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“Man nennt es Reformation” – Karlheinz Deschner in einer Sonderausgabe der Zeitschrift “Aufklärung und Kritik”

Montag, 10. April 2017


In der Zeitschrift “Aufklärung und Kritik” erschien soeben das Sonderheft Luther.
Aus Karlheinz Deschners Schriften, insbesondere der Kriminalgeschichte des Christentums wurde von Gabriele Röwer eine Auswahl seiner Schriften für einen Beitrag ebendort zusammengestellt.

Der gesamte Artikel ist unter folgendem Link nachzulesen und als PDF downloadbar:

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 Martin Luther und die Reformation aus der Sicht des Autors der Kriminalgeschichte des Christentums

Textauswahl und Nachwort: Gabriele Röwer


“Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch, am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.”

Aus dem Vorwort:
Dass Karlheinz Deschner (1924-2014) in seinem Opus Magnum, der zehnbändigen Kriminalgeschichte des Christentums, deren inoffiziell elfter, noch vor der KdC erstmals publizierter Band Die Politik der Päpste bis ins Zeitalter der Weltkriege reicht, sein kritisches Augenmerk zumeist auf die katholische Kirche richtet, darf nicht übersehen lassen, dass insbesondere die Bände 8-10 auch die, zuweilen nicht minder blutige, Geschichte des Protestantismus einbeziehen – von der Reformation im 16. bis, ein Beispiel nur, zu den NS-treuen «deutschen Christen» im 20. Jahrhundert. Wie das alles begann, zeigt Deschner im 11. und 12. Kapitel des dem 15. und 16. Jahrhundert gewidmeten 8. Bandes seiner KdC, wegen der gebotenen Kürze dieses Beitrags – ausgenommen Luthers Haltung gegenüber Bauern und «Ketzern», voran die „Täuferbewegung“  nur summarisch vorgestellt (Luthers Kampf gegen Papst, Hexen und Juden).

 

Aus dem Nachwort:
Die Kapitel über Martin Luther im 8. Band der Kriminalgeschichte des Christentums (KdC) schrieb Karlheinz Deschner aus demselben Blickwinkel – von unten, von den Opfern klerikaler und weltlicher (Macht-) Politik her – wie seine gesamte Kirchenkritik, andere Aspekte historisch-theologischer Forschung gelten ihm [wie im A&K-Beitrag begründet] weitgehend als marginal. Diese oft monierte, indes den ethischen Voraussetzungen all seines Schreibens entsprechend bewusst gewählte Einseitigkeit begründete er ausführlich in der Einleitung zum Gesamtwerk (KdC Bd.1), das durchweg getragen wird von seiner Empörung über die Verkehrung urchristlicher Ideale, voran Friedfertigkeit, ins krasse Gegenteil, er nennt es «Heuchelei im Heiligenschein».

Gilt vor diesem Hintergrund ein Großteil der KdC der Kritik der katholischen Kirche (erweitert vor allem um die Verletzung des jesuanischen Armutsideals), so schließt Deschner seit dem 8. Band der KdC auch die protestantische Kirche ein, zumal ihren Inspirator Martin Luther. Sein Anspruch, nun, im Kontrast zu Katholiken, «evangelische», dem «Evangelium»

gemäße Kirche zu sein, ist für ihn, von den ethischen Implikationen etwa der «Bergpredigt» aus gesehen, nicht nachvollziehbar, wie seine kritischen Ausführungen über Luthers (bei Paulus und Augustinus vorgezeichnete) Intoleranz, seine [im A&K-Beitrag ausführlich dargelegte] Gewaltbereitschaft (bis hin zum Tötungsaufruf) gegenüber Andersdenkenden – Altgläubigen, Bauern und «Ketzern», Hexen4 und Juden – zeigen, sobald seiner neuen, nun statt der alten «allein wahren» Lehre nicht entsprochen wird (Thomas Müntzer nennt ihn daher den neuen «Wittenbergischen Papst»). Wie passt dies, so die durchweg präsente Frage Deschners, zum Eu-angelion des biblischen Jesus, jenes «Christus», auf den Luther – nicht anders als die Päpste – sich stets beruft?5

Im ersten, wegen der gravierenden historischen Folgen ihm besonders wichtigen Teil seiner Kritik, betitelt Der Reformator läßt die Bauern schlachten oder «Anzaigung zwayer falschen Zungen des Luthers» (der Untertitel verweist auf die von Deschner mehrfach erwähnte, oft, wie manch andere Reaktionen, widersprüchlich anmutende Taktik Luthers, erst sprachgewaltig zu werben und zu locken, bei Misserfolg mit allen Mitteln, auch den brutalsten, zu strafen, zumal «Ketzer» und Juden), beleuchtet Deschner ein Kardinalproblem der Lehre Luthers: Auch wenn er eine von dessen bedeutendsten Schriften – Von der Freyheith eines Christenmenschen (1520) – nicht explizit nennt, wird die fatale Crux dieses Freiheitsbegriffs im zentralen Konflikt Luthers mit den gegen ihre Unterdrückung rebellierenden Bauern offensichtlich. Verstanden diese, selbst wenn, wie meist, durchaus religiös gesonnen, «Freiheit» auch wörtlich, nämlich «fleischlich» («weltlich», auf ihr unerträgliches, vor allem von Leibeigenschaft zu befreiendes Leben bezogen), galt er für Luther (gemäß seiner 1523 in der Schrift Von weltlicher Obrigkeit begründeten «Zwei-Reiche Lehre» – Gottes Reich und Reich der Welt, Kirche und Staat) rein «geistlich»-theologisch – für ihn wie für viele, die nach ihm kamen, ein Garant der Bewahrung der «göttlichen Ordnung» auf Erden, des «status quo», wie, nicht minder, wenn auch aus anderen Gründen, auf katholischer Seite. Deshalb, um das Proprium seiner «Reformation» nicht zu gefährden, gebot er u.a. den ihm ergebenen Landesherren Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern in den Krieg zu ziehen. Deren Niederschlagung bedeutete für Luther einen Sieg der Reformation «in Christo», für Deschner (und viele andere Vertreter der deutschen Geistesgeschichte) «eines der folgenreichsten Verhängnisse der deutschen Geschichte, keineswegs nur für die Bauern6 […], sondern für die Deutschen, Deutschland überhaupt» (nicht zuletzt wegen all der in Band 8-10 der KdC geschilderten Kriege der nächsten Jahrhunderte, auch zur Austragung von Konfessionskonflikten wie 1618-1648: «Solange die Menscheit eine Religionsgeschichte hat, hat sie eine Kriegsgeschichte.» Robert Mächler, «Mittler» von Karlheinz Deschners Werk in der Schweiz).

So erweist sich das, was gemeinhin am Reformator Luther besonders gerühmt wird, für Deschner gerade als besonders bedenklich, ja, gefährlich – daher seine skeptische Distanzierung mit der Wahl des Titels für das 12. Kapitel Man nennt es Reformation –, zumal (am Schluss des 11. Kapitels) mit Blick auf jene, die, «geistlich frei», gut (oder vielmehr nicht gut!) «evangelisch», in der Folgezeit, auch durch Luthers «Zwei-Reiche-Lehre», sich legitimiert sahen, selbst den übelsten, die «weltliche» Freiheit der Bürger verhindernden Autokraten, auch Faschisten, zu Diensten zu sein, willfährig, ohne alle Skrupel, ja, besten Gewissens, was neben der (von Deschner in Die Politik der Päpste ausführlich aufgezeigten) Kooperation des katholischen Klerus mit dem europäischen Faschismus zuweilen leicht übersehen wird.
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1 Die Belege zu den folgenden Darlegungen und Zitaten Karlheinz Deschners nebst der Fülle zugehöriger Literaturangeben sind nachzulesen in den Anmerkungen zu den Kapiteln 11 und 12 des 8. Bandes seiner Kriminalgeschichte des Christentums [Abk. KdC]. Vom Exil der Päpste in Avignon bis zum Augsburger Religionsfrieden. © 2004 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. Ich danke dem Verlag für die Abdruckgenehmigung ausgewählter Texte aus beiden Kapiteln, Dr. Michael Schmidt-Salomon, Sprecher der dem Werk Karlheinz Deschners verbundenen Giordano-Bruno-Stiftung, für die aufwändige Unterstützung bei der Erstellung einer verarbeitungsfähigen Textdatei und Helmut Walther, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“, für hilfreichen Rat […]. – Die Luther-Zitate entstammen zumeist der Weimarer Ausgabe, 1883 ff, sowie der Berliner Ausgabe, Auswahl in 8 Bänden, 5. Auflage 1959/62. – […] Die Schreibweise Deschners wurde beibehalten. Seine Änderungen oder Hinweise sind durch runde Klammern, seine Auslassungen durch 3 Punkte gekennzeichne, Auslassungen (bzw. in der Kurzfassung: Ergänzungen) von G.R. durch 2 eckige Klammern .
2 Karlheinz Deschner. Abdruck im vierten Band seiner Aphorismen Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln, Lenos 2016.
3 Dieses Werk Deschners über die Päpste im Zeitalter der Weltkriege erschien mehrfach unter wechselnden Titeln – erstmals 1982/83 in 2 Bänden bei Kiepenheuer&Witsch, dann bei Rowohlt 1991, schließlich 2013 im Rahmen der dankenswerten «Deschner-Edition» vergriffener oder schwer zugänglicher Werke des Autors bei Alibri (Gunnar Schedel).
4 Infolge der katholischen Vulgata-Übersetzung von Exodus 22,17 «Die Zauberer sollst du nicht leben lassen» wurden in katholischen Regionen i.a. öfter Männer verurteilt als in protestantischen, die sich auf die Luther-Übersetzung «Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen» beriefen, sodass Hexen, da besessen vom Teufel – für Luther stets allgegenwärtig –, immer mit dem Tode bestraft wurden (erwachsene Behinderte im Rahmen von Teufelsprozessen einbezogen). Vgl. u.a. die Übersicht http://www.theologe.de/theologe3.htm, Nr. 15.
5 Deschner fragt, welches «Evangelium» Luther meint, etwa in Auseinandersetzungen wie jener mit unbotmäßigen Chorherren in Altenburg. Im Kapitel Der Reformator läßt die Bauern schlachten zitiert Deschner einen Brief Luthers an seinen Freund Georg Spalatin, geschrieben 1522 auch im Blick auf seine katholischen Gegner: «Das Wort Gottes ist ein Schwert, ist Krieg, ist Zerstörung, ist Ärgernis, ist Verderben, ist Gift und, wie Amos sagt, gleich dem Bär am Wege und der Löwin im Walde.»
6 «Alle Revolutionen kosten Blut, am meisten aber die versäumten.» Siehe Anm. 2.
7 Wie erst hätte Luther über jene geurteilt, denen seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche die Voraussetzung dafür schuf, dass die Ergebnisse der mit Reimarus in der Frühzeit der Aufklärung beginnenden, über dessen Kinder durch Lessing, noch anonym, verbreiteten historisch-kritischen Bibel-, zumal Leben-Jesu-Forschung, zunächst von der christlichen Orthodoxie heftigst befehdet, allmählich Resonanz fanden, nicht nur im Bildungsbürgertum? Karlheinz Deschners 1962 publiziertes epochales Frühwerk Abermals krähte der Hahn. Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten (2015 neu aufgelegt von Alibri in der Reihe «Deschner-Edition»; vgl. die Rezension in A&K 3/2016, S. 240-243) wertet im Hauptteil die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung zumeist evangelischer, auch katholischer Theologen akribisch aus (Resultat: «Vom periphersten Brauch bis zum zentralsten Dogma, vom Weihnachtsfest zur Himmelfahrt: lauter Plagiate.» – und dies durchweg, sogar, wie Deschner zeigt, das «christliche Proprium» betreffend, die «jesuanische Ethik», voran die Nächsten- und Feindesliebe). Im Schlussteil demonstriert er – gemäß dem Haupttitel seines Buches – an markanten, in der KdC erheblich vertieften Beispielen den permanenten Verrat der Ethik des synoptischen Jesus durch das Gros des Klerus bis hin zum europäischen Faschismus: dieses Werk, m.E. sein wichtigstes, weil detailliert der frag-würdigen Basis des Ganzen, seinen Wurzeln nachgehend (vgl. auch KdC Bd. 3 sowie Der gefälschte Glaube), bewirkte schließlich, vorbereitet in etlichen Forschergenerationen seit Reimarus, die erste große Welle von Kirchenaustritten. Denn dieses Werk führte den «Wort-Gottes»-Anspruch der «Heiligen Schrift» ad absurdum und entlarvte gleichzeitig die Heuchelei jener Mächte, die sich, zumal ex cathedra, darauf berufen – Luthers Kampf gegen Bauern und «Ketzer», Hexen und Juden, stets unter Berufung auf «sein» Evangelium, nicht ausgenommen. Beides, die kritische Hinterfragung der biblischen Grundlagen christlichen Glaubens wie der Nachweis der jeder ernst zu nehmenden Ethik hohnsprechenden Praktizierung dieses Glaubens durch seine maßgeblichen Verkünder, kann, laut Deschner, das Bild auch Luthers, des bis heute weithin hochgeschätzten Reformators, nicht unberührt lassen.

BZ vom 23.02.2017: “Selbstbedienungsladen Religion” – Für FVS-Präsident Andreas Kyriacou eine erfreuliche Entwicklung

Freitag, 24. Februar 2017

Berner Zeitung vom 23.02.2017:

Bald scheint der Wendepunkt erreicht zu sein. Wie die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, fehlt nicht mehr viel, bis die Konfessionslosen die Reformierten in der Schweiz zahlenmässig eingeholt haben. Immer mehr Menschen drehen der Kirche den Rücken zu. In Basel-Stadt entzieht sich mit 46 Prozent sogar fast die Hälfte der ­Bevölkerung einer Religions­gemeinschaft. «Konfessionslose sind ein Massenphänomen geworden», bestätigt Judith Albisser vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI). Die Mitarbeiterin dieses Forschungsinstituts der katholischen Kirche schreibt von einem «rasanten Anstieg in wenigen Jahrzehnten», der auf drei Faktoren zurückzuführen sei: Menschen treten aus der Kirche aus; Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr taufen; konfessionslose Personen wandern in die Schweiz ein.

Zusammen bilden Katholiken und Reformierte in der Schweiz zwar eine deutliche Mehrheit. Vor 60 Jahren machten sie aber fast 100 Prozent der Bevölkerung aus. Dann begann die Zahl der Konfessionslosen zu steigen. Das verlief parallel zum gesellschaftlichen Phänomen der Individualisierung, erklärt Albisser: «Der Kirchenaustritt wurde enttabuisiert, und seither kann das Individuum aus verschiedenen Weltanschauungen und Religionen frei wählen.» Für Andreas Kyriacou ist das eine erfreuliche Entwicklung. Er ist Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz. Für ihn ist der entstandene «Wettbewerb unter den Welt­anschauungen» positiv: «Sinn­suchende können im breiten Angebot eine passende Antwort ­finden.»

>>Artikel auf bz.ch online lesen

Säkularisierung / Schweiz: “Tausende verlassen die Kirchen” – Austritte nehmen deutlich zu

Freitag, 10. Februar 2017

Artikel auf nzz-online vom 08.02.2017:

Während die Schweizer Reformationsstädte das 500-Jahr-Jubiläum zelebrieren, verlassen die Mitglieder in Scharen die reformierten Kirchen. In der Calvinstadt Genf, wo der Startschuss zu den internationalen Jubiläumsfeierlichkeiten fiel, gehören mittlerweile weniger als 10 Prozent der Bevölkerung der reformierten Kirche an. Gesamtschweizerisch ist nur noch knapp jeder Vierte reformiert. Im Jahr 1950 waren es noch doppelt so viele. Grund für diese Entwicklung sind vor allem die massenhaften Kirchenaustritte, wie eine am Mittwoch veröffentlichte Studie des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) für das Jahr 2015 zeigt.

Die Situation hat sich in den letzten Jahren noch verschärft: Immer mehr Leute treten jährlich aus – und das in allen Kantonen, ausser in Nidwalden. In Bern, Solothurn und im Jura wandten sich im vorletzten Jahr fast 5000 Leute von der reformierten Kirche ab (siehe Grafik) – das sind mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 2000. Ähnlich hohe Austrittszahlen verzeichneten nur die reformierten Zürcher Kirchen in den Jahren 2009 und 2010. Damals schüttelte eine Reihe von Missbrauchsskandalen die katholische Kirche durch, was auch bei vielen Reformierten Skepsis gegenüber der Institution Kirche auslöste.

 

>>Artikel auf nzz.ch lesen

Deutschland – Religionsunterricht: “Und wie soll man Religion nun lehren?”

Montag, 30. Januar 2017

Artikel auf zeit.de vom 26. Januar 2017:

Den größten Spaß am alten Religionsunterricht, erteilt vom Herrn Pfarrer und streng nach Bekenntnis getrennt, hatten früher die türkischen Gastarbeiterkinder. Die durften nicht teilnehmen. Sie hatten frei und wurden von deutschen Klassenkameraden beneidet, damals in den sechziger, siebziger Jahren. Christliche Theologen berichten heute, dass man selber manchmal auch lieber eine Freistunde gehabt hätte.

Seither hat sich die religionspädagogische Lage verkompliziert. Kruzifix im Klassenzimmer? Kopftuch bei Lehrerinnen? Islamunterricht an staatlichen Schulen? Kaum ist ein heikles Problem geklärt, stellt sich das nächste. Viele deutsche Schulklassen sind multireligiös, und die große Zahl agnostischer oder atheistischer Eltern macht eine Entscheidung, wer wem was über (welchen) Gott beibringen sollte, nicht leichter. Während die Minister noch streiten, beschimpfen Schulkinder einander als Scheißmoslems, Scheißchristen, Scheißjuden. Die Religionskonflikte aus aller Welt strahlen auf europäische Pausenhöfe ab: als Antisemitismus, als Islamophobie, als Dschihadfaszination. Ein besonders trauriges Beispiel für religiöse Indoktrination waren jene französischen Schüler, die sich nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo weigerten, an einer Schweigeminute teilzunehmen. Irgendwer hatte ihnen eingeimpft: Wer den Propheten beleidige, müsse mit Strafe rechnen.

>>Artikel auf zeit.de lesen

Türkei – Charles Darwin fliegt aus türkischen Lehrplänen

Montag, 30. Januar 2017
Professoren und Studenten der Technischen Universität Ankara protestierten im Jahr 2009 gegen die Verbannung der Evolutionstheorie aus Artikeln und der Titelseite eines wissenschaftlichen Journals des türkischen Foorschungsrates anlässlich Darwins 200. Geburtstag. Auf der Tribüne des Universitätsstadions, auf dem das Wort “Devrim” (Revolution) steht, versammelten sie sich auf dem Anfangsbuchstaben, wodurch nur noch “Evrim” (Evolution) zu lesen war.

Türkischer Regierungssprecher nennt Evolutionstheorie “verfault” -

Artikel auf derstandard.at vom 24. und 29. Januar 2017:

“Säkularismus”, “Wiedergeburt” und “Atheismus” sollen in Religionsbüchern als “problematische Überzeugungen” und als “Krankheiten” eingestuft werden.

Die Evolutionstheorie von Charles Darwin muss aus den gymnasialen Lehrplänen gestrichen werden.

Der Gründer der laizistischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, soll immer mehr aus den Unterrichtsinhalten verschwinden.

Diese Neuerungen in den türkischen Lehrplänen kündigte nun Bildungsminister Ismet Yilmaz an. Zwar handelt es sich noch um Vorschläge, doch geht es nach dem Willen des Bildungsministeriums, soll das Maßnahmenpaket bereits ab Februar in Kraft treten.

 

>>Charles Darwin fliegt aus türkischen Lehrplänen – derstandard.at vom 24.01.2017

>>Türkischer Regierungssprecher nennt Evolutionstheorie “verfault” – derstandard.at vom 29.01.2017 

Marokko: “Schulbücher sollen Gleichberechtigung fördern”

Montag, 23. Januar 2017

Artikel auf infosperber.ch vom 22.01.2017:

Im Auftrag von Marokkos König Mohammed VI. überprüfen rund 70 Fachleute fast 400 Schulbücher und weitere Lehrmaterialien aller Fächer und Schulklassen, berichtet der «Figaro». Fundamentalistische und diskriminierende Inhalte werden entfernt. Marokko wolle weltoffen und tolerant sein, sagt der König.

Betroffen sind Inhalte, die weder Gleichberechtigung noch Toleranz fördern und die der neuen Verfassung und dem neuen Familienrecht widersprechen. So wurde beispielsweise ein Text entfernt, in dem ein minderjähriges Mädchen verheiratet wird. Neu sollen Mädchen und Jungen in den Schulbüchern gleiche Rechte und Pflichten haben. Und es werden auch Mädchen ohne Kopftuch dargestellt. Gestrichen werden Texte, die zu Gewalt verleiten können.
(…)
Auch aus Religionsbüchern werden Geschlechterklischees entfernt. Ersatzlos gestrichen wurde beispielsweise der Satz: «Die Frau kann niemals dem Mann gleichgestellt sein, weil sie sich körperlich von ihm unterscheidet.» Der Publizist Ahmed Assid, der seit Jahren die Überarbeitung der Schulbücher fordert, sagt, der Vater des jetzigen Königs habe den konservativen Islam gefördert, um seine Macht zu erhalten. Die meisten Religionsbücher seien deshalb von einem fundamentalistischen Islam geprägt. Sein Sohn wolle das nun wieder rückgängig machen. Assid geht davon aus, dass konservative Lehrkräfte und Schulverwaltungen die überarbeiteten Lehrmittel ablehnen. Das Erziehungsministerium müsse deshalb strenge Kontrollen in den Schulen durchführen.

>>Artikel auf infosperber.ch lesen

Buchkritik: “Warum die Arche nie gefunden wird”

Montag, 23. Januar 2017

Artikel auf Spektrum.de vom 19.01.2017:

Wie glaubwürdig ist die Bibel? Wie ernst darf man die Erzählungen um den Garten Eden und die Sintflut nehmen? Und was ist von den Berichten um Moses und den Auszug des israelitischen Volkes aus Ägypten zu halten? Diesen und anderen Fragen widmet sich der amerikanische Archäologe Eric Cline in seinem Buch “Warum die Arche nie gefunden wird” (englische Originalausgabe “From Eden to Exile”, 2007).

Cline, Direktor des Archäologischen Instituts der George-Washington-Universität in Washington D.C., geht es vornehmlich darum, die historische Wahrheit hinter den biblischen Texten zu ergründen. Vehement wendet er sich gegen jene selbst ernannten Experten, die behaupten, sie hätten die Arche Noah am Berg Ararat entdeckt, den üppigen Garten Eden aufgespürt oder die verlorene Bundeslade gefunden. Diesen Pseudoforschern, die verlorenen Bibel-Schätzen hinterherjagen wie Indiana Jones, dürfe man – so Cline – auf keinen Fall das Feld überlassen. Deshalb sei es “höchste Zeit für professionelle Archäologen, Althistoriker und etablierte Bibelforscher, ihr von diesen Hobbygelehrten besetztes Terrain zurückzuerobern”.

>>Zum Artikel auf Spektrum.de

 

Weiterer Artikel zum Buch:

>>NZZ vom 5.10.2016

Mitteldeutscher Rundfunk: “Diese “Verlutherung” im Jahre 2017 ist doch ziemlich daneben!”

Sonntag, 8. Januar 2017

 

Luther ist nicht die Lichtgestalt der Reformation, für die ihn die evangelische Kirche gerne vereinnahmen will. Dass Martin Luther nicht nur ein Antisemit war, sondern auch die Bauern verriet, Behinderte und Minderheiten verachtete, ist inzwischen weitestgehend aufgearbeitet. Luther ist vor allem eine ambivalente, eine widersprüchliche Figur der Zeitgeschichte. Und genau so sollte eine aufgeklärte Gesellschaft mit ihm auch umgehen.

Und sicher ist es nicht falsch, Luther zu gedenken. Denn wo Schatten, da auch Licht. Luther hat viel Kulturelles geleistet, vor allem für die deutsche Sprache. Dafür dürfen wir ihm auch dankbar sein. Luther jedoch in diesem Maße zu verklären, wie wir es dieses Jahr erleben werden, ist falsch.

Nicht nur die evangelische Kirche hat ein enormes Interesse mitzuwirken an einer gigantischen Missionierungs- und Marketingmaschinerie. Vom Luther-Quietscheentchen, Luther-Schneekugel, Luther-Kaffee, Luther-Skat bis hin zur Luther-Playmobil-Figur wird alles vermarktet, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Das ist kein Zufall, es ist Strategie. Kritiker nennen es “Event-Christentum”.

Zur Einordnung: Auch 2016 hätten wir große Jubiläen feiern können. Beispielsweise die Erfindung der Allgemeinen Relativitätstheorie vor 100 Jahren durch Albert Einstein. Und besonders stolz sollte der Sachse doch auf seinen gebürtigen Leipziger und Universalgenie Gottfried-Wilhelm Leibniz sein, der vor 300 Jahren starb. Er füllt mit seinen Ideen, Erfindungen – ja sogar seiner Auseinandersetzung mit Gott! – ganze Bibliotheken. Doch zum Feiern taugt auch Leibniz offenbar kaum.

Ich habe Luther nie kennengelernt. Keiner weiß, was diesen Mann wirklich innerlich antrieb, was für ein Mensch er war. Doch vielleicht hätte gerade er Sympathien für jemanden, der sich querstellt nach dem Motto: Nun stehe ich hier und kann nicht anders.

>>Zum Artikel auf mdr.de

Philosoph Michael Schmid Salomon: “Religionsfreiheit ist kein Freibrief” – Interview auf “derStandard.at”

Freitag, 30. Dezember 2016

Interview in derStandard.at vom 24.12.2016:

Anlässlich seines soeben erschienenen Buchs Die Grenzen der Toleranz nimmt der Philosoph Michael Schmid Salomon Stellung zur Frage, wie in der “offenen Gesellschaft” den zunehmend fundamentalistisch-religiösen Strömungen begegnet werden soll.

Der zunehmend bemühten “Rücksicht auf religiöse Gefühle” stellt er das unmissverständliche Geltend-Machen individueller Grundwerte durch den weltanschaulich neutralen Staat gegenüber.

Sein Konzept “Abschreckung durch Freiheit” soll auch in Zeiten starker Migrantenströme, in deren Sog auch ein die westlichen Grundwerte verneinender Scharia-Islamismus nach Europa drängt, dem Einzelnen klarmachen, dass Grundrechte, Gleichheit von Mann und Frau, Freiheit der sexuellen Identität und weitere Errungenschaft der modernen Gesellschaft unveräusserliche Grundlagen des Zusammenlebens sind.

>>Zum Artikel auf derstandard.at

Dieter Nuhr: Ein Kabbaretist spricht über Christentum, Islam, Facebook und andere Unannehmlichkeiten – Hörspiel der gbs

Dienstag, 27. Dezember 2016

Rainer Praetorius ist ein alter Medienhase. Als freier Autor und Journalist schreibt er seit Jahrzehnten Fernseh- und Hörfunkbeiträge für verschiedene öffentlich-rechtliche Sender sowie Artikel für renommierte Zeitungen. Natürlich kommt es immer mal wieder vor, dass Redaktionen sich nicht für Themen interessieren oder Beiträge ablehnen – aber was ihm mit seinem Feature über Dieter Nuhr passiert ist, das hat er in all den Jahrzehnten bisher noch nicht erlebt.

Im vergangenen Jahr schrieb Praetorius ein einstündiges Radioportrait über den streitbaren Kabarettisten. Eine Auftragsarbeit für eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt. Praetorius tat, was Autoren und Journalisten üblicherweise tun, wenn sie eine Person portraitieren: Er rückte einen zentralen Aspekt von Nuhrs Schaffen und Denken in den Mittelpunkt des Features – seine teils recht scharfe Religions- und Kirchenkritik. Um Nuhrs auf der Bühne und im Interview geäußerte Kritik an Religion im Allgemeinen sowie Islam und Christentum im Besonderen zu vertiefen, interviewte Praetorius für das Feature ferner den Philosophen Michael Schmidt-Salomon (gbs), der für seine kritischen Auseinandersetzungen mit Religion und Kirche bekannt ist.

Doch als Praetorius das Manuskript der Redaktion vorlegte, die ihn mit dem Radioportrait des Kabarettisten Dieter Nuhr beauftragt hatte, wurde es abgelehnt. Zu religionskritisch. Praetorius wollte im Verlauf der Auseinandersetzungen nicht auf einen Gegenvorschlag der Redaktion eingehen. Ein neues Manuskript hätte nur dann den Segen der Redaktion gefunden, wenn der Autor bereit gewesen wäre, seinen vorhandenen Text völlig auf den Kopf zu stellen. Religionskritische Inhalte hätte nur noch als kleines Randthema vorkommen dürfen.

Rainer Praetorius tat deshalb das, was freie Journalisten üblicherweise tun, wenn eine Redaktion ihr Skript ablehnt: Er bot es anderen öffentlich-rechtlichen Sendern an, die über geeignete Sendeplätze für ein solches Radioportrait verfügen. Doch bei keiner einzigen Redaktion hatte er Glück. Mit immer neuen Begründungen wurde sein Manuskript abgelehnt. Bei aller Vielfalt der Begründungen schien laut Praetorius eines immer wieder durch: Die Ablehnung erfolgte zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch deshalb, weil die Redakteure die im Feature geäußerte Religionskritik scheuten.

Nach den vielen Ablehnungen seitens der Rundfunkanstalten entschloss sich Rainer Praetorius dazu, sein Feature mit Unterstützung der Giordano-Bruno-Stiftung und unter der Regie von Daniela Wakonigg (hpd) frei zu produzieren. Hier kann man sich kostenlos zu Gemüte führen, was die Öffentlich-Rechtlichen ihren Hörern nicht zumuten wollten. Viel Vergnügen!