Schweiz 2050: Ein Land voller Kirchen – oder ganz ohne? – Ein Gedankenspiel

nzz.ch, 04. Juli 2017 – Artikel von Simon Hehli:

Wie sieht die Schweiz im Jahr 2050 aus, wenn die Religion ein Comeback feiert? Und wie, wenn im Gegenteil die Säkularisierung triumphiert? Ein Gedankenspiel in zwei Akten.

Fragt man die Historiker, wann alles begonnen habe, antworten sie, dass es wohl im März 2019 gewesen sei. Damals sprengte sich ein heimgekehrter Kämpfer des untergegangenen Islamischen Staates vor dem Bieler Eishockeystadion in die Luft und riss 31 Fans, die für das zweite Play-off-Halbfinalspiel des EHC Biel anstanden, mit in den Tod. Die reiche und hedonistische Schweiz, lange von Terrorattacken verschont, war von den Islamisten zu einem Zielland auserkoren worden, eine Serie von Anschlägen folgte bis zum Ende des Jahrzehnts. Nun, über dreissig Jahre später, ist die Schweiz ein ganz anderes Land als zuvor.

Lange merkten die Politiker und Intellektuellen nicht, was im Untergrund brodelte. Nach Jahrzehnten, in denen der Glaube sukzessive an Relevanz verloren hatte, hielten sie eine Rückkehr der Religion schlicht für unvorstellbar. Doch die Säkularisierung, sie war nicht das Ende der Geschichte. Im Herbst 2019 stimmten die Schweizer mit überwältigender Mehrheit für ein Burkaverbot. Und kein Politkommentator kam auf die Idee, dies nicht als Misstrauensvotum gegen die islamischen Mitbürger zu interpretieren.

In den 2020er Jahren erreichte eine Flüchtlingswelle aus muslimischen Staaten Europa und auch die Schweiz. Von 2017 bis 2050 stieg die Zahl der Muslime in der Schweiz so auf 1,5 Millionen, auch dank der höheren Geburtenrate stellen sie mittlerweile 14 Prozent der Bevölkerung. Das hat massive Gegenbewegungen hervorgerufen. «Wir müssen das christliche Abendland verteidigen und die Islamisierung stoppen»: Lange waren solche Slogans der SVP angesichts leerer Kirchenbänke Worthülsen geblieben; doch dann sammelten sich immer mehr Menschen unter dem Zeichen des Kreuzes. Die Partei gewann mit dem Slogan «Maria statt Scharia» die Wahlen 2047. Selbst die CVP konnte ihre jahrzehntelange Krise überwinden und verzeichnet dank wertkonservativen Inhalten nun einen Wähleranteil von 17 Prozent.

Christsein ist wieder in. Die katholische Kirche und die Freikirchen verzeichnen hohe Wachstumsraten, doch auch alternative Formen wie Wander-, Schwulen- oder Biker-Gottesdienste sind populär geworden. Überall wachsen neue Kirchtürme in den Himmel, ein Boom wie letztmals in den 1960er Jahren. Selbst «megachurches» nach amerikanischem Vorbild für Tausende von Gläubigen entstehen überall im Mittelland. Die EDU scheiterte 2049 mit einer Volksinitiative, welche die Evolutionslehre aus den Schulen verbannen sollte, nur knapp. Christliche Geistliche und konservative Parteien bieten einer Mehrheit der Bevölkerung das, wonach sie nach Jahrzehnten der Globalisierung lechzt: eine klare Identität, Orientierung und eine Rückbesinnung auf das Nationale. Die Sinnkrise hat sich verschärft durch die Digitalisierung, die seit den 2020er Jahren viele Jobs überflüssig gemacht und Hunderttausende Menschen in die Arbeitslosigkeit getrieben hat. Trost findet das neue Prekariat in der Spiritualität.

Liberalismus und Kapitalismus, die am Ausgang des 20. Jahrhunderts noch als alternativlos galten, haben hingegen ihren Glanz verloren. Das Gemeinschaftsgefühl steht nun höher im Kurs als Individualismus und Eigenverantwortung. Das «Wir gegen sie» der neu-christlichen Bewegungen provoziert eine Gegenreaktion bei vielen Muslimen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen. Die zahlreichen neuen Moscheen – immer noch ohne Minarett – sind so voll wie nie zuvor. Radikale Imame fordern immer lauter die Einführung von Scharia-Gerichten. Seht her, rufen die Apologeten des Abendlandes zurück, das ist die reale Islamisierung! Bei gegenseitigen Beschimpfungen bleibt es nicht, immer wieder fliegen Steine, auf Kirchen wie Moscheen. SVP-Bundesrat Benjamin Fischer spricht in seiner 1.-August-Rede schon von «bürgerkriegsähnlichen Zuständen».

Das ist ein extremes Szenario, das bei einer Rückkehr des Religiösen und einer Konfrontation zwischen den Konfessionen eintreten könnte. Doch wie sähe es bei einer gegenteiligen Entwicklung aus? Es ist der 15. Mai 2050, ein heisser Tag. Sieben 16-Jährige versammeln sich in der Kirche in Zürich Fluntern. Sie ist eines der letzten Gotteshäuser, die noch im Dienste der Religion stehen. Das Grossmünster ist eine Buchhandlung inklusive Café, das Fraumünster mit seinen Chagall-Fenstern eine Filiale des Kunsthauses, die ehemalige griechisch-orthodoxe Kirche dient als Partylokal. Die sieben Jugendlichen sind heuer die einzigen Konfirmanden in der Zwingli-Stadt. Ihre Schulkollegen vergnügen sich währenddessen im Strandbad.

Die Säkularisierung, die seit den 1960er Jahren in der Schweiz immer weiter vorangeschritten ist, hat die Institution Kirche praktisch obsolet gemacht. Einen staatlich verordneten Atheismus wie einst im Kommunismus brauchte es dafür nicht. Mit jeder neuen Generation ging der christliche Glauben einfach ein Stück mehr verloren. Auch die Zuwanderer aus muslimischen Ländern erfasste dieser Trend bald. Eltern, die ihre Kinder noch taufen lassen, sind zu Exoten geworden. Die Konfessionslosen stellen bereits seit den 2030er Jahren die grösste Gruppe der Bevölkerung. 2018 haben sie die Reformierten überholt, 2025 auch die Katholiken.

Spiritualität als Ego-Trip

Zu dieser Entwicklung beigetragen hat die nach 2020 stark angestiegene Zuwanderung aus ebenfalls säkularisierten Gegenden wie Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien. Noch beschleunigt wurde der Niedergang der Kirchen durch die 2032 angenommene nationale Initiative der Jungfreisinnigen für eine Trennung von Staat und Kirche – ohne Steuereinnahmen herrscht seither Ebbe in der Kasse. Auf dem Land, wo es noch Überbleibsel reformierter und katholischer Gemeinden gibt, müssen sie zusammen Gottesdienst feiern. Die theologischen Fakultäten sind ebenso verwaist wie die Priesterseminare und die Klöster.

Die Spiritualität ist den Menschen nicht völlig abhandengekommen, nur leben sie sie – ausser in katholischen Sekten und einigen resistenten evangelikalen Freikirchen – nicht mehr in der Gemeinschaft aus. Esoterik in allerlei individuellen Spielformen boomt. Aber auch der Glaube an die Wissenschaft: Die Cyborg-Technologie hat den Menschen gottähnliche Kräfte verliehen, wozu braucht es da noch Gott? Die Medizin steht kurz davor, den Tod zu besiegen, wer braucht da noch einen Himmel? Mit wachsendem Unverständnis blicken die Schweizerinnen und Schweizer nach Afrika, Südostasien und Brasilien, wo die Pfingstgemeinden weiterhin auf dem Vormarsch sind. «Zum Glück haben wir diesen Aberglauben überwunden», denken sie in aller Selbstgerechtigkeit. Wer Seelenschmerz hat, geht zum Psychotherapeuten oder bestellt sich in der Online-Apotheke Happy Pills.

Religionskunde ist nun Teil des Geschichtsunterrichts. Das kulturelle und architektonische Erbe des Christentums wird zwar in Ehren gehalten. Doch die Menschen, die im Berner Münster die wöchentlichen Orgelkonzerte besuchen, verspüren dabei keinen religiösen Schauer mehr. Das Kreuz auf der Flagge hat bisher alle Angriffe der Laizisten überstanden. Aber aus der Präambel der Bundesverfassung ist «Gott, der Allmächtige» verschwunden. Und auch die frömmlerische Landeshymne hat längst einen neuen, dem Geist der Zeit angepassten Text erhalten.

Auch dieses Szenario ist überzeichnet. Die Schweiz, ein Land der Extreme? Wohl kaum. Im Jahr 2048 wird der Bundesstaat sein 200-jähriges Bestehen feiern – und das Moderate war stets ein zentrales Element des helvetischen Seins.

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