Roset (1940-2017): Ich suche und ich finde: das Nichts

Text zur Ausstellung in der Galerie Rigassi by SOON 

Liebe Besucherinnen und Besucher

In dieser Ausstellung könnten insbesondere jene Kunstinteressierten spezielles Interesse haben, welche auch für das Wie und Warum des Daseins sich Gedanken machen. Denn die Bilder schneiden ausschliesslich Themen der Physik an, welchen zwar im Moment noch viel Spekulatives anhaftet, aber in den bereits bekannten Fakten verwurzelt sind und wohl die beste Variante der Welterklärung darstellt. Wer etwas Besseres weiss, der melde sich. Wer sich nicht so sehr um dieses Thema kümmert, hoffe ich, mit dem Bild zu erreichen.

Warum Physik?

Physiker, insbesondere aber die Kosmologen, müssen heute einen Aspekt des Erkenntnisgewinns übernehmen, welcher die akademische Philosophie als nicht mehr relevant erachtet: Die Frage nach dem Ursprung des Daseins. Dabei hat dieser Fakultätswechsel einen nicht zu unterschätzenden Nachteil bezüglich der Verbreitung seiner Erkenntnisse. Denn, diese neuen Erkenntnisse haben den Mangel, dass sie meistens nur noch mathematisch ihre Informationen erweitern können, was natürlich der Verbreitung hinderlich ist. Zwar gibt es dazu verständlich geschriebene Bücher, aber die wiederholte Konfrontation mit diesem Thema ist eher selten.
Mittlerweile hat die Forschung einmal mehr den Status des Hypothetischen erreicht, weil sich aus den heute erwiesenen Daten Fragen ergeben, welche auf Ebenen führen, die nicht mehr mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln messbar sind. Das ist ein Zustand, welchen die Wissenschaft immer wieder erreicht, wenn sie den ihr gegenwärtig zu Verfügung stehenden Erkenntnisstand nahezu ausgeforscht hat. Dazu gibt es historische Anekdoten. Gerade deshalb bin ich der Meinung, dass, wer sich für die erwähnte Frage interessiert, sich an den Überlegungen dazu beteiligen sollte.
Um mein Konzept klar zu umreissen: Nichtmessbarkeit heisst noch lange nicht in das abzurutschen, was allgemein unter Esoterik verstanden wird. Es handelt sich vielmehr um logische Folgerungen aus der heute sichtbaren Physik, hier künstlerisch frei verwendet, um eine emotionale Erfahrbarkeit zu ermöglichen.
Diesem Weg der Wahrscheinlichkeitsfindung, was dieses Thema betrifft, möchte ich mit meinen Bildern zu einer gewissen Sichtbarkeit verhelfen, indem ich so etwas wie säkulare Ikonen dazu male. Sie erheben keinen Anspruch auf kunsthistorisch formalstilistische Erweiterung. Danach brauchen die Kunstinteressierten nicht zu suchen. Ich bediene mich nämlich jeder uns bekannter Stilistik und unterordne diese der Notwendigkeit der jeweiligen Themen. Ebenso wenig sind die Darstellungen physikalische Formeln, sondern nur mit Piktogrammen aus der Physik entlehnte Andeutungen. Worum es mir in meinen Aussagen geht, ist also die Sichtbarmachung eben dieses Themas über den Ursprung des Daseins, inspiriert von den Überlegungen der heutigen Physik.
Das kann natürlich bezüglich dem heutigen Kunstverständnis kontrovers diskutiert werden. Auch ist es dem momentanen Trend zur lebensnahen, die heutige Realität widerspiegelnden künstlerischen Umsetzung, nicht angepasst. Für die Einen ist das ein Rückschritt hinter die Moderne, für andere gerade die Konsequenz, welche wir aus der mittlerweile über hundertjährigen Anlehnung an diese erkennen können. Es ist z.B. nicht damit getan, dass wir die künstlerische Freiheit als zentrale Erkenntnis aus der Moderne als sakrosankt postulieren, sondern, dass wir der Kunst wieder den gesellschaftlichen Anteil geben, welchen sie seit den Höhlenmalereien hat. Ihre Beteiligung am Erkenntnisgewinn. Diesen Weg geht die gegenwärtige Kunst indem sie die Erkenntnisse der Moderne verwaltet, in partikular kleinen Schritten, denn sie orientiert sich tendenziell eher an dem, was man als realitätsnahe Themen bezeichnen könnte. Dabei verhindert sie der inspirativ abseits dieser Kriterien liegenden Kunst den Zugang zur Öffentlichkeit mit Begründungen, welche ihre Wurzeln nur im festgefahrenen Orientierungsbedürfnis der jeweiligen Kritiker zu haben scheint.
Es ist die höchst wichtige Erkenntnis, dass die Malerei ihre Faszination im Wesentlichen dadurch erreicht, dass sie einerseits die Fähigkeit mit der Vermittlung von Kraft, also Intensität, einsetzt, um damit den Betrachter zu fesseln, im Weiteren aber gerade diese Eigenschaft benutzt, um auch als nicht vordergründige Fragen zur Debatte stehende Neigungen damit zu thematisieren. Zu diesen Neigungen gehört immer noch die Frage nach dem Ursprung des Daseins. Ich übertreibe sicher nicht, wenn ich behaupte, dass es so gut wie keinen Menschen gibt, welcher sich nicht schon diese Frage gestellt hat.
Wie der Mathematiker Günter Stand beobachtete, ist mittlerweile diese Befreiung vom historisch bedingten moralisch ethischen Zwang vor der Moderne heute auf das Niveau der millionenfach variierten emotionellen Entladungen gesunken, weil man die eigentliche Botschaft der Pioniere der Moderne nicht verstanden hat, nämlich die Erweiterung der kognitiven Dimensionen. Damals war diese Erweiterung insbesondere in der Erweiterung des Wahrnehmungsbildes von Nöten, welches insbesondere mit den moralischen, als auch technischen Bedingtheiten der Akademien aufräumte. Das wäre heute wieder angebracht.
Denn mittlerweile sind die Unterschiede der Aussagen der Kunst derart klein, dass man von einem Erweiterungsstau sprechen kann, welcher an denjenigen am Beginn des letzten Jahrhunderts erinnert.
Diese Aussage soll nicht heissen, dass jemand seine Kunstauffassung ändern soll, sondern, dass, wer an einer Wandlung interessiert ist, alle die ablehnenden Überlegungen zu meinem Vorschlag überdenken sollte. Denn meine Bilder enthalten nur dann keine neue Information, wenn man z.B. die Themen dazu ignoriert.
Damit zurück zu meinem Konzept.
Aus den erwähnten Gründen bin ich mittlerweile überzeugt, dass mein Thema, nämlich die heutigen Überlegungen in der Physik, mit den Mitteln der Malerei einer Sichtbarkeit zu verhelfen, nicht nur für diese, sondern für die ganze Entwicklung der gestalterischen Umsetzung Sinn macht, weil nur auf diesem Weg der Kunst zu ihrem eigentlichen Auftrag, der erweiterten Inspiration, dienen kann. Natürlich ist die Themenwahl frei.
Wer sich an der Moderne, wie der ihr folgenden Postmoderne orientiert, mag den Einwand einwerfen, dass damit die freie Intuition des Betrachters eingeschränkt werde, was ja eine der grossen Leistungen dieser Epoche sei, dem kann ich antworten, dass er ja auch gerade durch seine Orientierung daran sich selbst einschränkt. Dabei spielen nebst Bildung unzählige Gewohnheiten in seine Betrachtungen hinein, so, dass ich der Meinung bin, mit einem kleinen Einschnitt in die intuitiven Gedankengänge, eher die Erweiterungen der Intuitionen zu bewirken, denn diese zu hemmen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen, beim Betrachten meiner Bilder.
Bern, im Juli 2017
Roset 

Warum das Nichts?

Um zu leben brauchen wir diese These nicht. Vielleicht aber zum Überleben unserer Spezis schon. Ich ahne bloss etwas. Bis jetzt jedenfalls, liessen wir nicht davon ab, immer wieder die Frage nach dem Ursprung zu stellen. Das heutige Wissen, welches als rational empirisch betrachtet wird, mag im Moment Agnostiker und logische Empiriker zufriedenstellen, aber auch sie werden ihre Ablehnung gegen die Spekulationen der heutigen Physik korrigieren müssen, sobald hier evidenteres zum Vorschein kommt, als heute die Theorien hergeben. Dazu gehört die Frage nach dem Nichts. Dieses Nichts ist aber nicht nur in der Physik eine logische Folge des bis heute Feststellbaren, sondern ist auch Basis fast aller Welterklärungsmythen. Ausgehend davon, dass unsere Wahrnehmungsfähigkeit immer wieder in der Lage ist auf den richtigen Sachverhalt zu kommen, sollten wir also solche Ahnungen, welche sich sogar rechnerisch als sehr lukrativ erweisen, nicht einfach mit dem Hinweis, es sei Spekulation, von uns zu weisen.
War das Nichts, bevor etwas sich bewegte, wirklich nur nichts? Und das ohne irgendwelche räumlich-zeitliche Orientierungsmöglichkeit? Diese Vorstellung dürfte für unser Gehirn die schwierigste sein.
Wenn wir aber den Versuch, das Dasein zu ergründen, nicht aufgeben wollen, bleiben uns solche Fragen, egal wie fern derer Lösung sein mögen, nicht erspart. Denn nur so schöpfen wir das Potenzial unserer Wahrnehmungsfähigkeit aus.
Die Vorstellung des eingangs erwähnten Zustands des Nichts, ist im Moment das höchste der Erkenntniskraft, welche wir aufbringen können. Genau so schwierig ist die Vorstellung, dass schon immer, ohne vorgängiges Nichts, Fluktuationen, welche zu energetischen Felderbindungen, also Branen, führten, der „ewige“ Zustand wäre. Deshalb glaube ich, dass vorläufig die Definition des Ursprungs nicht mit diesen absoluten Konsequenzen gedacht werden muss, sondern in der Sequenz der Fluktuationen im Nichts, welche zu Branen führen, ähnlich Alan Guths Inflationstheorie, nur dass nicht gleich ein spontanes riesiges Energiefeld aus dem Nichts entsteht, sondern dieses sich erst durch das nach und nach Zusammenfinden der einzelnen Fluktuationen entsteht. Mittlerweile ist wahrscheinlich derart viel Energie im Nichts, dass nur noch da, wo sich keine solche befindet, von einem Nichts gesprochen werden kann.
Diese kurz zusammengefasste Darstellung zeigt, wo wir unser letztes Vorstellungvermögen haben. Weiter sind wir nicht mehr in der Lage mit unserem Gehirn zu denken. Das bedeutet aber nicht, dass es da noch etwas ausserhalb davon geben könnte, wie Esoteriker gerne vermuten und behaupten, nein, das ist ganz einfach das Ende unserer diesbezüglichen Potenzialität. Was kann man mehr, als das Nichts feststellen? Jeder Versuch, noch etwas danach zu vermuten, ist bloss eine Verschiebung des Nichts. Denn am Ende ist auch dabei wieder Nichts.
Um uns all diese Fragen zu beantworten bleibt uns nichts anderes übrig, als uns damit zu beschäftigen, wollen wir nicht geistig auf halbem Wege stecken bleiben.
Dafür male ich diese Bilder, damit wir dieses Phänomen, gleich Ikonen, visuell gegenwärtig haben und, wenn uns danach ist, in diese Dimension des Denkens hineinzubegeben können. Deshalb sind es ja nicht traditionelle Ikonen, mit religiösem Hintergrund, sondern, säkulare Ikonen.
Natürlich gibt es unmittelbar handfestere Themen, ja wichtigeren Handlungsbedarf. Dieses Argument kommt immer dann, wenn jemand ablehnend gegen etwas ist. Nur ist unsere Entwicklung aber darauf angewiesen, dass sie sich mittels, vielleicht anfänglich nicht als sinnvolle Investition daherkommenden Gedanken, immer weiter in die Tiefen des Geheimnisses um unser Dasein und derer Entschlüsselung hineindenkt, um so unser Wissen zu mehren. Ein Bedürfnis, welches nicht wenigen Menschen selbstverständlich ist.
Wer sich gerade in dieser Neigung befindet und diese Überlegungen nachvollziehen kann, der möge sich an meinen Vorschlägen erfreuen.
Denn das Nichts als eigentlichen Zustand lässt alle Möglichkeiten offen. Die Welt steht da wie ein ungeschriebenes Buch und niemand braucht sich mehr zu wundern, was ihm geschieht, weil sämtliche Möglichkeiten offen bleiben. So letztlich auch die Dynamik der Möglichkeiten, welche durch unser Handeln oder Nichthandeln entstehen. So wirkt der dynamische Aspekt der Physik unmittelbar in unser Leben im Alltag.
Roset Juli 2017

Der Künstler ist leider am 16. Juli 2017 verstorben. Mehr vom Künstler auf roset.ch 

 

3 Kommentare zu „Roset (1940-2017): Ich suche und ich finde: das Nichts“

  1. Walter sagt:

    Da findet ein Künstler heraus, dass sich der „Ursprung des Daseins“ nicht einfach mit Evolution erklären lässt. Wow!
    Und was ist mit den Christen, für die das schon immer logisch war? Die haben, gemäss Evolutionstheoretikern, keine Ahnung von Wissenschaft…

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