Archiv für die Kategorie „FVS in den Medien“

Presseposse um die Denkfest-Finanzierung

Dienstag, 10. Oktober 2017

Die dritte Ausgabe des Denkfests steht vor der Tür. Vom 2. bis 5. November heisst es wieder vier Tage Wissenschaft, kritisches Denken und intelligente Unterhaltung. Dass es mit einem umfangreichen Programm mit 15 Referaten, 5 Podien, einem künstlerischen Rahmenprogramm und neu auch mit Kinderbetreuung über die Bühne gehen kann, verdanken die Denkfest-Partnerorganisationen auch massgeblich dem Verein Ref500, der den Anlass mit rund 80’000 Franken unterstützt.

Diese Förderung, die indirekt auch Mittel der Reformierten Kirche umfasst, war in den letzten Tagen Thema in einzelnen Medien, ausgelöst durch einen Artikel im Magazin bref, das von der Reformierten Presse herausgegeben wird. So hilfreich der Beitrag von CHF 80’000 für das Zustandekommen des breit gefächerten Denkfest-Programms auch ist, es ist in zweierlei Hinsicht wichtig, ihn in den Gesamtkontext zu stellen: 86% der Mittel, die über den Trägerschaftsverein Ref500 an gut 50 Projekte ausbezahlt werden, stammen von den drei weltlichen Quellen: Dem Lotteriefonds des Kantons Zürich, der Stadt Zürich und Zürich Tourismus. Und das Denkfest erhält knapp 6 Promille des Ref500-Etats von insgesamt 13.8 Millionen Franken (siehe Abbildung). 


Woher die Ref500-Mittel stammen und wie viel an das Denkfest geht

Auf die Denkfest-Zuwendungen umgerechnet stammen also rund 69’000 Franken von den weltlichen und rund 11’000 Franken von den kirchlichen Trägern – angesichts des Programms, bei dem auch Religionsvertreter zu Wort kommen, ein durchaus gesundes Mischverhältnis. 

 

Der Anfang: Eine Anfrage an die Freidenker

Dass die Freidenker und die anderen Denkfest-Partnerorganisationen mit ihrer Veranstaltung ins Reformationsjubiläumsprogramm integriert sind, geht auf eine Anfrage ganz zu Beginn der Planung des Jubiläums zurück. Die Freidenker wurden als Veranstalter des Welthumanistentages angefragt, ob sie einen eigenen Beitrag leisten möchten. Sie nahmen den Vorschlag sehr positiv auf, kamen aber zum Schluss, dass das Denkfest, dessen nächste Durchführung für 2017 geplant war, als mehrtägige Veranstaltung den geeigneteren Rahmen bieten würde. Sie reichten bei der damaligen Jury eine Ideenskizze eines Denkfests zum Leitthema «Reformationen des Denkens» ein. Es sollte die Reformation als geschichtliches Ereignis aufnehmen, aber auch Reformationen des Denkens beispielsweise in der Wissenschaft beleuchten und einen Blick in die Zukunft wagen: Welche Reformationen des Denkens kommen wohl noch auf uns zu? Die Idee wurde für gut befunden. So wurde das Denkfest wurde so eines der 31 von ursprünglich rund 100 Projekten, das zur Unterstützung durch den Lotteriefonds empfohlen wurde.

Die Gesamtplanung des Jubiläums geriet danach zunächst etwas ins Stottern, da der Regierungsrat ein erstes Gesuch abgelehnt hatte: Zu teuer und über einen zu langen Zeitraum verteilt lautete die Kritik. Darauf folgte eine weitere Prüfung der Projekte, mehrere fielen, teils aus terminlichen Gründen, weg, das Denkfest blieb. Die Freidenker und ihre Partnerorganisationen veranstalten also einen Anlass, welcher die Reformation von aussen beleuchten will und soll als solcher eine sinnige Ergänzung zum Gesamtprogramm «500 Jahre Reformation» sein. Wir wissen es sehr zu schätzen, dass es zu keinem Zeitpunkt Versuche gegeben hat, Einfluss auf das Programm zu nehmen.

Trotz international bekannter ReferentInnen und Referenten wie Seyran Ates, Philipp Blom. A. C. Grayling oder Julia Shaw und ReligionsforscherInnen wie Susan Karant-Nunn oder Jörg Stolz blieb das mediale Interesse für das Programm leider bescheiden. Das änderte sich erst mit einem Artikel im Magazin bref, das von der Reformierten Presse herausgegeben wird. Der Autor interessierte sich aber nicht für die Inhalte sondern nur für das Fehlen der Logos auf der Denkfest-Website. Diese fehlten tatsächlich am Tag der Anfrage, dem 3. Oktober noch. Bis Mitte September waren wir davon ausgegangen, dass sich die Trägerorganisationen zwar im Verein Ref500 zur Koordination und dem Bilden gemeinsamen Jury zusammengeschlossen hatten, die Unterstützung der einzelnen Projekte aber jeweils über einen der Träger laufen würde – das Denkfest eben durch den Lotteriefonds, da wir im Vorfeld mehrfach über die Ergebnisse des dort durch den Verein Ref500 eingereichten Gesuchs orientiert worden waren.

Von bref erfundene Differenzen

Im bref-Bericht ist von einem Missverständnis und von Differenzen zwischen dem Verein und der Denkfest-Organisation die Rede. Das Missverständnis bezüglich der Finanzierungsquelle gab es, die Differenzen sind frei erfunden. Von dem Moment an, als den Denkfest-Trägern bewusst war, dass die Mittel aus dem gemeinsamen Pool stammten, war für sie auch klar, die Logos der Trägerschaftsorganisationen abzubilden. Auf den 26. September hatte das Denkfest zu einer Medienorientierung eingeladen und in der dafür vorbereiteten Medienmappe alle Logos abgedruckt. Bei der Website dauerte die Aktualisierung allerdings tatsächlich länger, da die Denkfest-Vorbereitungen in Freizeit durch ein kleines Team erfolgen. Unser Versprechen war, bis zur Ref500-Lancierungsfeier am 4. Oktober einen aktualisierten Text für die Website zh-reformation.ch abzuliefern und unsere eigene Website mit den Logos zu ergänzen. Beides haben wir eingehalten. Diese Ausführungen hatte der bref-Redaktor von Andreas kyriacou bereits mündlich erhalten, als er sich entschieden hatte, einen Artikel mit nicht autorisierten Zitaten abzudrucken und online zu stellen. Das bref-Magazin, betreibt durchaus auch guten Journalismus. Es enttäuscht im vorliegenden Fall jedoch, dass es seiner Leserschaft nichts über die Zielsetzungen und Programminhalte des Denkfests kommunizieren will. Das ist aber selbstredend Ermessenssache der Redaktion. Es wäre allerdings redlicher gewesen, wenn Redaktor Heimito Nollé bei der telefonischen Anfrage am 3. Oktober transparent angekündigt hätte, dass er nur über die Logos und die Finanzierung schreiben wolle, statt ein generelles Interesse am Denkfest zu suggerieren. Und dass aus der am 4. Oktober per Mail erfolgten Bitte «Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre korrigierte Stellungnahme bis 13 Uhr schicken könnten» nachträglich eine minutengenaue Deadline wurde und ein Mail, das um 13.37 bei ihm einging, in der Berichterstattung nicht berücksichtigt wurde, ist journalistisch schlechter Stil.

Einen Vorteil hat diese Posse: das Denkfest wurde von mehr Medienschaffenden als bisher wahrgenommen. Wir freuen uns darauf, dass sie sich nun auch für die Inhalte interessieren… 

Feiertage: modernisieren oder durch mehr Ferientage ersetzen

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Der Artikel in der Aargauer Zeitung vom 3. Oktober zum Umgang mit Feiertagen stiess auf grosse Resonanz. Der Blick doppelte noch am selben Tag nach und heute Mittwoch folgt nun ein Artikel auf 20 Minuten, der im Anriss auf der Front «Freidenker wollen die Feiertage abschaffen» die von Andreas Kyriacou geäusserte Position verkürzt wiedergibt.

Andreas Kyriacou wurde im Frühjahr 2017 von der ökumenisch-interreligiös ausgerichteten Zeitschrift aufbruch angefragt, einen Text zum Umgang mit den religiösen Feiertagen zu verfassen. Er erschien in der Juni-Ausgabe:

Die religiösen Feiertage sind längst säkularisiert, tragen wir dem auch gesetzlich Rechnung!

Sie sind beliebt, die Feiertage, die an Ereignisse der christlichen Religionslehre erinnern sollen. Die Beliebtheit hat heute allerdings vornehmlich mit dem Freiraum zu tun, die sie uns bieten – wir können privaten Interessen nachgehen oder uns mit Freunden oder Familienangehörigen treffen. Das Bedürfnis, die Tage mit religiösen Inhalten zu füllen, ist hingegen am Schwinden. Gemäss Erhebungen des Bundesamtes für Statistik nehmen 60 Prozent der Katholiken und über 70 Prozent der Reformierten höchstens fünfmal im Jahr an einem Gottesdienst teil, über ein Fünftel der Kirchenmitglieder verzichtet sogar ganz auf deren Besuch. Dies und die stetig steigende Zahl der Konfessionslosen sollte Auswirkungen auf den gesetzlichen Umgang mit diesen Tagen haben.

Etliche Kantone geben einigen religiösen Feiertagen einen besonderen Stellenwert und verbieten dann nichtreligiöse Anlässe, im Kanton Zürich gehören dazu auch Sportveranstaltungen im Freien. Derlei anachronistische Verhaltensverbote gehören abgeschafft. Feiertage wie Auffahrt, Pfingsten oder der Bettag, bei denen die meisten die religiöse Bedeutung kaum mehr kennen, geschweige denn ihre Tagesplanung danach ausrichten, sollten in Gesetzestexten überhaupt nicht mehr als spezifisch religiöse Feiertage gelten. Will man die Zahl der Feiertage, die Arbeitstätigen zustehen, erhalten, wäre ein Ansatz im Stil der Englischen Bank Holidays eine gute Möglichkeit. Ostern und Weihnachten sollen ruhig offizielle Feiertage bleiben, wer sie wie nutzen will, soll einfach jeder frei entscheiden dürfen.

Die Möglichkeit, Feiertage künftig wie Englische Bank Holidays zu behandeln, besprach Andreas Kyriacou auch mit Sacha Ercolani von der Aargauer Zeitung, der den Vorschlag in seinen Artikel aufnahm:

Dies würde bedeuten, dass einige vereinbarte Tage im Jahr als arbeitsfrei gelten. Laut Kyriacou könnten es Tage sein, die auf religiöse Feiern zurückgehen, aber ebenso weltliche Feiertage wie der 1. Mai oder der 1. August. Fallen sie auf ein Wochenende, gelte der Montag darauf als arbeitsfrei. «Sie wären arbeitsrechtlich wie andere Sonntage zu behandeln. Personen, die an diesem Tag arbeiten müssen, können den Tag also kompensieren», so Kyriacou. «Tanz- oder andere Verbote sollte es an solchen Tagen selbstredend nicht geben.»

Es geht also um zwei Varianten: entweder Feiertage wie den Pfingstmontag belassen bzw. in einen «Bank Holiday» umwandeln oder sie als verordnete Freitage aufgeben und stattdessen die Zahl der Ferientage entsprechend erhöhen.

Was aber relevanter ist: die Verhaltensverbote an den so genannt «hohen Feiertagen» müssen weg: selbstredend soll jeder den Pfingstsonntag oder den Bettag zum Kirchenbesuch oder zur Suche nach innerer Ruhe nutzen können. Es gibt aber keinen Grund, anderen zu verbieten, an diesen Tagen zu tanzen oder Fussball zu spielen.

FVS-Präsident zum künftigen Umgang mit religiösen Feiertagen

Dienstag, 3. Oktober 2017

Sasha Ercolani von der AargauerZeitung befragte unseren Präsidenten Andreas Kyriacou zum künftigen Umgang mit Feiertagen:

«Wäre die Inanspruchnahme eines christlichen Feiertags mit einem Gottesdienstzwang verbunden, wären die hohen Feiertage mit Sicherheit im Nu abgeschafft», sagt Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz. «Dies und die stetig steigende Zahl der Konfessionslosen müssen künftig unbedingt Auswirkungen auf den gesetzlichen Umgang mit diesen Tagen haben.» Kyriacou fordert, dass Feiertage wie Auffahrt oder Pfingsten, bei denen die meisten die religiöse Bedeutung kaum mehr kennen, geschweige denn ihre Tagesplanung danach ausrichten, in Gesetzestexten nicht mehr als spezifisch religiöse Feiertage gelten.»

-> Zum Artikel

Denkfest 2017: “Freidenker wollen säkularen Beitrag zum Reformationsjubiläum bieten”

Freitag, 29. September 2017

kath.ch vom 26.9.17 – Artikel von Barbara Ludwig

Seit bald einem Jahr finden zum Gedenken an «500 Jahre Reformation» zahlreiche Anlässe statt. Nun leisten auch die Schweizer Freidenker einen Beitrag dazu. Im November organisieren sie ihr drittes «Denkfest». Dieses hat das Thema «Reformationen des Denkens». Dort sprechen auch Vertreter der jüdischen, christlichen und islamischen Religionsgemeinschaften. Der Verein «500 Jahre Zürcher Reformation» unterstützt den Anlass.

Eine Reihe von Rednerinnen und Redner, viele davon aus dem Ausland, sprechen am dritten internationalen Wissensfestival «Denkfest» vom 2. bis 5. November über «vergangene, gegenwärtige und bevorstehende Reformationen des Denkens», heisst es in einer Einladung an die Medien.

Gemäss Programm geht es lediglich bei drei Veranstaltungen um die Reformation als Ereignis der europäischen Geschichte. So hält der in Zürich lehrende Historiker Bernd Roeck einen Vortrag mit dem Titel «War die Reformation ein zwingender Vorläufer der Aufklärung?» Die amerikanische Geschichtswissenschaftlerin Susan Karant-Nunn befasst sich mit dem Einfluss der Reformation auf die Frauen. Eine dritte Veranstaltung nimmt die Schriften von Martin Luther über die Juden unter die Lupe.

Ergänzung zum Reformationsgedenken

Mit den Veranstaltungen zum Thema «Reformation» wolle man die «sonstigen» Anlässe zum Reformationsgedenken ergänzen, erklärte Andreas Kyriacou, Initiant des Denkfestes und Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, am Dienstag gegenüber kath.ch. Der Fokus des Wissensfestivals ist aber breiter angelegt, was sich auch im übrigen Programm zeigt. Es gehe allgemein um Reformationen des Denkens, so Kyriacou. «Weil die Gesellschaft zunehmend säkularer wird, wollen wir verschiedene Reformationen des Denkens aus einer säkularen Perspektive anschauen.»

Am letzten Tag des «Denkfestes» hält der deutsche Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon einen Vortrag, in dem er gemäss Ankündigung für einen «weltanschauungsübergreifenden Humanismus» plädieren wird. Im Anschluss an den Input des Philosophen soll ein Podium der Frage nachgehen, ob der Humanismus eine Reform brauche.

Platz im Programm des Reformationsjubiläums

Hier sei eine Beteiligung von Religionsgemeinschaften vorgesehen, sagte Kyriacou. Man wolle je einen Vertreter aus dem reformierten Christentum, dem Judentum und dem Islam einladen, entsprechende Anfragen seien am Laufen. Die römisch-katholische Kirche wird nicht angefragt. Man habe sich für die reformierte Kirche entschieden, weil sie einen «unmittelbareren Bezug» zur Reformation habe, erklärte Kyriacou.

Das diesjährige «Denkfest» ist in das Programm des Zürcher Reformationsjubiläums eingebettet und wird vom Verein «500 Jahre Zürcher Reformation» finanziell unterstützt, heisst es auf der Webseite des «Denkfestes». Nicolas Mori, Leiter Kommunikation der Reformierten Kirche im Kanton Zürich, bestätigte dies gegenüber kath.ch.

Reformierte Kirche schätzt kritische Anfragen

Die Gründung des Vereins «500 Jahre Zürcher Reformation», an dem unter anderem auch der Kanton Zürich und die Stadt Zürich beteiligt sind, ist nach Angaben von Mori wesentlich durch die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich initiiert worden. Dahinter sei der Wille gestanden, das Reformationsjubiläum nicht nur als «binnenkirchliches Ereignis abzufeiern», sondern es aufgrund seiner welthistorischen Bedeutung in die weitere Öffentlichkeit zu tragen.

Zudem wolle man im Rahmen des Jubiläums nicht nur historische Bezüge herstellen, sondern auch aktuelle, «etwa indem wir Evangelium und Theologie auf ihre heutige Relevanz befragen». Vor diesem Hintergrund würde es «von wenig Grösse zeugen», wenn man sich gegen kritische Anfragen und Projekte wehren würde, erklärte Mori zum Einbezug des Freidenker-Anlasses ins Jubiläumsprogramm. «Die Freidenker sind eine solch kritische Anfrage.»

Am «Denkfest» der Freidenker hat gemäss Programm auch die Muslimin Seyran Ates einen Auftritt, die im Juni in Berlin eine liberale Moschee eröffnete. Im Anschluss an einen Vortrag von Ates findet ein Podiumsgespräch mit ihr und zwei in der Schweiz lebenden Muslimen statt, Abduselam Halilovic, Vorstandsmitglied und Mediensprecher der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich, sowie Kerem Adigüzel. Dieser träumt laut «Tages-Anzeiger” (17. August) von einer liberalen Moschee in der Region Zürich.

Das «Denkfest» findet zum dritten Mal statt. Erstmals wurde es 2011 durchgeführt. Die diesjährige Ausgabe wird von der Freidenker-Vereinigung der Schweiz organisiert, in Zusammenarbeit mit dem Verein «Skeptiker Schweiz», der Giordano-Bruno-Stiftung, der Volkshochschule Zürich und weiteren Institutionen. (bal)

“Den Säkularen reicht das Diesseits” – Gastkommentar von Andreas Kyriacou in der NZZ

Montag, 22. Mai 2017

Am 7. April fragte Urs Hafner in der NZZ woran die Nichtreligiösen glauben – und lieferte gleich selbst Antworten. Diese fielen allerdings eigenartig aus. Die Freidenker bezeichnete er als militant und dogmatisch. Die NZZ bot auf Nachfrage an, in der Rubrik “Meinung und Debatte” eine Replik zu veröffentlichen. Sie erschien am 19. Mai. Anbei der Text in voller Länge.

 

Den Säkularen reicht das Diesseits

Von Andreas Kyriacou

In der Wochenendbeilage vom 7. April widmete sich die NZZ der Säkularisierung. Bemerkenswerterweise wurde dafür keine Person zu ihrer Weltanschauung befragt, die sich selbst als säkular bezeichnet. Die Beschreibung dieser Gruppe blieb dem Autor Urs Hafner vorbehalten, der einige eigenwillige Annahmen traf. Dieser Beitrag will einige so entstandene Missverständnisse aus dem Weg räumen.

Urs Hafner sinnierte darüber, woran die Religionsdistanzierten glauben, und kam zum Schluss, dass sie nicht einfach nichts glauben. Der Atheist, der auch in der grössten Sinnkrise kein Stossgebet zum Himmel schicke, sei die absolute Ausnahme, und auch eine Person, die sich als konfessionslos oder Agnostikerin bezeichne, könne recht gläubig sein, man müsse nur genauer hinschauen.

Genauer hinschauen sollte man in der Tat. Und das wurde erfreulicherweise auch schon gemacht, so dass wir uns nicht auf Bauchgefühle verlassen müssen. Für die Strukturdatenerhebung 2014 des Bundesamtes für Statistik wurden gut 16’000 Personen zu ihrer Religiosität befragt. Die repräsentativen Ergebnisse zeigen: Religionsferne ist längst Standard. Drei Viertel der Protestanten und 60 Prozent der Katholiken besuchen höchstens fünfmal im Jahr einen Gottesdienst. Bei den unter 35-Jährigen sind gar 80 (Protestanten) beziehungsweise 71 Prozent (Katholiken). Und selbst der privateste religiöse Akt, das Beten, gehört bei vielen Kirchenmitgliedern nicht mehr zum Lebensalltag: Jeder vierte Katholik und jeder dritte Protestant hatte in den letzten zwölf Monaten überhaupt nie gebetet.

Angesichts der Tatsache, dass selbst eingeschriebene Kirchenmitglieder ihr Leben oftmals bestens ohne Gottesdienste und Gebet meistern, mutet es seltsam an, wenn Urs Hafner ausgerechnet den Konfessionslosen eine versteckte Religiosität zuschreiben will. Sie bilden nämlich eine weitaus homogenere Gruppe als die einzelnen Konfessions- und Religionsgruppen: 94 Prozent von ihnen beantworten die Frage, ob sie sich als religiöse Person bezeichnen, mit eher oder klar nein. Die Konfessionslosen gehen als einzige Weltanschauungsgemeinschaft mehrheitlich davon aus, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und dass keine höhere Macht unser Schicksal bestimmt. Und sie sind die einzige Gruppe, die klar mehrheitlich der Ansicht ist, dass Religion oder Spiritualität für sie im Umgang mit Krankheiten oder anderen schwierigen Lebenssituationen keine oder keine wichtige Rolle einnehmen.

Zu den Freidenkern, die sich für die Anliegen der Säkularen engagieren, stossen sowohl Personen, die selbst schon immer religionslos waren, wie auch solche, die mit ihrer – meist familiär bedingten – religiösen Vergangenheit brechen. Für sie gilt die konfuzianische Aussage, dass der Mensch zwei Leben hat – das zweite beginnt dann, wenn man merkt, dass man nur eines hat. Die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit befreit, ebenso die Überzeugung, dass keine Götter auf uns einwirken wollen. Es ist ein wunderbarer Ansporn, dem Leben selbst Sinn zu geben. Imaginäre Freunde braucht es dazu wahrlich nicht. Wissenschaft, Kunst, Philosophie, unsere zivilisatorischen Errungenschaften, die Natur und das soziale Umfeld reichen dafür bestens.

Die den Freidenkern im Artikel unterstellte Militanz erläutert Hafner nicht. Ist es das Anbieten weltlicher Rituale, das demokratische Eintreten für mehr Trennung von Staat und Kirche, die Hilfe für verfolgte säkulare Aktivisten in «Gottesstaaten»? Das wissenschaftlich-humanistische Kinderlager Camp Quest? Oder das mehrtägige Wissensfestival Denkfest, das sich in seiner diesjährigen Ausgabe dem Thema «Reformationen des Denkens» annimmt? Mit dieser «Militanz» können wohl auch nicht Interessierte recht entspannt umgehen – was auf religiöse Militanz nicht unbedingt zutrifft.

Andreas Kyriacou ist Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz und Berater für Wissensmanagment

“Wissenschaft beweist, Glaube behauptet” – Plakatkampagne der FreidenkerInnen Winterthur

Freitag, 5. Mai 2017

Artikel zur Werbekampagne der FreidenkerInnen Winterthur auf zueriost.ch vom 03.05.2017:

Ab dem 8. Mai hängen in Winterthur Plakate, die die Freidenker gestaltet haben. Sie sollen liberale, humanistische Werte ins Zentrum rücken. Die entsprechende Webseite kann jetzt schon besucht werden.

Vor einem Jahr sammelten die Freidenker Region Winterthur über zehntausend Franken für eine Plakatkampagne (wir berichteten). Diese Kampagne solle gemeinsame liberale humanistische Werte ins Zentrum stellen, schreibt die Arbeitsgruppe in einer Mitteilung.

Die entsprechende Webseite – https://denk-nach.ch – steht ab sofort bereit. Die hundert Plakate mit zehn verschiedenen Texten hängen ab dem 8. Mai für zwei Wochen in ganz Winterthur verteilt.

Was denken Sie?

Die ausgewählten Plakat-Texte sollen eine offene Gesellschaft repräsentieren, erklären die Freidenker. Dabei würden sich die Texte bewusst von fundamentalistischen Ansichten abgrenzen und seien gleichzeitig so formuliert, dass gemässigte religiöse Menschen zustimmen können.

Insgesamt wurden 40 Texte ausgewählt, die alle auf der Webseite nachgelesen werden können. Nur die 10 Siegertexte werden aber auf den Plakaten zu lesen sein.

Die zehn Siegertexte:

Deine Sexualität – Dein Körper – Deine Entscheidung
Gemeinsame Werte basieren auf Vernunft
Wissenschaft beweist, Glaube behauptet
Kinder schlagen ist häusliche Gewalt
Denken statt glauben
Gewalt löst keine Probleme
Glaube ist Privatsache
Totalitarismus ist Furcht vor Freiheit
Liebe Deinen Körper / Pflege Deinen Verstand
Evolution ist Tatsache

BZ vom 23.02.2017: “Selbstbedienungsladen Religion” – Für FVS-Präsident Andreas Kyriacou eine erfreuliche Entwicklung

Freitag, 24. Februar 2017

Berner Zeitung vom 23.02.2017:

Bald scheint der Wendepunkt erreicht zu sein. Wie die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, fehlt nicht mehr viel, bis die Konfessionslosen die Reformierten in der Schweiz zahlenmässig eingeholt haben. Immer mehr Menschen drehen der Kirche den Rücken zu. In Basel-Stadt entzieht sich mit 46 Prozent sogar fast die Hälfte der ­Bevölkerung einer Religions­gemeinschaft. «Konfessionslose sind ein Massenphänomen geworden», bestätigt Judith Albisser vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI). Die Mitarbeiterin dieses Forschungsinstituts der katholischen Kirche schreibt von einem «rasanten Anstieg in wenigen Jahrzehnten», der auf drei Faktoren zurückzuführen sei: Menschen treten aus der Kirche aus; Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr taufen; konfessionslose Personen wandern in die Schweiz ein.

Zusammen bilden Katholiken und Reformierte in der Schweiz zwar eine deutliche Mehrheit. Vor 60 Jahren machten sie aber fast 100 Prozent der Bevölkerung aus. Dann begann die Zahl der Konfessionslosen zu steigen. Das verlief parallel zum gesellschaftlichen Phänomen der Individualisierung, erklärt Albisser: «Der Kirchenaustritt wurde enttabuisiert, und seither kann das Individuum aus verschiedenen Weltanschauungen und Religionen frei wählen.» Für Andreas Kyriacou ist das eine erfreuliche Entwicklung. Er ist Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz. Für ihn ist der entstandene «Wettbewerb unter den Welt­anschauungen» positiv: «Sinn­suchende können im breiten Angebot eine passende Antwort ­finden.»

>>Artikel auf bz.ch online lesen

“Kontroverse um das Kirchengeläut” – FVS Vizepräsident Valentin Abgottspon diskutiert mit auf SRF 1

Montag, 20. Februar 2017

Diskussion auf SRF 1 vom 16.02.2017:
Glockengeläut hat Tradition und gehört zum Schweizer Klangbild. Allerdings nicht für alle! Der stete Glockenschlag während der Nacht raubt vielen Menschen den Schlaf. Sie fordern: Stellt die Kirchenglocken ab! Schlägt den Kirchenglocken die letzte Stunde? Die Frage polarisiert.

Nächstens berät das Parlament der Stadt Bern über eine Motion, welche den Glockenschlag in der gesamten Hauptstadt während der Nacht verbieten will. In einigen anderen Kirchgemeinden sind die Glocken während der Nacht bereits verstummt.

Fall Wädenswil, ein Fall von vielen
Letztes Jahr entschied das Zürcher Verwaltungsgericht, dass die reformierte Kirche in Wädenswil in der Nacht auf den Viertelstundenschlag verzichten muss. Die Glocken dürfen nur noch stündlich schlagen. Das Urteil wurde von der Kirchbehörde ans Bundesgericht weitergezogen, ein Urteil wird im Sommer erwartet.

Im Urteil des Zürcher Verwaltungsgerichts steht:

« Stündliche Glockenschläge vermögen der Tradition Genüge zu tun und die Zeitansagefunktion der Kirchenglocken hat heute nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher. »
« Mit Blick auf die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse kann nächtliches Kirchengeläut von über 40-45 dB – abweichend von der früheren Praxis – bereits eine unzulässige Lärmimmission sein. »
Das Urteil wurde von der Kirchbehörde ans Bundesgericht weitergezogen, ein Urteil wird im Sommer erwartet.

Online-Diskussion
Sind Kirchenglocken Tradition oder Ruhestörung? Sind sie religiöse Symbole im öffentlichen Raum, schlafraubende Lärmmaschinen oder heimatstiftend?

Meinungen und Voten aus der Online-Diskussion sind in die Sendung «Forum» eingeflossen. Das Kommentarfeld ist nun geschlossen.

In der Sendung diskutierten folgende Gäste mit Hörerinnen und Hörern:

Christoph Sigrist, Pfarrer, Grossmünster Zürich
Porträt von Christoph Sigrist.Bild in Lightbox öffnen.
Bildlegende: Christoph Sigrist, Pfarrer, Grossmünster Zürich. ZVG
Für Christoph Sigrist ritzen Glockenschläge religiöse Empfindungen. Es gehe um mehr als um Dezibel, ist er überzeugt. Im Raum stehe die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Zeichen der Religion im öffentlichen Raum umgehe. Für ihn ist klar:

« Kirchenglocken gehören zu unserer Tradition. »
Valentin Abgottspon, Schweizer Freidenkervereinigung
Porträt von Valentin Abgottspon.Bild in Lightbox öffnen.
Bildlegende: Valentin Abgottspon, Vizepräsident Freidenkervereinigung Schweiz, Lehrer und Autor. ZVG
Für den Freidenker Valentin Abgottspon gehören Glocken in der Nacht abgestellt.

« Der stündliche Glockenschlag mitten in der Nacht ist nicht mehr zeitgemäss und stört die Nachtruhe. »

 

>>Hier können Sie die Sendung hören

“Sternstunde Religion” – SRF vom 5.2.2017: Religiöse Erziehung – Gottvertrauen oder Gift für Kinder?

Montag, 6. Februar 2017

Nada Peratovic, Juristin und Mitglied der Freidenker Vereinigung der Schweiz bei "Sternstunde Religion"

 ”Sternstunde Religion” – SRF Kultur vom 05. Februar 2017: “Gottvertrauen oder Gift für die Kinder”:

Religion hat für viele Menschen einen zweifelhaften Ruf. Religion ist für sie gleichbedeutend mit Zwang, Konflikt und Gewalt. Soll man da seine Kinder noch religiös erziehen? Zwei Mütter und ein Vater erklären, warum sie ihren Kindern religiöse Werte weitergeben.

Der Glaube bedeutet ihnen Heimat und Halt im Alltag. Sie erziehen ihre Kinder religiös: Christine Bachmann christlich, Dilek Ucak-Ekinci muslimisch und Doron Schächter jüdisch. Sie beten mit ihren Kindern und besuchen mit ihnen die Kirche, die Moschee oder die Synagoge. Sie wollen ihnen Werte wie Geduld, Nächstenliebe oder Gottvertrauen weitergeben.

Ist es noch zeitgemäss, Kinder religiös zu erziehen? Sollten Kinder nicht später selber eine Religion wählen? Wo ist die Grenze zwischen religiöser Erziehung und Indoktrination?

Norbert Bischofberger leitet die Debatte.

>>Sendung anschauen auf srf.ch

Podiumsdiskussion am 06.02.2017 in Zürich: “Wieviel Religion erträgt die Schule”? – Mit Freidenker Vereinigung – Präsident Andreas Kyriacou

Freitag, 13. Januar 2017

Bis vor wenigen Jahren war der Unterricht der ‘Biblischen Geschichte’ an Schweizer Schulen üblich. Heute wird Religionskunde übergreifend als ‘Religion und Kultur’ vermittelt. Gehört das Wissen über Religionen zum schulischen Pflichtstoff und wenn ja, welchen Mehrwert bietet das? Und wie steht es um Unterricht vonseiten Religionsgemeinschaften, der durch eigenes Personal an Schulen durchgeführt werden kann? Oder darf das Thema keinen Platz einnehmen in den staatlichen Schulen?

Unter der Leitung von SRF-Religionsredaktorin Judith Wipfler diskutieren Andreas Kessler, Dozent für Religionspädagogik an der Universität Bern, und Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung -frei-denken.ch- kontrovers, ob und welchen Religionsunterricht es heute braucht. Wie viel Religion verträgt die Schule? Oder birgt sie gar mehr Konflikte als Lösungen?

 

Veranstalter: Zürcher Institut für interreligiösen Dialog - ziid

Leitung Judith Wipfler

Podium Andreas Kessler, Andreas Kyriacou

Montag, 6. Februar 2017

Zeit 19.00 – 20.30 Uhr

Ort Kulturpark, Pfingstweidstrasse 16, Mehrzwecksaal

Kosten CHF 25.-

Anmeldeschluss 20. Januar >> Anmeldung hier<<

Der Anlass wird in Zusammenarbeit mit Kulturpark durchgeführt und ist Teil der Reihe «Religiöse Erziehung in einer offenen
Gesellschaft».