Die 10 An-Gebote des evolutionären Humanismus

von Michael Schmidt-Salomon

Vorbemerkung Diese zehn „Angebote“ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeisselt. Keine „dunkle Wolke“ sollte uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.

  1. Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“ (die bei genauerer Betrachtung nichts weiter als naive Primatenhirn-Konstruktionen sind), sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern! Diejenigen, die behaupteten, besonders nah ihrem „Gott“ zu sein, waren meist jene, die dem Wohl und Wehe der realen Menschen besonders fern standen. Beteilige dich nicht an diesem Trauerspiel! Wer Wissenschaft, Philosophie und Kunst besitzt, braucht keine Religion!
  2. Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten!
    Du wirst nicht alle Menschen lieben können, aber du solltest respektieren, dass jeder Mensch – auch der von dir ungeliebte! – das Recht hat, seine individuellen Vorstellungen von „gutem Leben (und Sterben) im Diesseits“ zu verwirklichen, sofern er dadurch nicht gegen die gleichberechtigten Interessen Anderer verstösst.
  3. Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
    Bedenke, dass die Stärke eines Arguments völlig unabhängig davon ist, wer es äussert. Entscheidend für den Wahrheitswert einer Aussage ist allein, ob sie logisch widerspruchsfrei ist und unseren realen Erfahrungen in der Welt entspricht. Wenn heute noch jemand mit „Gott an seiner Seite“ argumentiert, sollte das keine Ehrfurcht auslösen.
  4. Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!
    Wer in der Nazidiktatur nicht log, sondern der Gestapo treuherzig den Aufenthaltsort jüdischer Familien verriet, verhielt sich im höchsten Masse unethisch – im Gegensatz zu jenen, die Hitler durch Attentate beseitigen wollten, um Millionen von Menschenleben zu retten. Ethisches Handeln bedeutet keineswegs, blind irgendwelchen moralischen Geboten oder Verboten zu folgen, sondern in der jeweiligen Situation abzuwägen, mit welchen positiven und negativen Konsequenzen eine Entscheidung verbunden wäre.
  5. Befreie dich von der Unart des Moralisierens!
    Es gibt in der Welt nicht „das Gute“ und „das Böse“, sondern bloß Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Lernerfahrungen. Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.
  6. Immunisiere dich nicht gegen Kritik!
    Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest. Durch solche Kritik hast du nicht mehr zu verlieren als deine Irrtümer, von denen du dich besser heute als morgen verabschiedest. Habe Mitleid mit jenen Kritikunfähigen, die sich aus tiefer Angst heraus als „unfehlbar“ und ihre Dogmen als „heilig“ (unantastbar) darstellen müssen. Sie sollten in einer modernen Gesellschaft nicht mehr ernst genommen werden.
  7. Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher!
    Was uns heute als richtig erscheint, kann schon morgen überholt sein! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.
  8. Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst!
    Du verfügst als Mensch über ein ausserordentlich lernfähiges Gehirn, lass es nicht verkümmern! Achte darauf, dass du in Fragen der Ethik und der Weltanschauung die gleichen rationalen Prinzipien anwendest, die du beherrschen musst, um ein Handy oder einen Computer bedienen zu können. Eine Menschheit, die das Atom spaltet und über Satelliten kommuniziert, muss die dafür notwendige Reife besitzen.
  9. Geniesse dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben!
    Sei dir deiner und unser aller Endlichkeit bewusst, verdränge sie nicht, sondern „nutze den Tag“ (Carpe diem)! Gerade die Endlichkeit des individuellen Lebens macht es so ungeheuer kostbar! Lass dir von niemandem einreden, es sei eine Schande, glücklich zu sein! Im Gegenteil: Indem du die Freiheiten geniesst, die du heute besitzt, ehrst du jene, die in der Vergangenheit im Kampf für diese Freiheiten ihr Leben gelassen haben!
  10. Stelle dein Leben in den Dienst einer „grösseren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en!
    Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz. Es scheint so, dass Altruisten die cleveren Egoisten sind, da die grösste Erfüllung unseres Eigennutzes in seiner Ausdehnung auf Andere liegt. Wenn du dich selber als Kraft im „Wärmestrom der menschlichen Geschichte“ verorten kannst, wird dich das glücklicher machen, als es jeder erdenkliche Besitz könnte. Du wirst intuitiv spüren, dass du nicht umsonst lebst und auch nicht umsonst gelebt haben wirst!

Aus:
Michael Schmidt-Salomon
Manifest des Evolutionären Humanismus
Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005
S.156-159

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4 Kommentare zu „Die 10 An-Gebote des evolutionären Humanismus“

  1. xy sagt:

    Nach der heutigen Sendung auf SF1 habe ich das erste mal mich näher über Freidenkertum informiert. Diese Thesen sind sehr gut. Ich würde mich als humanistische Atheistin bezeichnen, bin religiös aufgewachsen, glaube an keinen Gott und kein Leben nach dem Tod. Spüre aber erstaunlicherweise ganz klar bei religiösen Ritualen ein Berührt-Werden. Ich werde ganz klar berührt, ohne an irgendwelche Kräfte ausserhalb des Psychisch-Materiellen zu glauben. Wie kann man das erklären?

    Freundliche Grüsse

  2. Reta Caspar sagt:

    Wer religiös sozialisiert ist, ist mit den religiösen Ritualen aufgewachsen. Diese Erfahrungen sind vor allem bei Katholiken und Freikirchen oft sehr emotional und entsprechend tief im Unterbewusstsein verankert.
    Wir machen zum Beispiel auch die Erfahrung, dass langjährige, überzeugte Freidenker – im hohen Alter und bei Vorliegen einer Demenz – zum Erstaunen ihrer Familie plötzlich Kirchenlieder oder Kindergebete aufsagen. Das bedeutet aber nicht, dass sie nun religiös geworden sind, sondern dass mit den altersbedingten Veränderungen des Gehirns vor allem die sehr früh gemachten Erfahrungen präsenter sind.

  3. Freiherr sagt:

    Die besseren 10 Gebote.

    Zu 3. oder 4. fehlt mir noch das Schweigen und der passive Widerstand:

    Luegen haben kurze Beine. Deshalb ist auch Kriegsgefangenen Schweigen vorgeschrieben. Wie in der modernen HexeRjuxtiz gar im tiefsten Frieden werden Aussagen im Krieg von Gewahrsamsmaechten verdreht und unterschoben. Sagt jemand nix, gibts auch nix zu verdrehen und zu unterschieben….

    In Kenia habens die Mau Mau gegen die vorletzten Moechtegernweltbeherrscher mit Gewalt versucht. Das legitimierte die Kolonialmacht – schon zur Eigensicherung ihrer Truppen – die Befreiungsbewegung mit ueberlegener Gewalt zu keulen.

    In Indien war Gandi mit nur passivem Widerstand erfolgreich. Das bedingt jedoch ein Volk, das rechtzeitig solidarisch auf braune oder neobraune Sumpfblueten (schon gar bis hin zur Kindesversklavung, straffreiem Kindersex ohne untere Altersgrenze fuer privilegierte Kasten und Apartheid) reagiert. Bevor nur noch Mord oder Tod zur “Auswahl” verbleibt….

  4. Charles-Louis Joris sagt:

    Ein Schmarren – wozu denn wieder auf 10 Gebote greifen und die dann noch umständlich einzeln drechseln? Warum kann man im agnostischen Sinne nicht auf diese idiotische Antithetik verzichten und sich auf das beweisbare beschränken? Hierzu gigts keine Gebote, erheischt es keiner Gebote. Gebote sind Denkverbote.
    In diesem Sinne ebenso unsinnig ist – so wie neulich gelesen – der verkrampfte Versuch zum Entwurf einer gott-, götter- und geisterfreien Spiritualität.

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