Buchvorstellung: “Abermals krähte der Hahn” – Karlheinz Deschner / Neuauflage 2015

Buchbesprechung von Gabriele Röwer:

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“

Karlheinz Deschner – “Abermals krähte der Hahn”

Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten

(Neuauflage Alibri 2015 – 44 €)

Bestellungen: www.alibri.de ; verlag@alibri.de

„Es gäbe wenige Gläubige auf der Welt, kennten sie ihre Glaubensgeschichte so gut wie ihr Glaubensbekenntnis.“

„Kirche, Krieg und Kapital, dreieinig sind sie allemal.“ *

Karlheinz Deschner (1924-2014), in neuerer Zeit vor allem bekannt als Autor der Kriminalgeschichte des Christentums (zehn Bände, Rowohlt 1986-2013; Abk. KdC), in seinen Anfängen als Erzähler und Literaturkritiker, durch den „eine ganze Generation lesen lernte“ (G. Maschke), löste mit seinem umfangreichen christentumskritischen Frühwerk Abermals krähte der Hahn (1962 u.ö.; Abk. Hahn) die erste große Welle von Kirchenaustritten seit dem 2. Weltkrieg aus, die in seiner Vorbemerkung geäußerte Hoffnung übertreffend, dieses Buch eines – durch seine Studien immerhin bestgeschulten – „Laien für Laien“ möge vielen Menschen, „Interesse und Liebe zur historischen Wahrheit“ vorausgesetzt, die Klarheit bringen, die das Studium seiner Materie ihm selbst gebracht habe.

Deschners Hahn, für viele, auch für mich, sein wichtigstes Sachbuch, hatte eine bahnbrechende Wirkung auch auf nachfolgende Kirchenkritiker, seine Spuren in Joachim Kahls Streitschrift Das Elend des Christentums von 1968 etwa sind unübersehbar.

Nach etlichen, die Aktualität dieses Werks belegenden, inzwischen vergriffenen Neuauflagen ein Desiderat nun, ist es ein Verdienst des Alibri-Verlags von Gunnar Schedel, das „Standardwerk der alternativen Kirchengeschichte“ – nach Die Politik der Päpste (19./20. Jhrdt.; PdP) als 2. Band der Reihe Deschner-Edition http://www.alibri-buecher.de/shop_content.php?coID=6543 – in einer gebundenen, sorgfältig bearbeiteten Neuausgabe publiziert zu haben; das ursprüngliche, in den Ausgaben seit 1980 leider fehlende Personen- und Sachregister wurde wieder aufgenommen und ergänzt, die Endnoten bieten einige aktualisierende Hinweise.

Der Hahn ist aufgeteilt in vier Bücher. Der den Grundlagen des Christentums geltende Hauptteil umfasst Buch 1-3 („Die Evangelien und ihr Umkreis“, „Paulus“, „Der Frühkatholizismus“) sowie den I. Teil des 4. Buches („Die siegende Kirche“ – „Das Jahrhundert Konstantins und der trinitarische Streit“). In den Teilen II und III des vierten Buches werden – unter dem seither Deschners gesamtes Schaffen, zumal die KdC, leitenden Motto „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ – der urchristlich überlieferten Ethik einige der dunkelsten, nicht nur damals weithin verborgenen Seiten der Kirchengeschichte gegenübergestellt („Die soziale Frage“, „Das Verhältnis zur Toleranz“ gegenüber Juden, Heiden, „Ketzern“, Hexen und „Die Stellung zum Krieg“ – von der Alten Kirche bis zur Kooperation kirchlicher Potentaten, zumal im Vatikan, mit dem europäischen Faschismus; ausführlich in Mit Gott und den Faschisten, 1965, PdP u. ö.).

„Das Christentum beruht auf verschiedenen Geboten – dem Gebot der Nächstenliebe, der Feindesliebe, dem Gebot nicht zu stehlen, nicht zu töten, und auf der Klugheit, keines dieser Gebote zu halten.“

Abermals krähte der Hahn? Die permanente, schon mit der Alten Kirche beginnende Pervertierung der Ideale der „Bergpredigt“, voran Armut und Frieden, ins krasse Gegenteil – schamloser Luxus und blutige Gewalt gegen Andersdenkende, gegen Konkurrenten um die Macht – durch die selbsternannten Stellvertreter „Gottes“ bzw. „Christi“ auf Erden, ihre fast zwei Jahrtausende währende, auch von Goethe (mit dessen Gedanken über das Christentum Deschner den Band enden lässt) angeklagte „Heuchelei im Heiligenschein“, ihr Verrat dessen, auf den sie sich stets feierlichst beriefen, gab diesem Buch, in Anspielung auf Mk 14, 39.72, den bezeichnenden Titel.

Warum aber die sehr ungleichen Proportionen zwischen detailliert kritischer Betrachtung der Entstehung von Glaube und Dogma und, in einem relativ knappen systematischen Längsschnitt, deren (großteils kriminal-) geschichtlicher Fortwirkung, welcher der Autor später sein Hauptaugenmerk widmen wird? Zum Verständnis sei erinnert an Deschners manch gläubigen Kritikern entgegengehaltene Antwort (am ausführlichsten in der PdP), tiefster Grund auch seiner eigenen Distanzierung damals vom Traditionskatholizismus seiner Steigerwälder Heimat: „Doch selbst wenn dies Institut fast zweitausendjähriger Verbrechen eines Tages, aus welchen Gründen immer, Frieden nicht nur predigen, sondern praktizieren, wenn es dafür leiden, schrumpfen, machtlos würde – es bliebe verächtlich, weil es dogmatisch unwahr ist. Eine auf Lug und Trug gebaute Kirche aber wird sich nie als ethisch brauchbar erweisen, sondern bleiben, was sie seit der Antike war (…) – die Religion der Frohen Botschaft mit der Kriegsbemalung.“ Daher verfange auch die Ausflucht frommer Christen nicht, er könne „noch so viele kirchliche Verbrechen zusammentragen, das erschüttere ihren Glauben an Christentum und Christus nicht“, denn seine Arbeiten über die Grundlagen des Christentums führten „eine Berufung auf den christlichen Glauben ad absurdum“ – und damit jeglichen „Wort-Gottes“-Anspruch biblischer Schriften. Deshalb verdeutlichte er, wie im Hahn, neben der ethischen immer auch die dogmatische Problematik des Christentums (ausführlich in Der gefälschte Glaube – Eine kritische Betrachtung kirchlicher Lehren und ihrer historischen Hintergründe, 1988/1992, und in Bd. III der KdC, 1990).

„Deschner hat sich informiert. Er wird sich auf nichts einlassen als Information.“ Hans Conzelmann, ev. Theologe

„Was unseren gelehrten Büchern versagt bleiben wird, Ihrem Werk dürfte es gelingen: die Masse der Gebildeten mit den Ergebnissen der modernen Forschung über das Christentum bekannt zu machen.“ Julius Gross, ev. Theologe

So resultiert die epochale Bedeutung des Hahn vor allem daraus, dass Deschner im Hauptteil theologisches Insider-Wissen (Ergebnisse der historisch-kritischen Entmythologisierungs-Forschung evangelischer, aber auch katholischer Theologen im Umkreis der Bultmann-Schule) über die vorchristlichen Ursprünge des christlichen Glaubens sowie dessen biblische und, wie etwa im Trinitätsstreit des 4. Jahrhundertes, nicht selten gewaltsam herbei gezwungene dogmatische Verankerung einer breiteren Leserschaft zugänglich machte – so sprachmächtig wie, im Umgang mit den Fakten, gewissenhaft, belegt im ausführlichen Anmerkungsteil mit Quellenangaben zu über 4000 Textstellen wie auch im über 700 Titel umfassenden Literaturverzeichnis.

„Vom periphersten Brauch bis zum zentralsten Dogma, vom Weihnachtsfest zur Himmelfahrt: lauter Plagiate.“

In gebotener Kürze hierzu nur das Wichtigste: Wegen der – vergeblichen – Reich- Gottes-Erwartung der Urchristenheit wurden die neutestamentlichen Texte (die Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas – die 3 „Synoptiker“ – und des Johannes; die Paulusbriefe u.a.m.) mit vielerlei Varianten und Widersprüchen erst Jahrzehnte nach dem (um das Jahr 30 vermuteten) Tod von Jesus schriftlich fixiert. Dessen Historizität, so das Ergebnis der Forschung, ist so ungewiss wie die seiner Lehre, die Profangeschichte jener Zeit ist hierfür unergiebig. Zudem hatten die Evangelisten – wie erst recht Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, der den „synoptischen“ (uns allein zugänglichen) Jesus zum „Christus“ erhob – an geschichtlicher Realität keinerlei Interesse, ihre Schriften, so Deschner und seine theologischen Gewährsleute, sind Erzeugnisse gläubiger Gemeindephantasie, mythologische Literaturprodukte, mit äußerster Vorsicht zu benutzende Anekdotensammlungen.

Diese übernahmen nahezu alle Interpretamente der Bedeutsamkeit ungewöhnlicher Menschen im damaligen Mittelmeerraum aus vielfältig ineinander fließenden jüdischen, heidnisch-hellenistischen, bis in die indische Geisteswelt reichenden Quellen und übertrugen sie, wie später auf die Dogmen, etwa das der Trinität, so von Anfang an auf den synoptischen Jesus mit all den uns bekannten Steigerungen zum Christus, Messias, zum Jungfrauen- und Gottessohn – sämtliche Besonderheiten seines Lebens (z.B. Wunder aller Art), seines Leidens, Sterbens und Auferstehens nebst Himmelfahrt einbezogen. Kurz: die Forschung belegt, dass nichts im Christentum neu ist, dass vielmehr alles, restlos alles, schon vorher da gewesen ist. Nicht einmal das vermeintliche christliche „Proprium“, die aus älterem Spruchgut zusammengestellte „Bergpredigt“ mit ihrer Nächsten- und Feindesliebe, ist originär– worum man sich freilich, so Deschner, im Lauf der Kirchengeschichte ohnehin am wenigsten gekümmert hat.

Bemerkenswert ist, mit Hubertus Mynarek, dass der Verfasser von Abermals krähte derHahn die Lehren seiner Lehrer letztlich gegen sie selber kehrte, ihre Ausflüchte ins „Kerygma“ – die überlieferte Glaubensverkündigung der Urgemeinde – durch die Resultate ihrer eigenen historisch-kritischen Grundlagenforschung über das Christentum ad absurdum führend. Zugleich habe Deschner diese – laut Hans Conzelmann, einem Schüler Bultmanns, das „bestgehütete Geheimnis der Kirche“ (denn sie lebe davon, „dass die Ergebnisse der Leben-Jesu-Forschung in ihr nicht publik sind“) – „aus der kirchlichen Zwangsjacke“ befreit. Das – wie wahr! – sei „Aufklärungsarbeit im besten klassischen Sinn dieses Wortes“. Möge sie vielen Lesern dieser dankenswerten Neuauflage des Buches zugute kommen!

* Diese Aphorismen wie auch die übrigen hier zitierten wurden einbezogen in den 4., im Herbst 2016 bei Lenos/Basel erscheinenden Band alter und neuer Aphorismen „letzter Hand“ von Karlheinz Deschner, postum herausgegeben von Gabriele Röwer: „Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln“.

       

 

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