Freidenker-Preis 2017 geht an Masih Alinejad und Zehra Doğan

Am Sonntag, 5. November verliehen die Schweizer Freidenker zum zweiten Mal den mit CHF 10’000 dotierten Freidenkerpreis. Er geht zu gleichen Teilen an die Exil-Iranerin  Masih Alinejad und ihre Organisation My Stealthy Freedom sowie an die kurdische Malerin und Journalistin Zehra Doğan, die zur Zeit in der Türkei in Haft ist.

Beide Frauen setzten und setzen sich mit ungeheurem Engagement für persönliche Freiheit ein, insbesondere für die Freiheit von Frauen. Masih Alinejad tut dies, indem sie den Frauen im Iran Mut macht, sich gegen die frauenfeindlichen religiösen Vorschriften aufzulehnen. Zehra Doğan thematisiert als Künstlerin und Journalistin Krieg, Missstände in der Gesellschaft und Gewalt an Frauen.

Auf der Facebook-Seite My Stealthy Freedom lud Masih Alinejad ab 2014 Iranerinnen ein, sich ohne Hijab zu zeigen, um zu betonen, dass es eine persönliche Entscheidung sein müsse, ob eine Frau ihr Haar bedecken wolle oder nicht. Unzählige Frauen haben seither Foto- oder Videoportraits von sich eingesandt und machen so weiteren Frauen Mut, sich gegen religiöse Vorschriften, die sich insbesondere gegen Frauen richten, aufzulehnen. Masih Alinejad lebt heute in New York und arbeitet unter anderem für die persischsprachige Ausgabe von Voice of America.

Zehra Doğan ist in in der Türkei Haft, weil sie mit einem Bild und einer Geschichte auf die Zustände in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Nusaybin aufmerksam machte. Wegen des Konfliktes zwischen der türkischen Armee und der PKK galt in der Stadt während fünf Monaten ein Ausgangsverbot. Sie illustrierte mit einem online geteilten Bild den Grad der Zerstörung durch Operationen türkischer Militärs und beleuchtete in einem Artikel das Schicksal eines zehnjährigen Knaben. Sie zitierte ihn unter anderem mit diesen Worten: “Wir hören gerade Schüsse. Wenn sie zunehmen, rennen wir nach Hause, wenn die Panzer wegfahren, gehen wir auf die Strasse und machen Lärm, um zu protestieren. Ich denke, wir liegen richtig. I weiss, dass unsere Stimmen eines Tages gehört werden.” Beides wurde ihr als terroristische Propaganda angelastet. Sie verbüsst seit Juni 2017 eine 17-monatige Haftstrafe. Obschon ihr Malutensilien verweigert werden, stellt sie weiter Bilder her: sie nutzt Verpackungsmaterialien, Kaffee, Vogelfedern, die sie im Hof findet und dergleichen mehr.

Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz erläuterte den Entscheid, die beiden Frauen zu würdigen:

Wir wissen dank des Austauschs mit anderen humanistischen Organisationen von vielen Personen, die sich unter schwierigsten Bedingungen für Menschenrechte, für Rede- und Kunstfreiheit und für eine humanere Welt einsetzen. Wir haben uns unter anderem deshalb für Masih und Zehra entschieden, weil ihr Wirken nicht nur auf die Gewalt und Unterdrückung oppressiver Regimes aufmerksam macht, sondern weil die beiden viele kunstvolle Formen gefunden haben, diese Missstände anzuprangern und anderen Mut machen, sich dagegen aufzulehnen.

Ensaf Haidar, eine der drei PreisträgerInnen des Freidenker-Preises von 2015 bezeichnete in einer Grussbotschaft die beiden Frauen als zwei ihrer persönlichen Heldinnen und ergänzte:

Ich kenne Masih und als Frau die früher selbst gezwungen wurde Haar und Gesicht zu verschleiern, weiss ich, wie viel es braucht, um sich gegen das Verhüllungsgebot aufzulehnen. Masih, Zehra und all die Autorinnen und Künstlerinnen, die sich für individuelle Freiheiten einsetzen und sich gegen das religiöse Establishment auflehnen benötigen unsere Unterstützung und unsere Aufmerksamkeit.

Die Preisverleihung fand zum Abschluss des von den Freidenker initiierten wissenschaftlich-humanistischen Festivals Denkfest in Zürich statt. Für Masih Alinejad nahm ihre in England lebende Mitstreiterin und Menschenrechtsanwältin Leila Alikarami den Preis entgegen.  In ihrer Dankesrede führte sie aus, wieso My Stealthy Freedom von den vielen Formen der Frauenunterdrückung im Iran bewusst den Verhüllungszwang zum Thema mache:

Das Fokussieren auf den Hijab ermutigt Frauen, Widerspruch gegen den Hijab-Zwang zu äussern und die Regierung wie auch die Gesellschaft aufzufordern, das Recht der Frauen, Kontrolle über ihren eigenen Körper zu haben. anzuerkennen. My Stealthy Freedom widmet sich deshalb dem offensichtlichsten Symbol der Unterdrückung. Wenn wir nicht bestimmen können, wie wir unsere Köpfe bedecken, wie sollen wir dann Kontrolle darüber haben, was in unsere Köpfe gelangt?

Für Zehra Doğan waren die Journalistin Naz Oke und die Schriftstellerin Lucie Renée Bourges anwesend, die sich beide persönlich für ihre Freilassung einsetzen. Sie lasen aus Botschaften hervor, die sie von Zehra Doğan aus dem Gefängnis erhielten. Passagen wie die fogende zeigen, dass sie sich auch von Justizwillkür nicht unterkriegen lässt.

Für jemanden ohne Lebensgrund  ist das Gefängnis hart, ja, sehr hart. Aber mein Lebenswille ist gross. Deshalb erscheinen diese Mauern mit jedem Tag unerheblicher.

 Die vollständigen Dankesreden können hier(auf Englisch) nachgelesen werden.

Leila Alikarami und Naz Oke mit den Preisen für Masih Alinejad und Zehra Doğan

Leila Alikarami und Naz Oke

Der Freidenker-Preis wurde 2015 das erste Mal verliehen. Er ging an die drei Saudischen Staatsbürger Ensaf Haidar, Raif Badawi und Waleed Abulkhair. Mit der Vergabe wurde ihr mutiger Einsatz für humanistische und säkulare Werte gewürdigt. Der Preis wird nun alle zwei Jahre verliehen. Das Preisgeld von CHF 10’000 Franken wird über eine Erbschenkung finanziert.

Preisempfängerinnen und FVS-Vorstandsmitglieder vlnr: Ruth Thomas, Andreas Kyriacou, Leila Alikarami, Naz Oke, Renée Lucie Bourges, Nada Peratovic, Valentin Abgottspon

Preisempfängerinnen und FVS-Vorstandsmitglieder vlnr: Ruth Thomas, Andreas Kyriacou, Leila Alikarami, Naz Oke, Renée Lucie Bourges, Nada Peratovic, Valentin Abgottspon

Bilder: Serkan Demirel

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