Die Neujahrsansprache für das Jahr der Trennung von Kirche und Staat (20XX)

Gottesbezüge machen das Wesen religiöser Feste aus. Ansprachen zum Beispiel zu Weihnachten oder zum Ramadan sind für Anhänger der jeweiligen Glaubensrichtung bestimmt und werden von ihren Religionsführern (Papst, Imame, etc.) gehalten. Das passt in einen säkularen Staat mit Religionsfreiheit innerhalb säkularer Schranken. PolitikerInnen überschreiten diese Schranken, wenn sie ihr Amt und ihre medialen Möglichkeiten benutzen, religiöses Gedankengut über öffentliche Ansprachen zu verbreiten. Die letztjährige Ansprache der damaligen Schweizer Bundespräsidentin begann mit „Identität der Schweiz“ und endete mit „Gottes Segen“. Wenn – mal angenommen – der Leiter der UBS seinen MitarbeiterInnen zum neuen Jahr den firmeneigenen Slogan verkündet „Wir werden nicht ruhen” oder wenn der Hersteller der Bico-Matratzen den Seinen ein erfolgreiches neues Jahr „Für ä tüüfä gsundä Schlaf“ wünscht, ist das ganz normal und im Einklang mit ihrer Verkaufsstrategie. PolitikerInnen, erst recht BundespräsidentInnen, haben keinen Auftrag, auf die Ideologie oder das Dienstleistungsangebot irgendeiner religiösen Vereinigung hinzuweisen. Nach säkularem Verständnis haben sie wohl eher den Auftrag, die pluralistische Gesellschaft des Landes auf ihre gemeinsamen und damit Identifikation stiftenden Werte hinzuweisen und das sind säkulare Werte (Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, insbesondere Gleichberechtigung).
Was tun, wenn wieder Neujahrsansprachen mit religiösen Tendenzen kommen? Die Alternative Ansprache: Neujahrsansprache für das Jahr der Trennung von Kirche und Staat

7 Kommentare zu „Die Neujahrsansprache für das Jahr der Trennung von Kirche und Staat (20XX)“

  1. Lars Habermann sagt:

    Bundespräsidentin Angela Merkel spricht in ihrer Neujahresansprache 2011 fast dreissig Mal in der Wir-Form.
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article11906500/Angela-Merkels-Neujahrsansprache-fuer-2011.html
    Wen meint sie mit “Wir”? Die Ansprache beendet sie dann mit “mit Gottes Segen”. Die über 30% konfessionsfreien BürgerInnen in Deutschland wissen jetzt, dass Ihre säkulare Überzeugung von der Bundespräsidentin als unerwünscht ignoriert wird. Angesichts der Kirchenskandale und dem auch damit einhergehenden Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche und Religion hätte nur ein winziger Anhang wie zum Beispiel “mit Gottes Segen innerhalb säkularer Schranken” diese 30% ethikkompetenter BürgerInnen angesprochen. Chance verpasst.
    Mal sehen, wie es die Schweizer Kollegin formulieren wird.

  2. Lars Habermann sagt:

    Horst Seehofer, Bayrischer Ministerpräsident, genügt ein “Gottes Segen” in der Ansprache nicht. Er bedankt sich “bei den Kirchen und Religionsgemeinschaften, die immer wieder darauf hinweisen, dass die Rückbesinnung auf Grundwerte zu einem gelungenen Leben gehört.”
    http://www.bayern.de/Pressemitteilungen-.1255.10335918/index.htm
    Wie muss er sich gefühlt haben, als er sich jahrelang mit einer Geliebten vergnügt und ein Kind mit ihr gezeugt hat. http://www.bunte.de/society/anette-froehlich-ex-seehofer-geliebte-neu-verliebt-_aid_14534.html Christliche Grundwerte brechen, dabei die politische Karriereleiter aufsteigen und als Bayrischer Ministerpräsident der Kirche danken! Das mit der christlichen Sexuallehre klappt eben doch nicht, nicht einmal bei Priestern und schon gar nicht bei christlichen Politikern. Da kann man sie gleich über Bord kippen und die Kirchensteuern sparen für Sinnvolleres.

  3. Lars Habermann sagt:

    Bundesratspräsidentin Calmy-Reys Schlusssatz ihrer Neujahrsansprache 2011: «Ich wünsche Ihnen allen von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr.» http://www.20min.ch/news/schweiz/story/23437321

    Bravo, danke, schlicht und einfach: comme il faut!

  4. Martin Uebelhart sagt:

    @Jan Habermann. 31. Dezember 2010 um 17.56:

    Was heisst: „… 30 % ethikkompetente BürgerInnen“? Wissen Sie eigentlich, was Sie da schreiben? Kurzkommentar: Welch elitäre, menschenverachtende „herrenmenschliche“ Arroganz! Es ist freilich bezeichnend für die dogmatischen Anmassungen „evolutionärer Humanisten“, da ist nichts anderes zu erwarten …

  5. Lars Habermann sagt:

    @Martin Uebelhart, 2. Januar 2011 um 13:11:
    Langkommentar, um etwas Klarheit zu schaffen:
    1. Die Trennung von Kirche und Staat befürworten – nach meiner Erfahrung – auch Menschen, die in der Lage sind, ihren Glauben an einen Gott frei von kirchlichen Institutionen zu leben (wie in Genf und Neuenburg der Fall).
    2. “… 30% in SÄKULARER Ethik kompetenten BürgerInnen.”
    3. Der Vorwurf geht an Befürworter kirchlicher Institutionen und Machtausübung, nicht an gottesgläubige Menschen, die sich von der Kirche distanzieren und versuchen, menschlich nach humanistisch-säkularem Verständnis zu leben. Der Unterschied zwischen säkularer Ethikkompetenz oder gottesgläubigem Leben nach dem Vorbild Jesus Christus einerseits und kirchlicher Morallehre und -Praxis andererseits wird nicht zuletzt wegen der Kirchenskandale und der Reaktion der Kirche darauf immer deutlicher.
    Menschen mit säkularer Ethik – soweit meine tägliche Erfahrung – distanzieren sich von Institutionen, die Barmherzigkeit und Nächstenliebe als christliche Grundwerte unserer Gesellschaft preisen, dies als Rechtfertigung gesellschaftspolitischer Einflussnahme verwenden und dann zum Beispiel Kindsmissbrauch jahrzehntelang systematisch unterdrücken, verschweigen oder Nichtwissen (-wollen) vorgeben. Sollten Sie hier in diesem Zusammenhang von elitärer, menschenverachtender “herrenmenschlicher” Arroganz reden, würde ich mit Ihnen übereinstimmen.
    Säkulare Ethik ermöglicht zivil- und strafrechtliche Massnahmen zum Schutz der Menschenrechte und hier ganz besonders der Menschenwürde. Grosse Kultusbauten schützen nicht vor säkularer Verantwortung.
    Säkulare Ethikkompetenz distanziert sich von Überlegungen wie: Die Wahrung des weltweiten Einflusses der Kirchen und anderer Institutionen ist wichtiger als die rechtsgenügende Ahndung von Kindsmisshandlungen und anderer Verbrechen. Das ist das falsche Zeichen. Wenn säkulare Ethiker dieses unmoralische kirchliche Verhalten nicht anprangern würden, würde es Gefahr laufen, Schule zu machen. Das darf nicht sein. Sonst könnte zum Beispiel ein Familienvater eines seiner Kinder misshandeln und sagen, wichtiger als die Ahndung dieses einzelnen Missbrauchs sei der Erhalt seiner Autorität, schliesslich habe er gemäss christlichem Auftrag Kinder gezeugt und ernähre eine ganze Familie. Das darf wirklich nicht sein. So ein Problem zieht sofort weitere gesellschaftsschädigende Kreise: Wer straffällig geworden ist und das unterdrückt, hat in der Regel doch Mitwisser, damit ist er erpressbar geworden und wird erpresst. Ob die Kirche schon längst erpressbar geworden ist und erpresst wurde, kann behauptet, aber bisher weder bewiesen noch widerlegt werden. Es gilt einzig die Unschuldsvermutung, mehr nicht. Die generelle Verschwiegenheit der kirchlichen Institutionen ist diesbezüglich nicht gerade vertrauensfördernd. Wenn hier jemand nicht versteht, worauf dieser Gedanke hinaus will, soll es es lassen. Hier näher drauf einzugehen, wäre heute eine zu grosse „Ent-“Täuschung für viele. Mal sehen, ob eine Institution wie WikiLeaks Licht ins Dunkel bringen wird. Die Kirchen können klerikale strafrechtlich relevante Handlungen unterdrücken. Das erlaubt ihnen die staatsrechtlich zugesicherte Unabhängigkeit vom Staat (leider). Aber kein Gesetz der Welt schützt sie vor der Verantwortung vor Menschen mit säkularer Ethik und dazu gehören auch immer mehr Menschen, die an einen “gütigen Gott” glauben. Es schmerzt ihnen, wenn in der Öffentlichkeit ihr Bekenntnis zu einem Gott, dass ihnen in ihrem Leben Kraft gibt, mit der Akzeptanz von Kirchenskandalen gleichgesetzt und damit durch kirchliches Verschulden herabgewürdigt wird. Die Trennung vom Glauben an einen Gott und von kirchlichen Institutionen, sowie der Stop weiterer finanzieller Unterstützung dieses Verhaltens in Form von Kirchensteuern ist hier die effektivste und effizienteste Lösung. Glauben wird Privatsache. Damit können – so meine Erfahrung – immer mehr gottesgläubige Menschen immer besser leben. So wenden sich diese Menschen nicht unbedingt von ihrem Glauben an einen Gott ab, sondern von der kirchlichen Institution (Kirchenaustritt). Was können sie schon anderes tun. Kirchliche Institutionen, insbesondere die römisch-katholische Kirche, sind demokratiefeindlich: Der Vatikanstaat ist als absolute Monarchie konstituiert und macht keine Anstalten, das zu ändern. Sämtliche Rufe nach Reformen werden ignoriert oder erst nach hunderten von Jahren als „Errungenschaft der Kirche“ ausgegeben. Beten nützt hier gar nichts, Kirchenaustritt und Rückzug ins Private umso mehr. Quasi Schutz des guten Glaubens an einen Gott vor kirchlichem Glaubensmissbrauch. Der von diesem selbst zu verantwortenden Verlust an kirchlicher Autorität und Glaubwürdigkeit beschleunigt den Weg der säkular aufgeklärten, in säkularer Ethik leben wollenden Gesellschaft. Und das ist gut so. Für Säkulare und kircheninstitutionsfrei Gottesgläubige. Übrigens, Gesagtes betrifft nicht nur die christlichen Kirchen. Die Privatisierung des Glaubens ist auch einer der vielversprechendsten Ansätze aktuelle Probleme anderer Glaubensrichtungen anzugehen. Sollten sie hierauf antworten, dürfen Sie neben Bewertungen auch Argumente liefern. Argumente und (selbst-) kritisches Denken gehören zum säkularen Ethikverständnis.

    Ich respektiere Ihre eigene Meinung, auch bei grosser Verschiedenheit zu der Meinen, und wünsche Ihnen einen schönen Sonntagabend.

  6. Martin Uebelhart sagt:

    @ Lars Habermann. Ich bleibe beim kritisierten Punkt. Sie sollten es mit Ihrer eigenen Argumentation schon ein bisschen seriöser nehmen. Zuerst schreiben Sie von „30 % konfessionslosen“, dann von „30 % ethikkompetenten BürgerInnen“ – und im Sinnzusammenhang meinen Sie dasselbe Bevölkerungssegment. Ob „Konfessionslose“ a priori „ethischkompetenter“ sind als Angehörige einer religiösen Gemeinschaft, kann wohl nicht untersucht werden – zumal zu diesen „30 %“ Konfessionslosen ja auch Angehörige okkulter Gruppierungen, esoterischer Sekten, neuvölkischer Neuheiden u. a. zu zählen sind. Das Segment der „Konfessionslosen“ ist ja kein monolithischer Block. Da stinkt es – gerade auch in Deutschland wieder – teilweise recht bräunlich. Diese Feststellung werden Sie akzeptieren müssen. Aber dann verzichten Sie bitte darauf, die übrigen 70 % der Bevölkerung, die (noch) den grossen Religionsgemeinschaften angehören, pauschal als ethische Deppen abzustempeln. Das tun Sie nämlich. Und das ist menschenverachtend – und sektiererisch.
    Sie „relativieren“ dies nun aber umständlich und umreissen Ihren Ethik-Begriff zugleich enger. Nach Ihrer nachgereichten Definition ist „säkular ethisch“, wer keiner etablierten Kirche angehört. Sorry, bei aller Höflichkeit, Herr Habermann: Das ist schlichter Schwachsinn, auf den man nicht weiter eingehen kann.
    Letztlich bleibt die Frage: Wer besitzt die Definitionsmacht über „Ethik“? Die Freidenker-Vereinigung? Ein säkulares ZK? Eine säkulare Kurie? Oder der Popscience-Neonietzscheaner Schmidt-Salomon?

    PS. Es gibt nicht nur säkulare Kritiker kirchlicher Skandale und Kungeleien, sondern auch Theologen, deren Ernsthaftigkeit nicht in Frage gestellt werden darf. Bitte nicht pauschalisieren!

  7. Lars Habermann sagt:

    @Martin Uebelhart
    Diese Zeilen nehmen Bezug auf Ihren Kommentar. Sie richten sich aber nicht an Sie, sondern an konfessionsfreie Menschen, sowie an religiöse Menschen, die ihren Glauben im Privaten leben.
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    Geschichtsbewusstsein für eine „Konstante des christlichen Abendlandes“:
    Herr Uebelhart benutzt in seinem Kommentar sehr heftige Bezeichnungen für mich und „evolutionäre Humanisten“ (Begriff vgl. http://www.giordano-bruno-stiftung.de/):
    - „elitäre, menschenverachtende herrenmenschliche Arroganz!“ und
    - „dogmatische Anmaßung evolutionärer Humanisten“

    Damit wird einmal mehr versucht, antisemitische Verbrechen des Nationalsozialismus mit Nicht-Christen in Verbindung zu bringen. Unverständlich! Christen gegen Juden ist keine Erfindung des Nationalsozialismus, sie ist eine „Konstante des christlichen Abendlandes“. Die Wissensgrundlage dazu ist breit abgestützt.

    Meinungsbildung via Faktenwissen:
    Dr. Gerhard Czermaks Manuskript „2000 Jahre Christen gegen Juden“: Wer will, findet dort reichhaltige Literaturhinweise zur Vertiefung. Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Giordano Bruno Stiftung (a.a.O.) und deshalb von Herrn Uebelhart mitgemeint. Der interessierte Leser kann sich mit diesem kurzen Manuskript selber ein Bild machen, ob Menschen wie die „evolutionären Humanisten“ tatsächlich so sind, wie Herr Uebelhart behauptet, oder eben nicht: http://fowid.de/fileadmin/textarchiv/Czermak_Gerhard/2000_Jahre_Christen_vs_Juden_TA2000_8.pdf

    Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsverlust!
    Die christlich-abendländische Kultur enthält Bestandteile die säkulare Werte wie Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechtsschutz verhindern und sogar bekämpfen. Im Herbst 2011 ist ein Papst-Besuch in Deutschland geplant. Ich stelle mir vor, wie er auf die lange Tradition und große Bedeutung der Kirche als Bewahrerin christlicher Werte hinzuweisen versucht, und dabei immer mehr Menschen beginnen, säkular nachzudenken und aufhören, religiös nachzubeten.

    Bekenntnisse zur christlich-abendländischen Kultur geringschätzen die Errungenschaften der Aufklärung:
    Parteien und Politiker, die sich undifferenziert zur christlich-abendländischen Kultur bekennen und sie als Basis für ihre Identität und das Zusammenleben sehen, übersehen oder akzeptieren sogar ganz bewusst wesentliche, systemimmanente Schwächen und Fehler der christlichen Kultur. Die Errungenschaften der Aufklärung mussten – und müssen teils immer noch – gegen heftigen Widerstand der Kirchen durchgesetzt werden. Dank der Kraft der Aufklärung begann ein Mentalitätswandel, der wesentliche Verhaltensänderungen der Menschen erst möglich machte. Diese Errungenschaften sind für uns heute unverzichtbar. Hierzu gehören Werte wie Vernunft als universelle Urteilsinstanz, die Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse, insbesondere der Naturwissenschaften, Pressefreiheit und ganz besonders bürgerliche Rechte unter Zugrundelegung allgemeiner Menschenrechte sowie rechtsstaatliche demokratische Staatsformen. Wer sich einerseits auf christlich-abendländische Kultur beruft und sich andererseits als Schützer von erst im Zuge der Aufklärung entstandenen säkularen Werten wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sieht, läuft Gefahr, das kirchliche Schicksal des Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsverlustes zu teilen. Glaubwürdigkeit gewinnt heute, wer differenziert Stellung nimmt und sich klar von christlich-abendländischen Unkulturen und ihren Vertretern distanziert und damit säkulare Werte anerkennt und durchsetzt.

    Fehlende Orientierung?
    Nach dem Verlust ihrer Macht herrscht nur innerhalb der Kirche und ihrer Anhänger Orientierungslosigkeit! Säkulare Ethik ist Orientierung, sie muss nur vermittelt werden. Solange die Kirchen und sogar der Staat selbst via indoktrinösem Religionsunterricht das verhindern, kann sie nicht voll zum Tragen kommen. Säkular orientierte BürgerInnen müssen hier mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Es lohnt sich.

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