Volles Haus bei der Lesung von Rana Ahmad in Zürich

Die saudische Atheistin Rana Ahmad sprach am Samstag, 28. April auf Einladung der Freidenker in Zürich. Gut zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher mussten sich am vergangenen Samstag mit Stehplätzen begnügen oder sich neben der Bühne auf den Boden setzen – die Stuhlreihen im Debattierzimmer des Hauses der Zürcher Museumsgesellschaft reichten nicht annähernd aus, um allen Platz zu bieten, die gekommen waren, um ihr zuzuhören.

In ihrem Buch „Frauen dürfen hier nicht träumen“ berichtet Rana Ahmad von ihrem Leben in Saudi-Arabien, ihrer Empörung darüber, dass sie bereits als Mädchen weniger unternehmen durfte als männliche Altersgenossen, ihrer Entdeckung philosophischer und religionskritischer Texte im Internet, und von ihrer Flucht aus dem Land, da sie, inzwischen Atheistin geworden, um ihr Leben fürchtete.

Die Schauspielerin und Sprecherin Gabriela Leutwiler las drei Passagen daraus hervor. Die erste beschrieb eine traurige Szene in einem Vorort von Damaskus, dem Geburtsort von Rana Ahmads Eltern. Rana, ihre Geschwister und ihre Eltern verbrachten ihre gemeinsamen Sommerferien immer dort. Diesmal freute sich Rana – sie war zehn Jahre alt – ganz besonders auf den Urlaub. Denn ihr Vater hatte ihr kurz vor der Abreise ein Fahrrad geschenkt. In Riad durfte sie damit nicht herumfahren, aber während ihres Urlaubes in Syrien, das wusste Rana, würde dies möglich sein. Und wie das möglich war! Jeden Tag fuhr sie zum Lebensmittelhändler und kaufte für ihre Oma ein. Immer umfangreicher wurde ihre Einkaufsliste. Rana genoss die Freiheit, die ihr das Rad bot, und freute sich, ihrer Oma helfen zu können. Bis nach einigen Tagen Opa mit grimmiger Stimme meinte, sie sei zu alt, um Fahrrad zu tragen. Es sei nun ausserdem an der Zeit, dass sie einen Schleier trage.

Rana erzählte, wie sehr es sie bereits damals irritiert hatte, dass für sie als Mädchen allerlei haram war, was für ihren Bruder und andere Jungs absolut in Ordnung ging. Dennoch wollte sie auf jeden Fall tun, was ihre Mutter eindringlich einforderte: Allah zufrieden zu stellen. Und so trug und ertrug sie den Schleier, der fortan fest zu ihr und ihrem Leben gehören sollte.

Die zweite Passage handelt davon, wie ihr, sie ist inzwischen Mitte zwanzig, das Internet den Zugang in eine neue Welt beschert. Sie hatte sich bei Twitter angemeldet und genoss es, sich mit fremden Menschen austauschen zu können. Zunächst geht es um persönliches: das Internet lenkt sie nicht nur von ihrem Liebeskummer ab, sie kann sich darüber auch mit anderen Twitter-Nutzerinnen unterhalten. Doch dann taucht dieses seltsame Wort in einem Profil eines Unbekannten auf: Atheist. Sie kennt den Begriff nicht, er macht sie neugierig. Doch auch mit der arabischen Übersetzung kann sie nicht viel anfangen. Sie liest also den Wikipedia-Artikel dazu. Eine absolute Ungeheuerlichkeit wird da beschrieben: nicht an Gott zu glauben. Der Artikel wühlt Rana auf, raubt ihr den Schlaf. Sie will mehr darüber wissen, landet bei philosophischen und wissenschaftlichen Texten, beginnt Übersetzungen von Nietzsche, Voltaire und Dawkins zu lesen. In wenigen Wochen ist ihr Weltbild erschüttert.

Dem Publikum erzählt Rana, dass ihr Vater sie schon im Kindesalter geduldig gefördert hatte, wenn sie neugierig war und Fragen stellte. Doch in ihrer Schulzeit hatte der Koranunterricht dominiert. So vieles über die Welt war ihr verborgen geblieben. Das Internet lüftete nun so manchen Schleier. Doch Ranas Entdeckungsreise war für sie auch bedrückend. Sie konnte sich mit niemandem darüber austauschen, durfte sich nichts anmerken lassen. Sie bekam Angst. Vor ihrem hochreligiösen Bruder und weil Saudi-Arabien für den Abfall vom Glauben die Todesstrafe vorsieht. Rana entschloss sich zu fliehen, besorgte sich ein Einweg-Billett nach Istanbul und kam dort bei atheistischen Helfern unter, die sie auch bei ihrer Weiterreise unterstützten.

Die dritte Passage, die Gabriela Leutwiler vorliest, handelt von Ranas Leben in Deutschland. Sie wohnt in Köln und hat – endlich – wieder ein Fahrrad, ein Geschenk einer Deutschen Freundin. Sie erzählt im Buch, wie sie es einem anderen Flüchtling ausleiht, da dieser für das Freitagsgebet in seine Moschee wolle, diese aber zu Fuss zu weit weg sei. Sie freut sich, dass die beiden trotz unterschiedlicher Weltanschauung befreundet sein können und dass sie nun in einem Land lebt, in dem jeder seinen eigenen Weg gehen kann.

Diese zuversichtlichen Zeilen hätten ein schönes Schlusswort sein können. Doch im Buch geht dieses Kapitel mit dem Titel Der Preis der Freiheit noch weiter: Nicht alle kommen mit Ranas neuem Leben klar. Dies trifft nicht nur auf fast alle Mitglieder ihrer Familie zu. Es gibt viele, die keinen Zweifel an der Religion zulassen wollen. Rana erhält immer wieder Drohungen, die letzte ging wenige Tage vor der Veranstaltung in Zürich ein. Rana erzählte dem Publikum, dass sie davon ausgehe, dass die anonymen Absender aus Saudi-Arabien stammten. Sie lasse sich aber nicht einschüchtern.

Rana Ahmad hat ihren Weg gefunden, und sie verfolgt ihn zielstrebig. Sie spricht nach zweieinhalb Jahren Aufenthalt in Deutschland beeindruckend gut Deutsch, gibt sich aber mit ihrem Kenntnisstand nicht zufrieden und nimmt weiterhin Intensivunterricht. Und sie bereitet sich auf ihr geplantes Physikstudium vor. Es war denn auch ihr Ziel, Teilchenphysikerin zu werden, das sie temporär in die Schweiz führte: im April absolvierte ein Praktikum am CERN. Und dorthin will sie nach abgeschlossenem Studium umbedingt zurück. Rana Ahmad dürfte ein Vorbild werden für die – gemäss ihrer Einschätzung – mindestens 20% Atheistinnen und Atheisten Saudi-Arabiens.

Andreas Kyriacou

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