Archiv für die Kategorie „Laizität“

Bundesrat will keine neuen Regeln zu religiösen Symbolen

Donnerstag, 15. Juni 2017

Artikel auf blick.ch vom 09.06.2017:

Der Bundesrat will keine Regeln zu Kruzifixen und Kopftüchern in Schulzimmern oder Gefängnissen erlassen. Konflikte sollen pragmatisch gelöst werden, von den betroffenen Institutionen.
Der Bundesrat erhofft sich von einem solchen Vorgehen bessere Ergebnisse als mit starren Rechtsvorschriften, wie aus einem am Freitag verabschiedeten Bericht hervorgeht. Er sehe keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf im Umgang mit getragenen und an Bauten angebrachten religiösen Symbolen.
Behörden und Institutionen seien in der Regel gut in der Lage, situationsgerechte und praktikable Lösungen zu finden. In den wenigen Fällen, in welchen der Rechtsweg beschritten werde, gelinge es den Gerichten, zwischen individuellen Grundrechtsansprüchen und gesellschaftlichen Interessen eine vernünftige Balance zu halten. Ausserdem habe sich der föderalistische Ansatz bewährt.
Die Regierung stützt ihre Einschätzung auf eine Studie, die sie beim Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte in Auftrag gab. Dieses untersuchte die Rechtsprechung und befragte Institutionen, Wissenschaftler sowie Personen aus religiösen Traditionen.

Gemäss der Erhebung sind in mehr als der Hälfte der öffentlichen Gebäude religiöse Symbole angebracht, besonders häufig in Spitälern. In den katholischen Kantonen ist zudem die Mehrheit der Schulgebäude mit religiösen Symbolen ausgestattet. Dort gibt es auch viele Schulen, in welchen Mitarbeitende religiöse Kopfbedeckungen tragen. Das dürfte mit unterrichtenden Ordenspersonen zusammenhängen.
Konflikte in einem weiteren Sinne traten in 39 Prozent der befragten Institutionen auf, am häufigsten in Strafanstalten. In den meisten Fällen wurde eine Lösung gefunden. Nur gerade 9 Prozent der Konflikte führten zu einem rechtlichen Verfahren.
Wer sich an religiösen Symbolen stört oder sich gegen eine Anordnung wehren will, solche zu entfernen, kann sich auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit berufen. Die Gerichte prüfen dann, ob eine Verletzung dieses Grundrechts vorliegt.
Das Bundesgericht hat sich verschiedentlich mit der Pflicht des Staats zur religiösen Neutralität auseinandergesetzt. So entschied es im Fall der Tessiner Gemeinde Cadro, dass das Aufhängen von Kruzifixen im Klassenzimmer dem Grundsatz der religiösen Neutralität der Schule widerspricht.
Dieses Urteil werde in der Praxis allerdings nur begrenzt umgesetzt, heisst es im Bericht. Der Tessiner Staatsrat vertritt die Auffassung, dass Kruzifixe in Eingängen und Korridoren von Schulhäusern weiterhin erlaubt sind. Im Kanton Wallis sind Kreuze und Kruzifixe auch in Schulzimmern verbreitet.

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“Den Säkularen reicht das Diesseits” – Gastkommentar von Andreas Kyriacou in der NZZ

Montag, 22. Mai 2017

Am 7. April fragte Urs Hafner in der NZZ woran die Nichtreligiösen glauben – und lieferte gleich selbst Antworten. Diese fielen allerdings eigenartig aus. Die Freidenker bezeichnete er als militant und dogmatisch. Die NZZ bot auf Nachfrage an, in der Rubrik “Meinung und Debatte” eine Replik zu veröffentlichen. Sie erschien am 19. Mai. Anbei der Text in voller Länge.

 

Den Säkularen reicht das Diesseits

Von Andreas Kyriacou

In der Wochenendbeilage vom 7. April widmete sich die NZZ der Säkularisierung. Bemerkenswerterweise wurde dafür keine Person zu ihrer Weltanschauung befragt, die sich selbst als säkular bezeichnet. Die Beschreibung dieser Gruppe blieb dem Autor Urs Hafner vorbehalten, der einige eigenwillige Annahmen traf. Dieser Beitrag will einige so entstandene Missverständnisse aus dem Weg räumen.

Urs Hafner sinnierte darüber, woran die Religionsdistanzierten glauben, und kam zum Schluss, dass sie nicht einfach nichts glauben. Der Atheist, der auch in der grössten Sinnkrise kein Stossgebet zum Himmel schicke, sei die absolute Ausnahme, und auch eine Person, die sich als konfessionslos oder Agnostikerin bezeichne, könne recht gläubig sein, man müsse nur genauer hinschauen.

Genauer hinschauen sollte man in der Tat. Und das wurde erfreulicherweise auch schon gemacht, so dass wir uns nicht auf Bauchgefühle verlassen müssen. Für die Strukturdatenerhebung 2014 des Bundesamtes für Statistik wurden gut 16’000 Personen zu ihrer Religiosität befragt. Die repräsentativen Ergebnisse zeigen: Religionsferne ist längst Standard. Drei Viertel der Protestanten und 60 Prozent der Katholiken besuchen höchstens fünfmal im Jahr einen Gottesdienst. Bei den unter 35-Jährigen sind gar 80 (Protestanten) beziehungsweise 71 Prozent (Katholiken). Und selbst der privateste religiöse Akt, das Beten, gehört bei vielen Kirchenmitgliedern nicht mehr zum Lebensalltag: Jeder vierte Katholik und jeder dritte Protestant hatte in den letzten zwölf Monaten überhaupt nie gebetet.

Angesichts der Tatsache, dass selbst eingeschriebene Kirchenmitglieder ihr Leben oftmals bestens ohne Gottesdienste und Gebet meistern, mutet es seltsam an, wenn Urs Hafner ausgerechnet den Konfessionslosen eine versteckte Religiosität zuschreiben will. Sie bilden nämlich eine weitaus homogenere Gruppe als die einzelnen Konfessions- und Religionsgruppen: 94 Prozent von ihnen beantworten die Frage, ob sie sich als religiöse Person bezeichnen, mit eher oder klar nein. Die Konfessionslosen gehen als einzige Weltanschauungsgemeinschaft mehrheitlich davon aus, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und dass keine höhere Macht unser Schicksal bestimmt. Und sie sind die einzige Gruppe, die klar mehrheitlich der Ansicht ist, dass Religion oder Spiritualität für sie im Umgang mit Krankheiten oder anderen schwierigen Lebenssituationen keine oder keine wichtige Rolle einnehmen.

Zu den Freidenkern, die sich für die Anliegen der Säkularen engagieren, stossen sowohl Personen, die selbst schon immer religionslos waren, wie auch solche, die mit ihrer – meist familiär bedingten – religiösen Vergangenheit brechen. Für sie gilt die konfuzianische Aussage, dass der Mensch zwei Leben hat – das zweite beginnt dann, wenn man merkt, dass man nur eines hat. Die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit befreit, ebenso die Überzeugung, dass keine Götter auf uns einwirken wollen. Es ist ein wunderbarer Ansporn, dem Leben selbst Sinn zu geben. Imaginäre Freunde braucht es dazu wahrlich nicht. Wissenschaft, Kunst, Philosophie, unsere zivilisatorischen Errungenschaften, die Natur und das soziale Umfeld reichen dafür bestens.

Die den Freidenkern im Artikel unterstellte Militanz erläutert Hafner nicht. Ist es das Anbieten weltlicher Rituale, das demokratische Eintreten für mehr Trennung von Staat und Kirche, die Hilfe für verfolgte säkulare Aktivisten in «Gottesstaaten»? Das wissenschaftlich-humanistische Kinderlager Camp Quest? Oder das mehrtägige Wissensfestival Denkfest, das sich in seiner diesjährigen Ausgabe dem Thema «Reformationen des Denkens» annimmt? Mit dieser «Militanz» können wohl auch nicht Interessierte recht entspannt umgehen – was auf religiöse Militanz nicht unbedingt zutrifft.

Andreas Kyriacou ist Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz und Berater für Wissensmanagment

«Die Kirche braucht es [?]» – Im Aargauer Pfarrblatt «Horizonte» kommt auch ein Freidenker zu Wort

Donnerstag, 6. April 2017

Wie steht es um die Daseinsberechtigung der Kirchen?

«Wozu braucht es die Kirche noch?» – In Anlehnung an eine Diskussion in Solothurn am 29. März 2017, fragte Horizonte mit Blick auf den Aargau Kirchenräte, Seelsorgende und einen Freidenker.

Der Artikel findet sich bei http://www.horizonte-aargau.ch/die-kirche-braucht-es/.

Auszug aus dem umfangreichen Text:

Das Problem sind konfessioneller Zwang und Mission

Anders sieht das Valentin Abgottspon, Vizepräsident der Freidenkervereinigung Schweiz und Kämpfer für eine Trennung von Kirche und Staat. «Es gibt Leistungen von Kirchen, sozialer oder kultureller Art, an denen wir Freidenkerinnen und Freidenker nichts oder nur wenig auszusetzen haben. Doch bei vielen dieser eigentlich guten Taten und Institutionen ist leider mehr oder weniger Mission drin. Einer katholischen Schwangerschaftsberatung traue ich keine weltanschaulich neutrale Haltung zu. In vielen Kantonen werden solche Stellen aber nicht von Kirchensteuern, sondern über die Steuern von allen finanziert. Damit sind Konfessionsfreie gezwungen, konfessionell getragene Institutionen oder Stellen mitzufinanzieren.»

Staatlich finanzierte Angebote, so Valentin Abgottspon, müssten vonseiten des Staates ausgeschrieben werden. Ein klarer Leistungsauftrag müsse sicherstellen, dass ohne Mission gearbeitet werde. «Können die Kirchen diese Vorgaben einhalten, sollen sie anderen Dienstleisterinnen gegenüber nicht diskriminiert werden. Auf der individuellen Ebene soll jede und jeder selber entscheiden, ob er oder sie die Kirche braucht und mitfinanzieren will. Für mich persönlich lautet die Antwort da Nein», positioniert sich der Freidenker.

St. Galler Lehrplan für neues Fach «Ethik, Religion, Gemeinschaft»

Montag, 20. März 2017

 

Artikel auf suedostschweiz.ch vom 17.03.2017:

Im Kanton St. Gallen bleiben das Fach Ethik, Religion, Gemeinschaft sowie der Religionsunterricht mit dem Lehrplan 21 in der Stundentafel der Volksschule. Die beiden Konfessionen haben zusammen mit Fachleuten einen Lehrplan entwickelt, der die verlangten Kompetenzen konkretisiert.

Alle 20 Jahre komme ein neue Lehrplan – und die kantonalen Besonderheiten gerieten unter Druck, sagte Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, an der Medienorientierung vom Donnerstag. Zu den Besonderheiten des Kantons St. Gallen gehört, dass das Fach Ethik, Religion, Gemeinschaft (ERG) als Wahlpflichtfach in die Stundentafel der Volksschule aufgenommen wird. Auch der freiwillige Religionsunterricht ist wie bisher in die Stundenpläne integriert.

Schüler müssen wählen

Die Schülerinnen und Schüler müssen sich künftig – ab der dritten Klasse – entscheiden, ob sie die eine Wochenlektion Ethik, Religion, Gemeinschaft in der Variante Schule oder Kirche absolvieren möchten. Je nach Wahl erhalten sie dann Unterricht von der Lehrkraft der Volksschule oder von einer kirchlichen Lehrperson.

>>Zum Artikel auf suedostschweiz.ch

Medienmitteilung: Freidenker begrüssen Urteile des EU-Gerichtshofs zum Kopftuch am Arbeitsplatz

Dienstag, 14. März 2017

Die Freidenker-Vereinigung begrüsst die Urteile und Begründungen des EuGH, wonach Arbeitgeber in bestimmten Fällen das Tragen von Kopftüchern und anderen religiösen Zeichen verbieten dürfen.

Die Schweiz ist nicht Mitglied der Europäischen Union und somit nicht direkt von diesen Urteilen betroffen. Bekleidungsfragen im Spannungsfeld von religiösen Einstellungen geben aber auch hierzulande immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen, welche bisweilen vor Gericht landen.

Es ist auch für die Schweiz gut vorstellbar, dass hiesige Firmen Regeln im Zusammenhang mit religiösen Insignien und Kleidern vorgeben. Dabei ist aber darauf zu achten, dass keine Ungleichbehandlung vorliegt. Eine Firma darf sehr wohl religiöse Neutralität von ihren Angestellten erwarten. Derlei Regelungen dürfen aber nicht spezifisch die Symbole einer einzelnen Religion untersagen.

Das Gericht hat richtigerweise klar gestellt, dass dies zulässig ist, und Religionsfreiheit somit nicht als Trumpfkarte verwendet werden kann, die andere Rechte aussticht. Die Freidenker begrüssen diese Haltung.

Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, hält fest: «Die Urteile wurden mit Sorgfalt gefällt und sind im Interesse der überwiegenden Mehrheit muslimischer Frauen, welche arbeiten möchten. Müssten Arbeitgeber, welche von ihren Angestellten weltanschaulich neutrale Kleidung erwarten, sich vor Klagen derjenigen fürchten, die dies nicht akzeptieren wollen, wären sie bei der Anstellung muslimisch wirkender Kandidatinnen womöglich übervorsichtig. Erst dies würde zu ungerechten Diskriminierungen führen.»

Trägerinnen von Kopftüchern und Personen, die religiöse Rituale am Arbeitsplatz ausüben wollen, sind auf dem Arbeitsmarkt mutmasslich schwerer vermittelbar. Es ist eine politische und gesellschaftliche Frage, wie diesbezüglich Sozialwerke und die Solidargemeinschaft reagieren sollen, wenn sich z.B. jemand auch dann weigert, auf Beten während der Arbeitszeit oder auf das Tragen von religiöser Kleidung zu verzichten, wenn ein Unternehmen dies ausdrücklich nicht wünscht. Für die Freidenker ist klar, dass derart selbstverschuldete Erwerbslosigkeit nicht grenzenlos durch die Sozialversicherungen getragen werden soll.

Die FVS hält an ihrer Grundposition fest, dass Religionsfreiheit gewährt werden soll. Es ist aber klar, dass sich die Ansprüche auf gelebte Religion immer wieder im Spannungsverhältnis mit anderen grundrechtlichen Gütern befindet und damit nicht uneingeschränkt gilt.

Vizepräsident Valentin Abgottspon bekräftigt: «Die Freidenker halten zudem an ihrer Forderung fest, dass Personen im öffentlichen Dienst – also als Repräsentanten des Staates, welcher sich konsequent religiös und weltanschaulich neutral verhalten muss – keine religiösen Insignien oder Kleidungsstücke tragen dürfen. Dies gilt beispielsweise für Richterinnen und Richter, Lehrerpersonen an der Volksschule und Polizeibeamte. Diese Forderung ist im Positionspapier «Kopfbedeckungen an der Volksschule» ausführlicher dargestellt.»

Mit freundlichen Grüssen
Für die Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS)
Andreas Kyriacou, Präsident (076 479 62 96) und
Valentin Abgottspon-Vizepräsident (078 671 08 03)

Freidenker-Vereinigung der Schweiz – die Stimme der Konfessionsfreien
säkular – humanistisch – rational

Freidenker bemängeln Baselbieter Handschlag-Vorlage

Samstag, 4. März 2017

 

Der Kanton Baselland schlägt nach der Händedruck-Debatte, die monatelang für Schlagzeilen sorgte, Anpassungen in der Kantonsverfassung und im Bildungsgesetz vor. Die Freidenkenden Nordwestschweiz haben sich am Vernehmlassungsverfahren beteiligt. Sie sind mit den vorgeschlagenen Änderungen nur teilweise zufrieden. 

Die Freidenkenden Nordwestschweiz begrüssen eine Verdeutlichung des wichtigen laizistischen Grundsatzes „Staatliches Recht vor religiösen Pflichten“ in der Verfassung und halten ihn für das Funktionieren einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft sogar als unumgänglich.

Gar nicht zufrieden sind die Freidenkenden aber mit den ihrer Meinung nach juristisch unhaltbaren Formulierungen wie „bürgerliche Pflichten“ oder „hiesige gesellschaftliche Werte und Rituale“. Sie befürchten eine Verpflichtung der Konfessionslosen zur Teilnahme an christlichen Feiern und verlangen deshalb eine Präzisierung und Bezugnahme auf die „gesellschaftlichen Werte einer offenen, freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft“.

Im Weiteren soll die Melde-Pflicht nicht bei Lehrpersonen sondern beim Bildungsrat liegen. Vor allem verlangen die Freidenkenden aber bei Integrations-Verweigerung eine verpflichtende Hilfestellung durch die entsprechenden Behörden, was auch mit dem neuen Gesetzesentwurf zu wenig garantiert sei.
Schlussendlich lehnen die Freidenkenden die vorgeschlagene Beschränkung der Massnahmen auf Ausländer ab und verlangen eine Regelung „unabhängig vom Pass“.

Nachfolgend die Stellungnahme im Einzelnen:

Anmerkung:
→ Die vorgeschlagenen Änderungen an Verfassung und Bildungsgesetz sind rot markiert.
→ Kommentare der Freidenkenden Nordwestschweiz stehen eingerückt.

Kantonsverfassung

§ 20 Abs. 2 (neu)
2Weltanschauliche Auffassungen und religiöse Vorschriften entbinden nicht von der Erfüllung bürgerlicher Pflichten.

Grundsätzlich begrüssen die Freidenkenden Nordwestschweiz die Verdeutlichung des wichtigen laizistischen Grundsatzes „Staatliches Recht vor religiösen Pflichten“ und stimmen einer entsprechenden Ergänzung der Verfassung zu. Wir erachten einen solchen Grundsatz als Grundlage des Funktionierens einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft sogar als unumgänglich. Wir werden uns für eine solche Verfassung-Änderung engagieren.
Nicht anfreunden können wir uns jedoch mit dem Begriff „bürgerliche Pflichten“ und finden diesen juristisch bedenklich. Dieser Begriff wird vielleicht parteipolitisch verwendet, kommt aber weder in der Verfassung noch im Bildungsgesetz vor. Wir befürchten, dass diese Formulierung zu weiterer Verunsicherung beiträgt.
Die Freidenkenden Nordwestschweiz verlangen eine Umformulierung von „bürgerlicher Pflichten“ in „öffentliche(r) Pflichten und Regeln“. Im Gegensatz zu dem Begriff „bürgerlich“, sind „öffentlich“, „Pflichten“ und „Regeln“ Begriffe der Verfassung und der Gesetze.

Bildungsgesetz
§ 5 Massnahmen zur Integration
1Die Schulleitung ist verpflichtet, wesentliche Probleme im Zusammenhang mit der Integration ausländischer Schülerinnen und Schüler der kantonalen Ausländerbehörde zu melden.

Diesen neuen Gesetzes-Abschnitt lehnen wir doppelt ab:
a die Melde-Pflicht der Schulleitung
b die Beschränkung auf ausländische Schülerinnen und Schüler

Wir schlagen einen anderen Gesetzestext und -abschnitt vor:

„Der Schulrat ist verpflichtet, wesentliche Probleme im Zusammenhang mit der allgemeinen Integration der entsprechenden Stelle des Departementes, resp. für ausländische Schülerinnen und Schüler zusätzlich der kantonalen Ausländerbehörde zu melden. Auch können sich Lehrpersonen an diese Stellen wenden. Diese Stellen unterstützen die Lehrpersonen entsprechend.
Begründung:
1. Die Schulleitungen können als Lehrpersonen auch direkt mit mangelnder Integrationsbereitschaft konfrontiert sein. Es ist deshalb sinnvoll, dass nicht sie, sondern die übergeordnete Stelle, der Schulrat, meldepflichtig ist.
2. Lehrpersonen dürfen weder zu Polizisten gemacht noch sich alleine überlassen werden und müssen bei Problemen auf eine behördliche Unterstützung zählen können. Eine verantwortliche Stelle der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion soll der betroffenen Lehrer-schaft entsprechende Unterstützung gewähren.
3. Nichtintegration aufgrund weltanschaulicher Vorlieben ist nicht abhängig vom Pass. Bei wesentlichen Problemen mit einer Schülerin oder einem Schüler, der Verweigerung von Pflichten und Regeln durch diese, muss der Lehrkörper auch bei Kindern und Jugendlichen mit Schweizerpass agieren können. Ohne diese Änderung sind wir schon morgen mit einem Fall konfrontiert, der mit den vorgeschlagenen Instrumenten nicht angegangen werden kann. Die Freidenkenden plädieren deshalb für eine Lösung, die für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem Pass gilt.

§ 64 Pflichten

b tragen mit ihrem Verhalten zum Erfolg des Unterrichts sowie der Klassen- und Schulgemeinschaft bei und achten dabei die hiesigen gesellschaftlichen Werte

Wir unterstützen die in den Erläuterungen geforderte Achtung der Grundwerte, Sitten und Gebräuche einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft.

Abgelehnt wird aber der Begriff „hiesige gesellschaftliche Werte“. Solche Werte gibt es nicht
und sind damit juristisch nicht praktikabel. Werte einer offenen freiheitlichen Gesellschaft sind auch nicht „hiesig“, sondern universell gültig.

Wir schlagen deshalb anstelle „hiesige gesellschaftliche Werte“ folgendes vor: „ … und ach-ten dabei die gesellschaftlichen Werte einer offenen, freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft“.

Nur durch eine Präzisierung der Werte gibt es eine Handlungsrichtlinie für einen Sozialisie-rung- und Integrationsauftrag der Schule wie es der Gesetzesentwurf vorsieht.

§ 64 Pflichten
dhalten die Weisungen der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schulbehörden ein, nehmen an hiesig gängigen Ritualen wie namentlich dem Handschlag, sofern er eingefordert wird, teil und tragen zu Material und Einrichtung Sorge.

Auch hier ist die Erläuterung besser als der Gesetzestext. Der Begriff „nehmen an hiesigen gängigen Ritualen teil“ ist unklar. Sowohl „teilnehmen“ wie auch „Rituale“ sind in diesem Zusammenhang unbrauchbare Begriffe
Vor allem lässt die Formulierung offen, ob sie auch religiöse Rituale von hiesigen Mehrheits-religionen einschliesst. Obwohl die Erläuterungen dies ausschliessen, was wichtig und richtig ist, befürchten die Freidenkenden jedoch, dass mit einem solchen Bezug auf „hiesig gän-gigen Rituale“ auch die Teilnahme der Konfessionslosen an christlichen Feiern er-zwungen werden kann. Immerhin wird im Bildungs-Gesetzes das Bildungswesen „der christlichen Tradition verpflichtet“ und der Handschlag mit „wie“ nur als eines der gängigen Rituale aufgeführt.
Wir schlagen deshalb statt „ … nehmen an hiesig gängigen Ritualen wie namentlich dem Handschlag, sofern er eingefordert wird, teil …” folgende Formulierung vor: „ … respektieren die hier allgemein anerkannten Begrüssungsformen und …“

§ 69 Pflichten (der Erziehungsberechtigten)
dhalten ihre Kinder an, die Regeln und Weisungen der Schule unter Berücksichtigung der hiesigen gesellschaftlichen Werte und Rituale einzuhalten und den Unterricht lückenlos zu besuchen.

Entsprechend unseren Erläuterungen oben ist auch diese Formulierung ungenügend.

Wir schlagen folgenden Text vor: „… unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Werte einer offenen, freiheitlichen, gleichberechtigten und solidarischen Gesellschaft einzuhalten und …“

Türkei – Charles Darwin fliegt aus türkischen Lehrplänen

Montag, 30. Januar 2017
Professoren und Studenten der Technischen Universität Ankara protestierten im Jahr 2009 gegen die Verbannung der Evolutionstheorie aus Artikeln und der Titelseite eines wissenschaftlichen Journals des türkischen Foorschungsrates anlässlich Darwins 200. Geburtstag. Auf der Tribüne des Universitätsstadions, auf dem das Wort “Devrim” (Revolution) steht, versammelten sie sich auf dem Anfangsbuchstaben, wodurch nur noch “Evrim” (Evolution) zu lesen war.

Türkischer Regierungssprecher nennt Evolutionstheorie “verfault” -

Artikel auf derstandard.at vom 24. und 29. Januar 2017:

“Säkularismus”, “Wiedergeburt” und “Atheismus” sollen in Religionsbüchern als “problematische Überzeugungen” und als “Krankheiten” eingestuft werden.

Die Evolutionstheorie von Charles Darwin muss aus den gymnasialen Lehrplänen gestrichen werden.

Der Gründer der laizistischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, soll immer mehr aus den Unterrichtsinhalten verschwinden.

Diese Neuerungen in den türkischen Lehrplänen kündigte nun Bildungsminister Ismet Yilmaz an. Zwar handelt es sich noch um Vorschläge, doch geht es nach dem Willen des Bildungsministeriums, soll das Maßnahmenpaket bereits ab Februar in Kraft treten.

 

>>Charles Darwin fliegt aus türkischen Lehrplänen – derstandard.at vom 24.01.2017

>>Türkischer Regierungssprecher nennt Evolutionstheorie “verfault” – derstandard.at vom 29.01.2017 

Podiumsdiskussion am 06.02.2017 in Zürich: “Wieviel Religion erträgt die Schule”? – Mit Freidenker Vereinigung – Präsident Andreas Kyriacou

Freitag, 13. Januar 2017

Bis vor wenigen Jahren war der Unterricht der ‘Biblischen Geschichte’ an Schweizer Schulen üblich. Heute wird Religionskunde übergreifend als ‘Religion und Kultur’ vermittelt. Gehört das Wissen über Religionen zum schulischen Pflichtstoff und wenn ja, welchen Mehrwert bietet das? Und wie steht es um Unterricht vonseiten Religionsgemeinschaften, der durch eigenes Personal an Schulen durchgeführt werden kann? Oder darf das Thema keinen Platz einnehmen in den staatlichen Schulen?

Unter der Leitung von SRF-Religionsredaktorin Judith Wipfler diskutieren Andreas Kessler, Dozent für Religionspädagogik an der Universität Bern, und Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung -frei-denken.ch- kontrovers, ob und welchen Religionsunterricht es heute braucht. Wie viel Religion verträgt die Schule? Oder birgt sie gar mehr Konflikte als Lösungen?

 

Veranstalter: Zürcher Institut für interreligiösen Dialog - ziid

Leitung Judith Wipfler

Podium Andreas Kessler, Andreas Kyriacou

Montag, 6. Februar 2017

Zeit 19.00 – 20.30 Uhr

Ort Kulturpark, Pfingstweidstrasse 16, Mehrzwecksaal

Kosten CHF 25.-

Anmeldeschluss 20. Januar >> Anmeldung hier<<

Der Anlass wird in Zusammenarbeit mit Kulturpark durchgeführt und ist Teil der Reihe «Religiöse Erziehung in einer offenen
Gesellschaft».

Aargauer Zeitung: Abt gegen Atheist – Ein Gespräch über Sex, Syrien und Weihnachten

Freitag, 30. Dezember 2016

aargauerzeitung.ch vom 24.12.2016:

Die «Nordwestschweiz» hat für ihre diesjährige Interview-Serie über die Festtage gegensätzliche Persönlichkeiten zusammengeführt. Heute im Gespräch: der gläubige Katholik Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln und der atheistische Schweizer Autor Martin Dean.

Sie haben eine gemeinsame Leidenschaft: Gärten. Für Sie, Herr Dean, sind Gärten Ideallandschaften in Abgrenzung zur wilden Natur. Und Sie, Abt Urban, entschieden sich für das Mönchsleben, weil Ihnen der Klostergarten so gut gefiel. Haben Sie Angst vor der «Wildnis» da draussen?

Abt Urban: Angst? Im Gegenteil, mich zieht diese Wildnis an. Ich lebe zwar in einem wunderbaren barocken Bau, aber ich würde es nicht aushalten, dauernd hier zu sein. Ich gehe oft am Morgen nach dem ersten Gebet raus in die Natur, um die Stille zu hören.

Martin Dean: Mich zieht es in die Gärten, weil ich gerne an schönen Orten bin. Ich finde Gärten spannender als die Natur, weil im Garten menschliches Planen, ästhetisches Empfinden und Natur zusammenkommen. Gärten erzählen viel über Gesellschaftsmodelle, über den Umgang mit den eigenen Gefühlen.

Ist das nicht fast Gotteslästerung, dass Herr Dean von Menschenhand gestaltete Gärten schöner findet als die Schöpfung der Natur?

Abt: Das sehe ich nicht so. Auch wir Mönche bearbeiten ja die Natur. Im Mittelpunkt jedes Klosters liegt ein Garten. Spannend ist, wie sich die Gärten über die Zeit verändern, weil die Ideen, die die Menschen mit ihnen ausdrücken wollen, sich verändern. Gärten zeigen, dass unser Schöpfer uns als Mitschöpfer erschaffen hat. Der Garten ist Ausdruck davon, was der schöpfende Mensch alles kann.

Dean: Mein Lieblingsgarten ist übrigens ein religiöser Garten: der Zen-Garten von Ryōan-ji in Japan.

Dann hat die Religion also auch für Sie als Ungläubigen Gutes hervorgebracht?

Dean: Absolut. Wenn ich mich hier im Kloster Einsiedeln umschaue oder die Bibel lese, dann steht für mich fest, dass die katholische Kirche der grösste Auftraggeber der abendländischen Kultur war. Ohne die Kirche gäbe es vieles, was wir heute als Kultur empfinden, nicht. Das ist für mich aber kein Beweis, dass es einen Gott gibt.

>>Zum Artikel auf aagauerzeitung.ch

Philosoph Michael Schmid Salomon: “Religionsfreiheit ist kein Freibrief” – Interview auf “derStandard.at”

Freitag, 30. Dezember 2016

Interview in derStandard.at vom 24.12.2016:

Anlässlich seines soeben erschienenen Buchs Die Grenzen der Toleranz nimmt der Philosoph Michael Schmid Salomon Stellung zur Frage, wie in der “offenen Gesellschaft” den zunehmend fundamentalistisch-religiösen Strömungen begegnet werden soll.

Der zunehmend bemühten “Rücksicht auf religiöse Gefühle” stellt er das unmissverständliche Geltend-Machen individueller Grundwerte durch den weltanschaulich neutralen Staat gegenüber.

Sein Konzept “Abschreckung durch Freiheit” soll auch in Zeiten starker Migrantenströme, in deren Sog auch ein die westlichen Grundwerte verneinender Scharia-Islamismus nach Europa drängt, dem Einzelnen klarmachen, dass Grundrechte, Gleichheit von Mann und Frau, Freiheit der sexuellen Identität und weitere Errungenschaft der modernen Gesellschaft unveräusserliche Grundlagen des Zusammenlebens sind.

>>Zum Artikel auf derstandard.at