sportveranstaltungen im Freien. Derlei anachronistische Verhaltensverbote gehören abgeschafft. Feiertage wie Auffahrt, Pfingsten oder der Bettag, bei denen die meisten die religiöse Bedeutung kaum mehr kennen, geschweige denn ihre Tagesplanung danach ausrichten, sollten in Gesetzestexten überhaupt nicht mehr als spezifisch religiöse Feiertage gelten. Will man die Zahl der Feiertage, die Arbeitstätigen zustehen, erhalten, wäre ein Ansatz im Stil der Englischen Bank Holidays eine gute Möglichkeit. Ostern und Weihnachten sollen ruhig offizielle Feiertage bleiben, wer sie wie nutzen will, soll einfach jeder frei entscheiden dürfen.

Die Möglichkeit, Feiertage künftig wie Englische Bank Holidays zu behandeln, besprach Andreas Kyriacou auch mit Sacha Ercolani von der Aargauer Zeitung, der den Vorschlag in seinen Artikel aufnahm:

Dies würde bedeuten, dass einige vereinbarte Tage im Jahr als arbeitsfrei gelten. Laut Kyriacou könnten es Tage sein, die auf religiöse Feiern zurückgehen, aber ebenso weltliche Feiertage wie der 1. Mai oder der 1. August. Fallen sie auf ein Wochenende, gelte der Montag darauf als arbeitsfrei. «Sie wären arbeitsrechtlich wie andere Sonntage zu behandeln. Personen, die an diesem Tag arbeiten müssen, können den Tag also kompensieren», so Kyriacou. «Tanz- oder andere Verbote sollte es an solchen Tagen selbstredend nicht geben.»

Es geht also um zwei Varianten: entweder Feiertage wie den Pfingstmontag belassen bzw. in einen «Bank Holiday» umwandeln oder sie als verordnete Freitage aufgeben und stattdessen die Zahl der Ferientage entsprechend erhöhen.

Was aber relevanter ist: die Verhaltensverbote an den so genannt «hohen Feiertagen» müssen weg: selbstredend soll jeder den Pfingstsonntag oder den Bettag zum Kirchenbesuch oder zur Suche nach innerer Ruhe nutzen können. Es gibt aber keinen Grund, anderen zu verbieten, an diesen Tagen zu tanzen oder Fussball zu spielen.

Burkaverbot: Initiative kommt zustande

Montag, 18. September 2017

Soll die Burka in der Schweiz verboten werden? Das Volk wird das letzte Wort in dieser Frage haben. | MARIO VEDDER (AP dapd)

Luzerner Zeitung, 13. September 2017

BERN ⋅ Die Volksinitiative für ein Verhüllungsverbot kommt zustande. Zwei Tage vor Ablauf der Sammelfrist hat das Egerkinger Komitee die nötigen 100000 Unterschriften beisammen.

Das Komitee um den Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann hat auf den letzten Drücker die nötigen 100’000 beglaubigten Unterschriften erreicht, wie Recherchen unserer Zeitung zeigen. Am nächsten Freitag werden das Komitee die Unterschriften der Bundeskanzlei übergeben. Damit wird das Schweizer Volk über ein Burkaverbot abstimmen können.

Walter Wobmann bestätigte auf Anfrage, dass die Initiative zustande gekommen sei. Er spricht von einem «massiven Schlussspurt» bei der Unterschriftensammlung, der richtig gut verlaufen sei.

Einen grossen Anteil am Zustandekommen der Initiative hat Erwin Lötscher. Der 76-jährige Pensionär aus Willisau im Kanton Luzern steuerte im Alleingang 9700 Unterschriften bei.

Ein Verhüllungsverbot gilt bereits im Kanton Tessin. Das gleiche gilt für Frankreich, Belgien, Holland und Bulgarien. Und ab Oktober werden vollverschleierte Frauen auch in Österreich gebüsst.

Weitere Berichte zum Thema:

“Knapp vor Fristende: Burkaverbot-Initiative kommt zustande” – Tagesanzeiger vom 13.09.2017

Aargauer Zeitung (Videobericht)

“Unglaublich ist die Zahl falscher Unterschriften” – 20 Minuten vom 09.08.2017

“Zwängerei gegen den Vollschleier” – Tagesanzeiger vom 14.09.2017

Freidenker kritisieren Revision des Landeskirchengesetzes

Freitag, 8. September 2017

Humanistischer Pressedienst (hpd) vom 6.9.2017:

Im Schweizer Kanton Bern läuft derzeit die Revision des Landeskirchengesetzes. Heute beginnt hierzu die erste Lesung im Großen Rat. Die Freidenkenden der Region Bernäußern hinsichtlich der Revision schwere Bedenken.

“Über 30% der Berner Bevölkerung gehören heute keiner Landeskirche an und 18% haben explizit keine Religionszugehörigkeit (Statistiken BFS 2000 und 2015). Dennoch sollen diese Bürger die Kirchen weiterhin über die ordentlichen Steuern mitfinanzieren”, heißt es in einer Pressemitteilung der Freidenker.

Die Freidenkenden der Region Bern verweisen auf eine aktuelle Studie von gfs.bern zur “Nutzung und Finanzierung sozialer Dienstleistungen der Landeskirchen im Kanton Bern”, laut der von den Berner Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern 62% die strikte Trennung von Staat und Kirche befürworteten und 54% der Meinung seien, die sozialen Angebote der Kirche sollten ausschliesslich über die Kirchensteuern finanziert werden.

“Diese Fakten werden vom Regierungsrat und der Kommission ignoriert. Die Kirchen bleiben gegenüber anderen Organisationen und Vereinen deutlich bevorteilt” bemängeln die Freidenker und führen einige Vorteile der Kirchen aus: Politisches Mitspracherecht auf kantonaler Ebene sowie Zugang zu persönlichen und auch besonders schützenswerten Daten der Einwohnerregister und Schulklassenlisten bis zur Ausbildung ihrer Berufspersonen.

Bereits in einer früheren Stellungnahme hatten die Berner Freidenker die fortgesetzte Privilegierung der Landeskirchen kritisiert. Sie fordern, dass die Landeskirchen ihre Angebote grundsätzlich aus eigenen Mitteln finanzieren. Jorgo Ananiadis, Co-Präsident der Berner Freidenker dazu: “Wo der Staat das Erbringen sozialer Leistungen delegiert (bspw. für Kultur-, Bildungs- und Freizeitangebote), soll er dies ausschreiben. Die Landeskirchen sollen sich nun endlich dem freien Wettbewerb stellen. Wir fordern die klare Trennung von Staat und Kirche.”

«Ehe für alle»: Sollen sich Kirche und Staat voneinander lösen?

Freitag, 21. Juli 2017

Artikel auf kath.ch von Remo Wiegand,13.7.17

Die CVP-Frauen wollen den Streit um die «Ehe für alle» mit einem Kompromissvorschlag schlichten: Der Staat öffnet seine zivile Lebensgemeinschaft auch für Homosexuelle, das Label «Ehe» überlässt er ganz der Kirche. Vertreter der katholischen Kirche sehen den Handlungsbedarf allerdings anderswo.

Ja, wir wollen: Deutschland hat kurz vor den Sommerferien entschieden, die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. Der gesellschaftspolitische Paukenschlag belebt auch die Debatte in der Schweiz. Die Regenbogen-Presse machte sich für die Freiheit der Liebe stark und mahnte ultimativ, die so genannte «Ehe für alle» auch hierzulande einzuführen. Churs Bistumssprecher Giuseppe Gracia warnte über diverse Kanäle ebenso ultimativ vor dem Dammbruch-Szenario, wonach die Ehe wohl bald auch für mehr als zwei Partner geöffnet werde.

Kein Schnellschuss

Allen Ultimaten zum Trotz: Die Schweiz bewegt sich in Eheangelegenheiten langsamer als Deutschland: Am 16. Juni hat der Nationalrat entschieden, die Frist zur Behandlung einer «Ehe für alle»-Initiative der Grünliberalen Partei (GLP) zu verlängern. Im Sinne einer Gesamtschau wolle man zuerst «die möglichen Auswirkungen einer Ehe für alle (…) auf das Steuer- und Sozialversicherungsrecht, auf das Adoptionsrecht und auf die Fortpflanzungsmedizin» überprüfen, begründete der Aargauer GLP-Nationalrat Beat Flach.

Die Fristverlängerung gibt auch der katholischen Kirche und der christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) Gelegenheit, ihre Positionen zu finden. Die Schweizer Bischofskonferenz hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe eingesetzt, die nach den Sommerferien ausgiebig über die «Ehe für alle» beraten wird. Schon länger diskutiert die Partei mit dem «C» im Namen das heisse Eisen.

Während sich dort konservative und liberale Kräfte die Waage halten, ohne sich öffentlich in die Offensive zu wagen, sprangen die CVP-Frauen anfangs Jahr mit einem beachtlichen Kompromissvorschlag aus der Deckung. Ihr Vorschlag: Die Zivilehe solle in der Schweiz in eine «zivile Lebensgemeinschaft» umgewandelt werden, die möglichst offen zu gestalten wäre. Die Definition der Ehe würde man dafür künftig Kirchen und Religionsgemeinschaften überlassen.

Gegen Diskriminierung

Die CVP-Resolution will der Kirche die «Hoheit» über den Ehe-Begriff zurückzugeben, die sie seit Einführung der Zivilehe in der Schweiz (1876) mit dem Staat teilt. Die zivile Lebensgemeinschaft würde umgekehrt von historisch-religiösem Ballast befreit. «Die Zivilehe ist aus der christlichen Ehe entstanden, die ursprünglich für Mann und Frau reserviert war», resümiert Alberto Bondolfi, emeritierter Professor für Moraltheologie an der Universität Genf. Bis heute werden Homosexuelle von der Ehe ausgeschlossen. «Diese Ungleichbehandlung soll nicht weiter durch den Staat vorgenommen werden», bekräftigt Giovanna Lanza, eine der Initiantinnen der CVP-Frauen.

Zwar hat der Staat für homosexuelle Paare 2007 die eingetragene Partnerschaft geschaffen, die diese steuerlich und erbrechtlich gleichstellt. Eine Gleichbehandlung mit Ehepaaren bietet die eingetragene Partnerschaft aber nicht: Die Namen der homosexuellen Partner bleiben verschieden, ihre Güter getrennt, eine Niederlassungsfreiheit für Ausländer existiert nicht.

Diesen Diskriminierungen wollen die CVP-Frauen ein Ende setzen. Den heikelsten Punkt lässt man indes offen: «Beim Adoptionsrecht und beim Zugang zur Fortpflanzungsmedizin konnten wir keine Einigung erzielen», bedauert Lanza. Persönlich ist die unverheiratete Rechtsanwältin dafür, dass Homo- wie Heterosexuellen die gleichen Rechte zur Verfügung stehen, um eine eigene Familie zu gründen.

Ehe versus Kinderrechte

Apropos Familie: Kinder machen im Kern den Sinn stabiler Partnerschaften aus. «Der Staat regelt Beziehungen, damit Kinder besser geschützt sind», argumentiert auch Lanza klassisch. Doch Kinder kommen heute auch auf die Welt, ohne dass die Eltern rechtlich verbunden sind. Hier knüpft die Kritik von Alberto Bondolfi am CVP-Frauen-Vorschlag an: «Dringender als eine Eheregelung wäre, dass der Staat das Recht auf Fortpflanzung präzisiert und Kinder rechtlich schützt.»

Nicht mehr zwingend sei hingegen, Kindswohl und Kinderrechte mit der Ehe zu koppeln. Die Zivilehe verkümmere darum immer mehr zur symbolischen, staatlichen Anerkennung von Lebensformen. «Es ist verständlich, dass hier Homosexuelle als gleichwertig anerkannt werden wollen. Andrerseits gibt es auch Homosexuelle, die eher eine Anerkennung ihrer Andersartigkeit fordern», gibt Bondolfi zu bedenken. Das sei mit einer Rechtsinstitution, das sich traditionell an heterosexuelle Paare richtet, nicht gegeben.

Im Mittelalter war höfische Vielehe toleriert

Bondolfi, selber klassisch katholisch verheiratet, ist weit davon entfernt, die Ehe starr zu denken. «Die christliche Ehe hat sich immer entwickelt: Im Mittelalter hat die Kirche zum Beispiel die höfische Vielehe toleriert.» So sei auch die Vorstellung wandelbar, dass nur Mann und Frau eine Ehe konstituieren könnten.

«Heute versteht man die Polarität der Geschlechter zunehmend als Metapher», erklärt Bondolfi. Trotzdem will der Theologe von Vorgaben der Natur nicht gänzlich absehen – und rät dies auch dem Gesetzgeber. So würde er die natürliche Ungleichheit nicht gesetzlich ausgleichen, dass schwule Paare keine Kinder bekommen könnten, lesbische hingegen schon. «Es gibt kein absolutes Anspruchsrecht auf Kinder», argumentiert der Tessiner.

Tradition und Liberalität

Nicht nur ethisch-rechtlich, auch politisch hat Bondolfi seine Zweifel am Vorschlag der CVP-Frauen: «Ich befürchte, dass darin vor allem ein Versuch einer katholischen Partei gesehen wird, die traditionelle sakramentale Ehe zu retten.» Das lässt Giovanna Lanza nicht gelten: Die CVP sei schon lange keine katholische Partei mehr. «In der Diskussion haben auch reformierte Frauen argumentiert, dass die Ehe eine Verbindung von Mann und Frau bleiben solle.»

Der Kompromissvorschlag der CVP-Frauen bleibt ein Versuch, bei der Ehe Tradition und Liberalität zu versöhnen. Er soll auch in der Parlamentsdebatte zur GLP-Initiative eingebracht werden. Vor allem möchte man dann darauf hinwirken, dass der Staat nicht zwei ungleiche Partnerschaftsmodelle, sondern eine zivile Union für alle schafft. Ob das Kind dann noch Ehe heisst, bleibt offen.

Deutschland: 11. Gebot: Zahl den Kirchentag selbst -Interview mit Maximilian Steinhaus

Freitag, 21. Juli 2017

Interview auf mephisto976.de vom 20. Juli 2017:

Der Evangelische Kirchentag im Mai wurde mit drei Millionen Euro Steuergeldern unterstützt. Zu Unrecht – findet Maximilian Steinhaus von der Kunstaktion “11. Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen.”

Moderator Yannick Jürgens hat mit Maximilian Steinhaus von der Kunstaktion “11. Gebot” über den Zuschuss des evangelischen Kirchentags gesprochen.

Herr Steinhaus, der Kirchentag auf dem Weg in Leipzig und Torgau wurde mit 3,2 Millionen Euro aus Steuermitteln bezuschusst. Wie stehen Sie dazu: Sollten Kirchentage von den Ländern und den Kommunen finanziell unterstützt werden?

klar nein! Das lässt sich verfassungsrechtlich begründen: In unserem Grundgesetz steht drin, dass Kirche und Staat voneinander getrennt sind. Und diese Trennung muss doch gerade beim Geld bestehen. Ansonsten droht immer eine Verwicklung, deshalb muss man es klar voneinander trennen. Das geschieht momentan nicht und ist daher verfassungswidrig.

André Schollbach von den Linken kritisiert die Finanzierung des Kirchentags, weil das Geld an anderer Stelle besser gebraucht werden könnte, so z.B. an der Schaffung von Kita-Plätzen. Was sollte denn Ihrer Meinung nach mit dem Geld gemacht werden?

Kita-Plätze sind ein gutes Beispiel, das Herr Schollbach gegeben hat. Ich bin selbst jüngst Vater geworden und kann es daher nur unterstützen. Ich würde den Fokus gar nicht so sehr darauf legen, wo es sonst gebraucht werden könnte, weil es sonst nur zu einer typischen Neiddebatte führt. Aber was Unrecht ist, bleibt auch Unrecht. Egal ob man das Geld woanders besser verwenden könnte. Es ist einfach so, dass Kirche und Staat getrennt werden müssen. Unsere Gesellschaft wird immer pluraler. Es gibt immer mehr Religionen und Weltanschauungen in der Gesellschaft und die kann der Staat nicht alle gleichmäßig fördern. Faktisch fördert er eben auch nur die protestantische und die katholische Kirche. Deswegen müssen die Zahlungen eingestellt werden, egal wofür man das Geld sonst einsetzt.

Die CDU wiederum rechtfertigt die Ausgaben mit dem organisierten und friedlichen Ablauf des Kirchentages. Was halten Sie denn von dieser Rechtfertigung?

Ich war sehr empört, als ich das gehört habe. Das ist eine pure Frechheit, dann einfach von der CDU auf die Linke zu schießen. Damit macht man es sich sehr leicht, nutzt diese etwas linkenfeindliche Haltung nach dem G20-Gipfel aus und lenkt schön ab von dem eigentlichen Thema. Es geht nicht darum, ob die Veranstaltung Kirchentag gut oder interessant ist, ob sie friedlich abläuft oder nicht. Sondern es geht hier um Verfassungsgrundsätze, Trennung von Staat und Religion, weltanschauliche Neutralität. In dem der CDU-Vertreter hier so Position bezieht für den Kirchentag nimmt er eine Wertung vor, dass das alles gut sei, was die dort vertreten. Genau eine solche Wertung darf der weltanschaulich neutrale Staat nicht vornehmen. Der Staat soll – wie das Bundesverfassungsgericht geurteilt hat – Heimstatt aller Bürger sein. Und das ist er nicht, wenn er sich immer wieder zum Christentum bekennt durch solche Finanzzahlungen und öffentlichen Kulte, die vom Staat unterstützt werden.

Der Kirchentag hatte weit weniger Besucher als erwartet: 50.000 wurden erwartet, 15.000 waren es dann letztendlich. Sollte Ihrer Meinung nach überhaupt noch eine derartige Veranstaltung in der Messestadt stattfinden?

Es steht der Kirche frei, solche Veranstaltungen durchzuführen, so wie jeder andere auch solche Veranstaltungen durchführen kann. Nur es gilt der alte Grundsatz: Wer die Musik bestellt, bezahlt sie auch. Die Kirche muss sie selbst bezahlen und vor allem sie kann sie auch selbst bezahlen. Sie ist daher nach den ganzen formalen Grundsätzen der Kulturförderung gar nicht förderwürdig, weil sie die finanzielle Kraft hat, das zu bestreiten. Wenn sie wiederkommen wollen, sollen sie das tun. Aber bitte auf eigene Kosten und ohne große Missionierungsversuche und ohne das ständige Einmischen in die Politik.

>>Zum Interview

Schweiz 2050: Ein Land voller Kirchen – oder ganz ohne? – Ein Gedankenspiel

Freitag, 7. Juli 2017

nzz.ch, 04. Juli 2017 – Artikel von Simon Hehli:

Wie sieht die Schweiz im Jahr 2050 aus, wenn die Religion ein Comeback feiert? Und wie, wenn im Gegenteil die Säkularisierung triumphiert? Ein Gedankenspiel in zwei Akten.

Fragt man die Historiker, wann alles begonnen habe, antworten sie, dass es wohl im März 2019 gewesen sei. Damals sprengte sich ein heimgekehrter Kämpfer des untergegangenen Islamischen Staates vor dem Bieler Eishockeystadion in die Luft und riss 31 Fans, die für das zweite Play-off-Halbfinalspiel des EHC Biel anstanden, mit in den Tod. Die reiche und hedonistische Schweiz, lange von Terrorattacken verschont, war von den Islamisten zu einem Zielland auserkoren worden, eine Serie von Anschlägen folgte bis zum Ende des Jahrzehnts. Nun, über dreissig Jahre später, ist die Schweiz ein ganz anderes Land als zuvor.

Lange merkten die Politiker und Intellektuellen nicht, was im Untergrund brodelte. Nach Jahrzehnten, in denen der Glaube sukzessive an Relevanz verloren hatte, hielten sie eine Rückkehr der Religion schlicht für unvorstellbar. Doch die Säkularisierung, sie war nicht das Ende der Geschichte. Im Herbst 2019 stimmten die Schweizer mit überwältigender Mehrheit für ein Burkaverbot. Und kein Politkommentator kam auf die Idee, dies nicht als Misstrauensvotum gegen die islamischen Mitbürger zu interpretieren.

In den 2020er Jahren erreichte eine Flüchtlingswelle aus muslimischen Staaten Europa und auch die Schweiz. Von 2017 bis 2050 stieg die Zahl der Muslime in der Schweiz so auf 1,5 Millionen, auch dank der höheren Geburtenrate stellen sie mittlerweile 14 Prozent der Bevölkerung. Das hat massive Gegenbewegungen hervorgerufen. «Wir müssen das christliche Abendland verteidigen und die Islamisierung stoppen»: Lange waren solche Slogans der SVP angesichts leerer Kirchenbänke Worthülsen geblieben; doch dann sammelten sich immer mehr Menschen unter dem Zeichen des Kreuzes. Die Partei gewann mit dem Slogan «Maria statt Scharia» die Wahlen 2047. Selbst die CVP konnte ihre jahrzehntelange Krise überwinden und verzeichnet dank wertkonservativen Inhalten nun einen Wähleranteil von 17 Prozent.

Christsein ist wieder in. Die katholische Kirche und die Freikirchen verzeichnen hohe Wachstumsraten, doch auch alternative Formen wie Wander-, Schwulen- oder Biker-Gottesdienste sind populär geworden. Überall wachsen neue Kirchtürme in den Himmel, ein Boom wie letztmals in den 1960er Jahren. Selbst «megachurches» nach amerikanischem Vorbild für Tausende von Gläubigen entstehen überall im Mittelland. Die EDU scheiterte 2049 mit einer Volksinitiative, welche die Evolutionslehre aus den Schulen verbannen sollte, nur knapp. Christliche Geistliche und konservative Parteien bieten einer Mehrheit der Bevölkerung das, wonach sie nach Jahrzehnten der Globalisierung lechzt: eine klare Identität, Orientierung und eine Rückbesinnung auf das Nationale. Die Sinnkrise hat sich verschärft durch die Digitalisierung, die seit den 2020er Jahren viele Jobs überflüssig gemacht und Hunderttausende Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben hat. Trost findet das neue Prekariat in der Spiritualität.

Liberalismus und Kapitalismus, die am Ausgang des 20. Jahrhunderts noch als alternativlos galten, haben hingegen ihren Glanz verloren. Das Gemeinschaftsgefühl steht nun höher im Kurs als Individualismus und Eigenverantwortung. Das «Wir gegen sie» der neu-christlichen Bewegungen provoziert eine Gegenreaktion bei vielen Muslimen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen. Die zahlreichen neuen Moscheen – immer noch ohne Minarett – sind so voll wie nie zuvor. Radikale Imame fordern immer lauter die Einführung von Scharia-Gerichten. Seht her, rufen die Apologeten des Abendlandes zurück, das ist die reale Islamisierung! Bei gegenseitigen Beschimpfungen bleibt es nicht, immer wieder fliegen Steine, auf Kirchen wie Moscheen. SVP-Bundesrat Benjamin Fischer spricht in seiner 1.-August-Rede schon von «bürgerkriegsähnlichen Zuständen».

Das ist ein extremes Szenario, das bei einer Rückkehr des Religiösen und einer Konfrontation zwischen den Konfessionen eintreten könnte. Doch wie sähe es bei einer gegenteiligen Entwicklung aus? Es ist der 15. Mai 2050, ein heisser Tag. Sieben 16-Jährige versammeln sich in der Kirche in Zürich Fluntern. Sie ist eines der letzten Gotteshäuser, die noch im Dienste der Religion stehen. Das Grossmünster ist eine Buchhandlung inklusive Café, das Fraumünster mit seinen Chagall-Fenstern eine Filiale des Kunsthauses, die ehemalige griechisch-orthodoxe Kirche dient als Partylokal. Die sieben Jugendlichen sind heuer die einzigen Konfirmanden in der Zwingli-Stadt. Ihre Schulkollegen vergnügen sich währenddessen im Strandbad.

Die Säkularisierung, die seit den 1960er Jahren in der Schweiz immer weiter vorangeschritten ist, hat die Institution Kirche praktisch obsolet gemacht. Einen staatlich verordneten Atheismus wie einst im Kommunismus brauchte es dafür nicht. Mit jeder neuen Generation ging der christliche Glauben einfach ein Stück mehr verloren. Auch die Zuwanderer aus muslimischen Ländern erfasste dieser Trend bald. Eltern, die ihre Kinder noch taufen lassen, sind zu Exoten geworden. Die Konfessionslosen stellen bereits seit den 2030er Jahren die grösste Gruppe der Bevölkerung. 2018 haben sie die Reformierten überholt, 2025 auch die Katholiken.

Spiritualität als Ego-Trip

Zu dieser Entwicklung beigetragen hat die nach 2020 stark angestiegene Zuwanderung aus ebenfalls säkularisierten Gegenden wie Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien. Noch beschleunigt wurde der Niedergang der Kirchen durch die 2032 angenommene nationale Initiative der Jungfreisinnigen für eine Trennung von Staat und Kirche – ohne Steuereinnahmen herrscht seither Ebbe in der Kasse. Auf dem Land, wo es noch Überbleibsel reformierter und katholischer Gemeinden gibt, müssen sie zusammen Gottesdienst feiern. Die theologischen Fakultäten sind ebenso verwaist wie die Priesterseminare und die Klöster.

Die Spiritualität ist den Menschen nicht völlig abhandengekommen, nur leben sie sie – ausser in katholischen Sekten und einigen resistenten evangelikalen Freikirchen – nicht mehr in der Gemeinschaft aus. Esoterik in allerlei individuellen Spielformen boomt. Aber auch der Glaube an die Wissenschaft: Die Cyborg-Technologie hat den Menschen gottähnliche Kräfte verliehen, wozu braucht es da noch Gott? Die Medizin steht kurz davor, den Tod zu besiegen, wer braucht da noch einen Himmel? Mit wachsendem Unverständnis blicken die Schweizerinnen und Schweizer nach Afrika, Südostasien und Brasilien, wo die Pfingstgemeinden weiterhin auf dem Vormarsch sind. «Zum Glück haben wir diesen Aberglauben überwunden», denken sie in aller Selbstgerechtigkeit. Wer Seelenschmerz hat, geht zum Psychotherapeuten oder bestellt sich in der Online-Apotheke Happy Pills.

Religionskunde ist nun Teil des Geschichtsunterrichts. Das kulturelle und architektonische Erbe des Christentums wird zwar in Ehren gehalten. Doch die Menschen, die im Berner Münster die wöchentlichen Orgelkonzerte besuchen, verspüren dabei keinen religiösen Schauer mehr. Das Kreuz auf der Flagge hat bisher alle Angriffe der Laizisten überstanden. Aber aus der Präambel der Bundesverfassung ist «Gott, der Allmächtige» verschwunden. Und auch die frömmlerische Landeshymne hat längst einen neuen, dem Geist der Zeit angepassten Text erhalten.

Auch dieses Szenario ist überzeichnet. Die Schweiz, ein Land der Extreme? Wohl kaum. Im Jahr 2048 wird der Bundesstaat sein 200-jähriges Bestehen feiern – und das Moderate war stets ein zentrales Element des helvetischen Seins.

>>Artikel auf nzz.ch lesen

Kt. St. Gallen: «Die vier Staatsreligionen müssen ihre Privilegien verlieren»

Montag, 26. Juni 2017

Zürichseezeitung vom 25.06.2017:

Die junge FDP hat Grosses im Sinn: Sie will die St. Galler Staatspolitik von Grund auf umkrempeln und das Verhältnis zwischen Kirche und Kanton auf eine neue Basis stellen: Kirche und Staat sollen in Zukunft vollends getrennt werden. Nach Ansicht der Jungfreisinnigen ist es an der Zeit, dass vier Religionsgemeinschaften ihre Privilegien verlieren und deren öffentlich-recht­liche Anerkennung abgeschafft wird. Eine Annahme der Initiative hätte in erster Linie finanzielle Folgen: Die Kirchen könnten in Zukunft nicht mehr via Staat Steuern einziehen.

Den Initianten gehe es aber nicht primär um das Geld, sagt Thomas Percy, Vizepräsident der Jungfreisinnigen Rheintal und Leiter des Fachausschusses Freiheitsinitiative: «Uns stösst vielmehr sauer auf, dass einzelne Gemeinschaften Privilegien haben. Im Sinne der Gleichberechtigung ist es fairer, wenn alle Organisationen und Vereine gleich behandelt werden.» Das jetzige Gesetz sei diskriminierend – gegenüber jenen Religionsgemeinschaften, die eben nicht in den Genuss bestimmter Privilegien kämen.

Immer mehr Konfessionslose

So sei es stossend, dass die Kirchen Schulräume für den Religionsunterricht gratis nutzen können. Oder, dass in Schulzimmern religiöse Symbole wie Kruzifixe hängen dürfen. «Wir haben nichts gegen Religion an sich. Aber Religion ist Privatsache, in diesen Bereich sollte sich der Staat nicht einmischen», erklärt Percy.

Bereits vor drei Jahren fanden in den Kantonen Zürich und Graubünden Volksabstimmungen über die Abschaffung der Kirchensteuer statt – sie gingen klar verloren. Percy geht davon aus, dass es auch im Kanton St. Gallen schwierig sein wird, eine Mehrheit für das Anliegen zu gewinnen. Aber der Fokus bei der St. Galler Initiative sei ein anderer: «Uns geht es nicht einfach um die Abschaffung der Kirchensteuern, sondern um die grundsätzliche Trennung von Kirche und Staat.»

Chancen habe die Initiative durchaus, weil die Zahl der Konfessionslosen laufend zunehme und just die Jungen Interesse für die Trennung zeigten. Naturgemäss sei es möglich, dass sich auch Unternehmer für die Initiative einsetzten: Auch sie müssen schliesslich Kirchensteuern zahlen, können aber gar nicht aus der Kirche austreten. Juristische Personen haben im Kanton St. Gallen eine «Finanzausgleichssteuer» zu entrichten – diese entspricht einer verschleierten Kirchensteuer.

Nicht mit Huonder im Boot

Die Jungfreisinnigen wollen sich allerdings nicht mit radikalen religiösen Kreisen ins gleiche Boot setzen, die ähnliche Interessen haben: Ihnen ist nicht verborgen geblieben, dass sich auch der Churer Bischof Vitus Huonder für die Trennung von Kirche und Staat einsetzt. «Ihm geht es nur um Macht. Deswegen fürchtet er den Einfluss des Staates auf die Kirche. Uns geht es vielmehr um Laizismus, so wie er in Frankreich gelebt wird», sagt Percy.

Dass die Kirchen auch Gutes tun, will der Jungpolitiker nicht abstreiten. Allerdings geht es ihm gegen den Strich, dass diese nur rund einen Viertel der Steuereinnahmen für soziale Zwecke ausgeben würden und den Rest für die Administration und die Verwaltung sowie kultische Zwecke wie heilige Messen und Gottesdienste.

Die Katholiken träfe es hart

Vom Wegfallen der Kirchensteuer wäre die katholische Landeskirche besonders hart betroffen, weil sie sich nur aus diesen Einnahmen alimentiert. «Für uns wäre die Einbusse durch den Verlust der Unternehmenssteuern überaus einschneidend», konstatiert Martin Gehrer, Präsident des katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen. Privatpersonen wiederum zahlen Steuern direkt an die jeweilige Kirchgemeinde: «Hier fällt ins Gewicht, dass die Kirchgemeinden den Bezug zum Kanton verlieren.» Damit entfällt die Möglichkeit, via Steuererklärung der Bürger Einnahmen zu generieren.

Formal betrachtet müssten sich die jetzigen Landeskirchen im Fall einer Annahme der Initiative neu organisieren. In Frage käme, dass sie – ähnlich wie in den laizistischen Kantonen Genf und Neuenburg – von freiwilligen Abgaben leben würden. Die Bezahlung der erhobenen Kirchensteuern ist dort fakultativ. Dass es so weit kommen wird, bezweifelt Gehrer: «Die Initiative ist unnötig. Denn Kirchen und Staat sind bereits seit längerem entflechtet.» Zudem würden die Kirchen mit ihrer Freiwilligenarbeit soziale Aufgaben wahrnehmen, die ansonsten dem Staat zufallen würden. «Wir werden dementsprechend der Initiative mit dem notwendigen Argumentarium begegnen», sagt Gehrer.

Folgen für die Gesellschaft

Aus Sicht von Martin Schmidt, Präsident der Reformierten Landeskirche des Kantons St. Gallen, hätte eine Annahme der Initiative vor allem finanzielle Folgen: Die evangelisch-reformierte Kirche würde 8,5 Millionen Franken pro Jahr verlieren. Und sie könnte ihre soziale Arbeit in den Schulen, Spitälern und Gefängnissen nicht mehr ausführen. «Auch für den Erhalt der zahlreichen Gebäude der Kirchen müsste zukünftig der Staat aufkommen», sagt Schmidt: «Ein Künden der Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Staat hätte schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft.»

Eine Trennung von Kirche und Staat hält der Präsident für unrealistisch: «Wieso sollte man so etwas Bewährtes aufgeben? Auch wenn sich der Staat konfessionell neutral verhalten soll, betrachte ich doch das christliche Kulturgut, die christlichen Werte für wesentlich für unser Zusammenleben.» Ungünstig habe sich demgegenüber, wie ein Blick auf Amerika aufzeige, die Trennung von Kirchen und Staat in den USA ausgewirkt, wo sich als Folge davon die Religion extrem gebärde und die Fundamentalisten und Evangelikalen auf dem Vormarsch seien.

«Anerkennung light» möglich

Zudem müsste sich die Kirche neu privat-rechtlich organisieren – falls die Jungfreisinnigen Erfolg hätten mit ihrer Initiative, stellt Schmidt fest. So wie dies religiöse Gemeinschaften auch tun müssen, die nicht die Privilegien haben wie die vier staatlich anerkannten.

Dass Freikirchen, Muslime und Buddhisten nicht gleich behandelt werden, ist laut Schmidt durchaus diskussionswüdig. Er verweist hierbei auf den Umstand, dass es dank eines neuen Gesetzes Religionsgemeinschaften möglich sein wird, eine sogenannte kantonale Anerkennung zu erhalten. Diese hat allerdings vor allem symbolischen Wert: Die Möglichkeit, Kirchensteuern einzuziehen oder Religionsunterricht an öffentlichen Schulen abzuhalten, bleibt weiterhin den vier öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften vorbehalten. (Zürichsee-Zeitung)

>> Artikel auf Zürichsee-Zeitung online lesen

Bundesrat will keine neuen Regeln zu religiösen Symbolen

Donnerstag, 15. Juni 2017

Artikel auf blick.ch vom 09.06.2017:

Der Bundesrat will keine Regeln zu Kruzifixen und Kopftüchern in Schulzimmern oder Gefängnissen erlassen. Konflikte sollen pragmatisch gelöst werden, von den betroffenen Institutionen.
Der Bundesrat erhofft sich von einem solchen Vorgehen bessere Ergebnisse als mit starren Rechtsvorschriften, wie aus einem am Freitag verabschiedeten Bericht hervorgeht. Er sehe keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf im Umgang mit getragenen und an Bauten angebrachten religiösen Symbolen.
Behörden und Institutionen seien in der Regel gut in der Lage, situationsgerechte und praktikable Lösungen zu finden. In den wenigen Fällen, in welchen der Rechtsweg beschritten werde, gelinge es den Gerichten, zwischen individuellen Grundrechtsansprüchen und gesellschaftlichen Interessen eine vernünftige Balance zu halten. Ausserdem habe sich der föderalistische Ansatz bewährt.
Die Regierung stützt ihre Einschätzung auf eine Studie, die sie beim Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte in Auftrag gab. Dieses untersuchte die Rechtsprechung und befragte Institutionen, Wissenschaftler sowie Personen aus religiösen Traditionen.

Gemäss der Erhebung sind in mehr als der Hälfte der öffentlichen Gebäude religiöse Symbole angebracht, besonders häufig in Spitälern. In den katholischen Kantonen ist zudem die Mehrheit der Schulgebäude mit religiösen Symbolen ausgestattet. Dort gibt es auch viele Schulen, in welchen Mitarbeitende religiöse Kopfbedeckungen tragen. Das dürfte mit unterrichtenden Ordenspersonen zusammenhängen.
Konflikte in einem weiteren Sinne traten in 39 Prozent der befragten Institutionen auf, am häufigsten in Strafanstalten. In den meisten Fällen wurde eine Lösung gefunden. Nur gerade 9 Prozent der Konflikte führten zu einem rechtlichen Verfahren.
Wer sich an religiösen Symbolen stört oder sich gegen eine Anordnung wehren will, solche zu entfernen, kann sich auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit berufen. Die Gerichte prüfen dann, ob eine Verletzung dieses Grundrechts vorliegt.
Das Bundesgericht hat sich verschiedentlich mit der Pflicht des Staats zur religiösen Neutralität auseinandergesetzt. So entschied es im Fall der Tessiner Gemeinde Cadro, dass das Aufhängen von Kruzifixen im Klassenzimmer dem Grundsatz der religiösen Neutralität der Schule widerspricht.
Dieses Urteil werde in der Praxis allerdings nur begrenzt umgesetzt, heisst es im Bericht. Der Tessiner Staatsrat vertritt die Auffassung, dass Kruzifixe in Eingängen und Korridoren von Schulhäusern weiterhin erlaubt sind. Im Kanton Wallis sind Kreuze und Kruzifixe auch in Schulzimmern verbreitet.

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“Den Säkularen reicht das Diesseits” – Gastkommentar von Andreas Kyriacou in der NZZ

Montag, 22. Mai 2017

Am 7. April fragte Urs Hafner in der NZZ woran die Nichtreligiösen glauben – und lieferte gleich selbst Antworten. Diese fielen allerdings eigenartig aus. Die Freidenker bezeichnete er als militant und dogmatisch. Die NZZ bot auf Nachfrage an, in der Rubrik “Meinung und Debatte” eine Replik zu veröffentlichen. Sie erschien am 19. Mai. Anbei der Text in voller Länge.

 

Den Säkularen reicht das Diesseits

Von Andreas Kyriacou

In der Wochenendbeilage vom 7. April widmete sich die NZZ der Säkularisierung. Bemerkenswerterweise wurde dafür keine Person zu ihrer Weltanschauung befragt, die sich selbst als säkular bezeichnet. Die Beschreibung dieser Gruppe blieb dem Autor Urs Hafner vorbehalten, der einige eigenwillige Annahmen traf. Dieser Beitrag will einige so entstandene Missverständnisse aus dem Weg räumen.

Urs Hafner sinnierte darüber, woran die Religionsdistanzierten glauben, und kam zum Schluss, dass sie nicht einfach nichts glauben. Der Atheist, der auch in der grössten Sinnkrise kein Stossgebet zum Himmel schicke, sei die absolute Ausnahme, und auch eine Person, die sich als konfessionslos oder Agnostikerin bezeichne, könne recht gläubig sein, man müsse nur genauer hinschauen.

Genauer hinschauen sollte man in der Tat. Und das wurde erfreulicherweise auch schon gemacht, so dass wir uns nicht auf Bauchgefühle verlassen müssen. Für die Strukturdatenerhebung 2014 des Bundesamtes für Statistik wurden gut 16’000 Personen zu ihrer Religiosität befragt. Die repräsentativen Ergebnisse zeigen: Religionsferne ist längst Standard. Drei Viertel der Protestanten und 60 Prozent der Katholiken besuchen höchstens fünfmal im Jahr einen Gottesdienst. Bei den unter 35-Jährigen sind gar 80 (Protestanten) beziehungsweise 71 Prozent (Katholiken). Und selbst der privateste religiöse Akt, das Beten, gehört bei vielen Kirchenmitgliedern nicht mehr zum Lebensalltag: Jeder vierte Katholik und jeder dritte Protestant hatte in den letzten zwölf Monaten überhaupt nie gebetet.

Angesichts der Tatsache, dass selbst eingeschriebene Kirchenmitglieder ihr Leben oftmals bestens ohne Gottesdienste und Gebet meistern, mutet es seltsam an, wenn Urs Hafner ausgerechnet den Konfessionslosen eine versteckte Religiosität zuschreiben will. Sie bilden nämlich eine weitaus homogenere Gruppe als die einzelnen Konfessions- und Religionsgruppen: 94 Prozent von ihnen beantworten die Frage, ob sie sich als religiöse Person bezeichnen, mit eher oder klar nein. Die Konfessionslosen gehen als einzige Weltanschauungsgemeinschaft mehrheitlich davon aus, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und dass keine höhere Macht unser Schicksal bestimmt. Und sie sind die einzige Gruppe, die klar mehrheitlich der Ansicht ist, dass Religion oder Spiritualität für sie im Umgang mit Krankheiten oder anderen schwierigen Lebenssituationen keine oder keine wichtige Rolle einnehmen.

Zu den Freidenkern, die sich für die Anliegen der Säkularen engagieren, stossen sowohl Personen, die selbst schon immer religionslos waren, wie auch solche, die mit ihrer – meist familiär bedingten – religiösen Vergangenheit brechen. Für sie gilt die konfuzianische Aussage, dass der Mensch zwei Leben hat – das zweite beginnt dann, wenn man merkt, dass man nur eines hat. Die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit befreit, ebenso die Überzeugung, dass keine Götter auf uns einwirken wollen. Es ist ein wunderbarer Ansporn, dem Leben selbst Sinn zu geben. Imaginäre Freunde braucht es dazu wahrlich nicht. Wissenschaft, Kunst, Philosophie, unsere zivilisatorischen Errungenschaften, die Natur und das soziale Umfeld reichen dafür bestens.

Die den Freidenkern im Artikel unterstellte Militanz erläutert Hafner nicht. Ist es das Anbieten weltlicher Rituale, das demokratische Eintreten für mehr Trennung von Staat und Kirche, die Hilfe für verfolgte säkulare Aktivisten in «Gottesstaaten»? Das wissenschaftlich-humanistische Kinderlager Camp Quest? Oder das mehrtägige Wissensfestival Denkfest, das sich in seiner diesjährigen Ausgabe dem Thema «Reformationen des Denkens» annimmt? Mit dieser «Militanz» können wohl auch nicht Interessierte recht entspannt umgehen – was auf religiöse Militanz nicht unbedingt zutrifft.

Andreas Kyriacou ist Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz und Berater für Wissensmanagment

«Die Kirche braucht es [?]» – Im Aargauer Pfarrblatt «Horizonte» kommt auch ein Freidenker zu Wort

Donnerstag, 6. April 2017

Wie steht es um die Daseinsberechtigung der Kirchen?

«Wozu braucht es die Kirche noch?» – In Anlehnung an eine Diskussion in Solothurn am 29. März 2017, fragte Horizonte mit Blick auf den Aargau Kirchenräte, Seelsorgende und einen Freidenker.

Der Artikel findet sich bei http://www.horizonte-aargau.ch/die-kirche-braucht-es/.

Auszug aus dem umfangreichen Text:

Das Problem sind konfessioneller Zwang und Mission

Anders sieht das Valentin Abgottspon, Vizepräsident der Freidenkervereinigung Schweiz und Kämpfer für eine Trennung von Kirche und Staat. «Es gibt Leistungen von Kirchen, sozialer oder kultureller Art, an denen wir Freidenkerinnen und Freidenker nichts oder nur wenig auszusetzen haben. Doch bei vielen dieser eigentlich guten Taten und Institutionen ist leider mehr oder weniger Mission drin. Einer katholischen Schwangerschaftsberatung traue ich keine weltanschaulich neutrale Haltung zu. In vielen Kantonen werden solche Stellen aber nicht von Kirchensteuern, sondern über die Steuern von allen finanziert. Damit sind Konfessionsfreie gezwungen, konfessionell getragene Institutionen oder Stellen mitzufinanzieren.»

Staatlich finanzierte Angebote, so Valentin Abgottspon, müssten vonseiten des Staates ausgeschrieben werden. Ein klarer Leistungsauftrag müsse sicherstellen, dass ohne Mission gearbeitet werde. «Können die Kirchen diese Vorgaben einhalten, sollen sie anderen Dienstleisterinnen gegenüber nicht diskriminiert werden. Auf der individuellen Ebene soll jede und jeder selber entscheiden, ob er oder sie die Kirche braucht und mitfinanzieren will. Für mich persönlich lautet die Antwort da Nein», positioniert sich der Freidenker.