Dirk Kurbjuweit: Gott ist nicht Politiker

Warum sich die Demokratie endgültig vom Christentum befreien muss

Gehört eigentlich das Christentum zu Deutschland? Die Frage scheint unsinnig, weil so viele Deutsche Christen waren und sind und die Kirchen lange eine große Rolle im deutschen Leben gespielt haben.

Gehört das Christentum zur Bundesrepublik? Vordergründig scheint das Gleiche zu gelten, ist doch die Bundesrepublik identisch mit dem aktuellen Deutschland. Aber wer Bundesrepublik sagt, betont das Politische, und da lohnt es sich dann schon, genauer hinzusehen.

Ganzer Artikel vom 4.4.2011: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77855793.html

Dirk Kurbjuweit (*1962) ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller.

13 Kommentare zu „Dirk Kurbjuweit: Gott ist nicht Politiker“

  1. Nun, dieser Kurbjuweit müsste mir etwas erklären: warum die Idee der antiken Demokratie (Athen und Rom), wenn sie schon eine von jeglicher Theologie befreite anthropologische Gegebenheit darstellen soll, sich ausgerechnet im Windschatten des christlich-reformierten Staatskirchenrechts (Schweiz, England, Schottland, Niederlande, Skandinavien) sich am gedeihlichsten emtfalten konnte. Diese welthistorische Gegebenheit müsste mir eine Freidenker schlüssig erklären könnte. Warum ausgerechnet das Land, das 1291 bis 1798 immer den “Allmächtigen” anrief und seit 1815 diesen “Allmächtigen” in jeder geschriebenen Verfassung mitführt, warum ausgerechnet dieser letzte europäische, christliche “Gottesstaat” die einzige “direkte Demokratie” geworden ist. Das müsste mir der Teutone Kurbjuweit erklären können. Aber vielleicht kann ein Atheistenlicht in meine protestantische Finsterniss mit seinem scharfen Intellekt leuchten.

    Dass die Deutschen gern alle 50 Jahre einem Rattenfänger aufsitzen ist mittlerweile notorisch: Luther, Preussentum, Goethe, Bismarck, Marx, Wilhelm II., Hitler, MSS. Die Deutschen sind die Ideologie-Nation schlechthin.

  2. Reta Caspar sagt:

    Interessanter ist doch, dass die meisten Kantone in ihren Verfassungen bis ins 20. Jahrhundert ohne Anrufung eines Gottes auskamen…
    Im Bundesbrief heisst es: “Im Namen Gottes, amen.” Und dann, nach dem amen, kommt das Wesentliche ;-) Vielleicht war der Bund ein so fragiles Gebilde, dass man ihm durch eine invocatio mehr Gewicht geben wollte?

    Btw: Die neue polnische Verfassung erkennt beide Traditionen an: “…beschließen wir, das Polnische Volk – alle Staatsbürger der Republik, sowohl diejenigen, die an Gott als die Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und des Schönen glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen, sondern diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten, [...] in Dankbarkeit gegenüber unseren Vorfahren [...] für die Kultur, die im christlichen Erbe des Volkes und in allgemeinen menschlichen Werten verwurzelt ist [...] im Bewußtsein der Verantwortung vor Gott oder (sic!) vor dem eigenen Gewissen, uns die Verfassung der Republik Polen zu geben.” http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesbezug

  3. Genau, RC, die Fragilität unseres nur scheinbar “betonierten” säkularen Staates! FULLACK!!! Auch 1832 auf der Kippe zum Bürgerkrieg und kurz vor einer “Intervention” von Fürst Metternich … wurde der “Eidg. Bettag” erfunden. Gerade in einem Bund, wo die einen Katholisch und die anderen reformiert sind und waren (darum spielt dies als selbstverständlichkeit in den Kantonsverfassungen keine Rolle, es steht ja auch nicht in der Aargauer Kantonsverfassung, dass am Morgen die Sonne im Osten aufgehen soll, oder dass die Aargauer das Recht haben Wasser zu lassen), war der verzweifelte theistische Bezug die letzte Gemeinsamkeit. Die Polen sind in der komfortablenn Lage, dass sie ein ethnisch einheitlischer Nationalstaat bilden. Die können auch auf Gott verzichten, weil sie Blut und Boden. Aber vor die Wahl gestellt: Gott oder “Blut und Boden”, dann wähle ich lieber Gott, weil “Blut und Boden” ist mir dann doch zu “naturalistisch”.

  4. Reta Caspar sagt:

    Damals war der Gottesbezug wohl tatsächlich eine funktionierende Klammer, weil die meisten Leute auch einer der beiden Konfessionen angehörten.
    Der sogenannt “eidgenössische” Bettag wurde zwar von der Tagsatzung ausgerufen, rechtlich fixiert wurde er im Bundesrecht jedoch nirgends.
    Einmal mehr: was im 19. Jahrhundert funktioniert hat, ist auch nicht auf ewig betoniert: die Menschen emanzipieren sich von den Kirchen und ihrem Gottesbild. Bei der nächsten Verfassungsrevision dürfte deshalb wohl auch die Anrufung eines “Gottes” fallen. 1999 wurde sie beibehalten, weil man die Konservativen nicht provozieren und die Revision damit gefährden wollten.
    BR Koller relativierte sie damals in der Debatte: “Die Anrufung Gottes deutet zwar auf ein christlich-abendländisches Verständnis von Staat und Gesellschaft hin, kann aber heute auch als Gemeingut säkularisierter Humanität verstanden werden.” http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/n/4512/168868/d_n_4512_168868_168916.htm

  5. MS sagt:

    @GG: Wer sagt denn, dass die Wahl “Gott oder “Blut und Boden” ist. Das zeigt wieder, was für ein holzschnittartig schlichtes Gemüt Sie zu haben scheinen.
    Wie wäre es z. B. mit einer rechtsstaatlichen Verfassung, welche auf einem Contrat social basiert?

  6. Lieber MS. Der “contract social” ist – wenn sie nur fünf Sekunden logisch denken – ein Trostpreis für Dummköpfe.
    Oder haben sie etwas unterschrieben, bevor sie zur Welt kamen? Haben sie Sprache, Eltern und Haarfarbe gewählt? Die Zahl der Geschwister mitbestimmt? Zu gar nichts haben sie je ihre Zustimmung in einem “contract social” gegeben. Im Gegenteil, sie waren stets der Liebe, Gnade und Gunst von Eltern, Kindergärtnerinnen, Lehrkräften etc. ausgeliefert. Und in der Schweiz unterstehen sie einem “contract social” (Bundesverfassung) der bekanntlich mit den Worten “Im Namen Gottes des Allmächtigen” diese Kontingenz treffend abbildet.

    Auch in diesem Blog habe ich nie einen “contract” unterschrieben. Aber ich bin angewiesen darauf zu warten, dass man mich höheren Orts “freischaltet”. Nur der Allmächtige jenseits der Freischaltungsgewalt des Freidenker-Blogs kann mir Mut und Zuversicht geben, auch gegen den Strom dieser scheinbar “allmächtigen” Blogverwalter anzutreten, die meinen die “Freiheit” ausserhalb des Gottesglaubens zu finden. Es gehört zur Dialektik der Freiheit, dass sie mit der Bindung beginnt.

  7. @RC
    Wenn die Gottesanrufung auch “Gemeingut säkularisierter Humanität” sein kann (was wohl viele Reformierte auch so sehen würden) dann frage ich mich, warum es sich dann lohnt – ausser dass es der persönlichen Profilierung dient – aus einer Kirche auszutreten, die dies genauso sieht, ja in der man auch Glaubensbekenntnisse verwendet, welche die Menschenrechte beinhalten.

  8. Reta Caspar sagt:

    Weil sich die die Reformierten eben gerade nicht so definieren, GG.
    Die Reformierten könnten sich ja diese Richtung weiter reformieren.

  9. MS sagt:

    @GG: wieso soll man einen Contrat social als Foet unterschreiben? Wieso soll man sich nur zugehörig fühlen, wenn man verschiedene (in meinen Augen teilweise komplett irrelevante) Parameter selbst gewählt hat?

    Ich verstehe mich als Mitglied dieser Gesellschaft.

    Ich habe Vorstellungen, in welcher Art von Gesellschaft ich leben möchte: in einer Gesellschaft nämlich, in welcher Mitmenschlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit, Verlässlichkeit real sind. Und auch wenn das Ideale sind, gegen die im Alltag oft verstossen werden, sehe ich, dass sie eben auch sehr oft gelebt werden, und dass das unsere Gesellschaft zusammenhält.

    Ich versuche, im Rahmen meiner Möglichkeiten etwas zur Gesellschaft beizutragen.

    Ich habe von dieser Gesellschaft vieles bekommen, ich habe mir auch selber viel erarbeitet, und ich gebe von beidem viel weiter.

    Nennen Sie mich einen Dummkopf. In meinen Augen sind Sie mit Ihrem Beitrag vom 29. Januar 2012 um 21:05 ein selbstgerechter Zyniker.

  10. MS sagt:

    @GG: Die Präambel ist heikel, da sie sich auf eine höchst unplausible, unbewiesene und umstrittene Autorität beruft. Andererseits ist sie bekanntlich rechtlich nicht bindend. Und: Die Präambel geht weiter, nämlich mit etwas, was ich als Contrat social bezeichnen würde*. Und ausser mit dem Wort “Schöpfung” bin ich mit diesem Contrat social vollumfänglich einverstanden. Aber ein Contrat social ist ja nur für Dummköpfe, haben wir heute von Herrn Girardet gelernt.

    *Das Schweizervolk und die Kantone,

    in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,

    im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,

    im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,

    im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,

    gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

    geben sich folgende Verfassung:…

  11. Giorgio Girardet sagt:

    Lieber MS, einzig ein “contract social”, der ohne Gott auskommen will ist “für Dummköpfe”. Dieser Art war der “contract social” der Jakobiner und der Bolschewiken. Wie Sie richtig erkannt haben steckt in “Schöpfung” schon wieder “Gott” drin. Aber … das können Sie nicht wissen, auch in “Bund” steckt schon wieder “Gott” drin, denn es geht ja darum den “Bund”, von 1874 zu erneuern, der jenen von 1848 erneuerte, der jenen von 1815 etc. pp. bis aufs “Rütli” zurück, das den mythischne “contract social” (aber eben mit Gott “als Bundesgenosse”) verkörpert. Wenn im Calvinistischen Raum von “Bund” oder von “Covenant”, “Commonwealth” etc. die Rede ist, dann schwingen stets religiöse “Obertöne” mit. Natürlich hört auch jemand etwas dessen Ohr bei 18000 die Waffen streckt.

  12. MS sagt:

    Komische Autorität, auf die man sich beruft. Nicht nur ist deren Existenz komplett unbewiesen, sondern es ist auch keine einzige Auswirkung dieser Autorität nachweisbar. Es gibt schlicht keine Frage, welche man mit Gott-Idee besser beantworten könnte als ohne. Auf diesem Wunschdenken soll unsere Demokratie beruhen? Dann wäre sie nicht so stabil.

  13. Reta Caspar sagt:

    Sie ist stabil, solange eine solide Mehrheit daran glaubt. Diese Mehrheit bröckelt in Europa, und deshalb ist es einfach klüger, sich nicht mehr auf alte Konzepte zu verlassen.

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